Algerien Geschichte

    Aus Länder-Lexikon.de


    Antike bis Mittelalter

    Das Staatsgebiet des heutigen Algerien war in der Antike Teil des Herrschaftsgebietes von Karthago, der zu dieser Zeit bedeutendsten See- und Handelsmacht im westlichen Mittelmeerraum. In drei Kriegen (den so genannten Punischen Kriegen) wurde die Macht des Stadtstaates gebrochen und Karthago 146 v.Chr. von römischen Legionen erobert und zerstört. Die Küstenregionen Algeriens wurden unter dem Namen Numidien und Mauretanien als Provinzen dem Römischen Reich einverleibt.

    Im Laufe des 5. Jahrhunderts n.Chr. fielen die genannten Regionen für den Zeitraum eines Jahrhunderts unter die Herrschaft der Vandalen, eines germanischen Volkes, das ursprünglich aus Nordeuropa stammte. Danach wurde es von Byzanz beherrscht, bis es im 7. Jahrhundert Araber eroberten, die die einheimischen Berber gewaltsam islamisierten. Lokale Dynastien waren in den folgenden Jahrhunderten an der Macht. 1519 wurde das Gebiet des heutigen Algerien Teil des Osmanischen Reiches, das von den ansässigen Mauren gegen die angreifenden Spanier zu Hilfe gerufen worden war. Bis ins frühe 19. Jahrhundert bildete die Seeräuberei eine wichtige Einnahmequelle für die arabisch-berberischen Sultanate Nordafrikas, die als Barbareskenstaaten in die Geschichte eingingen.

    Das 19. Jahrhundert

    Abd el Kader

    Teilweise um die unsicheren Zustände im westlichen Mittelmeer zu verbessern, begann Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, machtpolitischen Einfluss auf die Region auszuüben und besetzte 1830 Algier. Gegen den erbitterten Widerstand der Berber wurde in den folgenden 40 Jahren das Land unter militärische Kontrolle gebracht und politisch und wirtschaftlich dem französischen Mutterland angegliedert. Es folgten bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gebietsgewinne jenseits des Atlasgebirges, Algerien wurde offizielle Kolonie Frankreichs.

    Die erste Hälfte des 20. Jh.s

    In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts formierte sich im Rahmen des einsetzenden algerischen Nationalgefühls eine Widerstandsbewegung gegen die Kolonialmacht Frankreich. 1925 wurde eine Unabhängigkeitsbewegung gegründet, der Messali Hadj vorstand. 1943 forderte F. Abbas die Autonomie Algeriens. Gleichzeitig bildete das Land in der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs während des zweiten Weltkriegs die Ausgangsbasis sowohl für die französische Widerstandsbewegung als auch für alliierte Kriegsaktionen im westlichen Mittelmeer.

    Kampf um die Unabhängigkeit

    Die Spannungen nach dem Krieg stiegen und 1954 initiierte die FLN (Front de Libération Nationale) einen Aufstand, der in einen siebenjährigen Krieg gegen Frankreich mündete. Die FLN gründete erst in Kairo, dann in Tunis eine Exilregierung und erreichte bei Verhandlungen 1958 weitgehende Zugeständnisse der französischen Regierung, die ein Autonomiegesetz im Sinne der Aufständischen verabschiedete. Dies führte als Gegenbewegung zur Gründung der OAS, einer Geheimorganisation von nationalistischen Algerienfranzosen und Mitgliedern der französischen Algerienarmee, die sich in den Jahren 1961 und 1962 mit Terroranschlägen der anstehenden Unabhängigkeit Algeriens zu widersetzen versuchten. Nach der Verhaftung der Anführer zerfiel die OAS.

    Von 1962 bis zu den ersten freien Wahlen

    Im Abkommen von Évian-les-Bains wurde Algerien 1962 unabhängig. Schätzungsweise eine Million Menschen waren in dem von beiden Seiten mit großer Brutalität geführten Krieg getötet worden. Erster Staatspräsident wurde Ben Bella, der bereits 1954 die Unabhängigkeitsbewegung angeführt hatte. Unter ihm - zuerst als Ministerpräsident, dann ab 1963 als Staatspräsident - entstand ein sozialistischer Einparteienstaat unter Führung der FLN, der im Sinne eines "islamischen Sozialismus" zum einen die Industrialisierung forcierte, zum anderen auf Verstaatlichung der Schlüsselindustrien setzte. Nach einem Militärputsch folgte auf Ben Bella H. Boumedienne (der ab 1977 Staatspräsident war), der nach blutigen Konflikten um Territorien in der Sahara 1978 von Chadli Bendjedid beerbt wurde. Dieser setzte Ende der 90er Jahre Reformen durch, die ein Mehrparteiensystem ermöglichten. Im Rahmen der politischen Öffnung wurde 1989 auch die fundamentalistisch orientierte Islamische Heilsfront (FIS) zur Wahl zugelassen, die bei den ersten freien Wahlen 1991 überraschend den Wahlsieg errang.

    Von 1991 bis heute

    Daraufhin wurden die Wahlen annulliert, Staatspräsident Chadli Bendjedid trat zurück und das Militär übernahm mittels eines Hohen Staatskomitees unter M. Boudiaf die Macht. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, die FIS verboten, die Führer der Islamischen Heilsfront verhaftet und Internierungslager eingerichtet. Ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den nun aus dem Untergrund agierenden radikalen Islamisten und der Staatsgewalt entbrannte, der nach internationalen Schätzungen mehr als 100 000 Menschenleben kostete. Bereits wenige Monate nach Amtsantritt wurde Boudiaf ermordet und Ali Kafi, ab 1994 L. Zéroual folgten ihm als Vorsitzender des Hohen Staatskomitees, das 1997 wieder vom regulären Parlament ersetzt wurde.

    1996 trat eine neue Verfassung in Kraft. 1999 wurde - nach dem Rücktritt von Zéroual - der gemäßigte Abdel Aziz Bouteflika zum neuen Präsidenten Algeriens gewählt. Er bot eine Generalamnestie an, in deren Rahmen die Kämpfer der FIS entwaffnet werden und das Land befriedet werden sollte. Die Mehrzahl der FIS-Mitglieder legte die Waffen nieder, während sich zwei Gruppen (GIA und AIS) abspalteten und zu Terroraktionen übergingen.

    Neben der Frontstellung zwischen radikalen Islamisten und Staatsführung trat 1998 ein weiterer Konfliktherd zwischen Berbern und Islamisten offen zutage, als die Staatsführung den Islamisten entgegenkam und Arabisch zur Staatssprache erhob. In der Kabylei, einer überwiegend von Berbern bewohnten Region, kam es wiederholt zu blutigen Unruhen und zu einem Generalstreik. Im April 2002 stimmte das Parlament einer Verfassungsänderung zu: Die Berbersprache Tamazight wurde neben dem Arabischen als Nationalsprache eingeführt, besitzt jedoch nicht den Status einer offiziellen Amtssprache.

    Nach seiner Wiederwahl 2004 legte Bouteflika eine "Charta für Frieden und nationale Versöhnung" vor. Sie wurde im September 2005 in einem Referendum angenommen. Die Charta umfasst eine Generalamnestie sowohl für staatliche Sicherheitskräfte und vom Staat bewaffnete Milizen als auch für bewaffnete Gruppen. Sie verneint jede Verantwortung der Sicherheitskräfte und der Milizen für schwere Menschenrechtsverletzungen.

    Die zunehmende Gewalt islamistischer Terrorgruppen bereitet dem Land weiterhin Probleme. Die Terrororganisation Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat (GSPC) schloss sich Anfang 2007 Al Kaida an. Nachdem die Regierung feststellte, dass die Salafisten kaum das Amnestieangebot nutzten, verschärfte sie ihr Vorgehen gehen die Radikalen. Mehrere Islamisten wurden seitdem bei Gefechten mit der Armee getötet. Dennoch setzen sich die Terroranschläge seitdem fort.

    2009 gewann Bouteflika zum dritten Mal die Präsidentenwahl in Algerien. Er versuchte nach Unruhen in der ersten Jahreshälfte 2011, Reformbereitschaft zu signalisieren. Die Verabschiedung einer Reihe von Gesetzen hatte Kritikern zufolge jedoch einen eher kosmetischen Charakter.