Argentinien Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühzeit bis Neuzeit

Archäologische Funde weisen darauf hin, dass in einigen Gegenden des heutigen Staatsgebietes bereits seit 10 000 v.Chr. Sammler und Jäger lebten. Vor allem der Nordwesten des Landes wurde bereits um 500 v.Chr. von den südlicher gelegenen weiter entwickelten Ländern beeinflusst. So kamen in dieser Zeit Neuerungen im Feldbau, der Keramik- und der Metallbearbeitung aus dem bolivianischen Hochland. In der Blüte der mittelkeramischen Periode von 600 bis 1000 n.Chr. und in der spätkeramischen Periode bis 1480 entstanden erste stadtähnliche Siedlungen. 1480 unterwarfen die Inkas den Nordwesten und machten ihn zu einem Teil ihres weit verzweigten Reiches.

Der europäische Einfluss setzte 1515 mit der Landung des Spaniers Juan Díaz de Solís an der Mündung des Rio de la Plata ein. Ein Hauptgrund war die Suche nach Silber, das dem Land seinen heutigen Namen gab (lat. argentum = Silber). Gegen den Widerstand der Indianer wurde das Hinterland erobert und 1776 als eigenständiges Vizekönigtum "Río de la Plata" in Besitz genommen. Bis zur Unabhängigkeit 1816 gehörte das Land zum spanischen Kolonialreich, doch während Mexiko, Bolivien und Peru wegen ihrer reichen Bodenschätze und indianischer Arbeitskräfte das besondere Interesse der Besatzer fanden, blieb Argentinien auf Grund des Fehlens dieser Eigenschaften verhältnismäßig wenig beachtet.

19. Jahrhundert

Schon bald suchten die nach Argentinien eingewanderten Siedler auf Grund der wirtschaftlichen Schwäche der Spanier Kontakt mit den prosperierenden und industriell überlegenen Engländern. Doch als diese Anfang des 19. Jahrhunderts die enger gewordenen Handelsbeziehungen ausnutzen wollten und Buenos Aires kurz hintereinander zweimal überfielen, wurden sie von den Argentinischen "Criollos" (Kavallerie benannt nach den halbwilden argentinischen Pampa-Pferden) vernichtend geschlagen. Aus diesen Erfolgen entstand ein Nationalbewusstsein, das sich in Folge auch gegen die spanischen Herrscher richtete. 1810 wurde der spanische Vizekönig abgesetzt und nach militärischen Auseinandersetzungen erklärten die argentinischen Sieger 1816 auf dem Kongress von Tucumán formell ihre Unabhängigkeit.

Ein Bürgerkrieg zwischen progressiv-liberalen Kaufleuten der Hauptstadt, den so genannten Unitariern, und eher konservativen Großgrundbesitzern, den Föderalisten, brach aus. Die Föderalisten unter Juan Manuel de Rosas setzten sich durch und de Rosas errichtete einen ersten diktatorisch regierten argentinischen Einheitsstaat. Nach seinem Sturz 1852 gab sich das Land eine Verfassung und wurde nach kriegerischen Jahrzehnten 1880 zum Bundesstaat. Ein steiler wirtschaftlicher Aufschwung begann und eine verstärkte europäische Einwanderung setzte ein. Mit den Einwanderern kamen auch neue politische Ideen und die erste Massenpartei, die "Unión Cívica" (Bürgerunion) wurde gegründet, aus der später die "Union Cívica Radical" entstand. Sie führte 1912 das freie, geheime, gleiche und allgemeine Wahlrecht ein.

20. Jahrhundert

Juan Domingo Perón

Sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg verhielt sich Argentinien politisch und militärisch neutral. Doch der wirtschaftliche und sozialpolitische Wohlstand der zwanziger Jahre wurde durch Weltwirtschaftskrise und Unfähigkeit der politischen Führung zunichte gemacht. 1930 kam es zu einem Militärputsch und die konservativ-nationalen Kräfte gewannen die Oberhand. 1943 schließlich übernahm das Militär selbst die Macht und 1946 wurde Juan Domingo Perón mit seiner neuen Partei "Partido Laborista" zum Präsidenten gewählt. Mit seiner Politik des "dritten Weges" suchte er einen Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Seine Wählerschaft rekrutierte Perón vor allem aus den unteren sozialen Schichten, den so genannten "Descamisados", den "Hemdlosen". Sowohl seine als auch die Ausstrahlung seiner Frau Evita machten den Perónismus für eine Mehrheit der Argentinier populär. Doch die ambitionierten Sozialreformen und die Nationalisierung der Wirtschaft scheiterten. Evita Perón starb 1952, 1955 griff das Militär erneut ein und stürzte auch Juan Domingo Perón, der ins Exil nach Madrid ging.

Eine politisch instabile Phase begann: Die Staatsführungen wechselten rasch zwischen Militäradministrationen und gewählten Regierungen; als 1972 Perón aus dem Exil gemeinsam mit seiner neuen Frau nach Argentinien zurückkehrte, erschien er deshalb einer großen Mehrheit zunächst als der Retter in der Not. Doch es gelang Perón nicht, die neuen sozialen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen. 1976 putschte das Militär erneut und eine Dreier-Junta aus Armee, Marine und Luftwaffe übernahm die Macht. Die Zahl der politisch basierten Morde stieg sprunghaft an und eine politische Eiszeit legte sich über das Land, deren Nachwirkungen heute noch spürbar sind.

María Eva - Evita - Duarte de Perón

Erst die Wahl von Raul Alfonsin, Kandidat der Radikalen, im Jahr 1983 brachte die Wende nach Jahrzehnten militärischer oder peronistischer Herrschaft. Politische Parteien und Gewerkschaften wurden wieder zugelassen und die verfassungsmäßige Ordnung, die von der Junta in wesentlichen Teilen aufgehoben worden war, wiederhergestellt. Angehörige der früheren Militärjunta mussten sich vor Gericht verantworten und wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. 1987 und 1988 versuchte das Militär erneut zu putschen, doch dieses Mal konnten die Versuche vereitelt werden. Die Frage der Amnestie blieb ein innenpolitisch brisantes Thema und als 1989 der Peronist Carlos Saúl Menem das Amt des Staatspräsidenten übernahm, erließ er bereits im folgenden Jahr für alle Beteiligten an den terroristischen Aktivitäten des Militärregimes eine Amnestie.

Eine neue Verfassung folgte 1994, und Menem wurde 1995 wieder gewählt. Durch ein radikales neoliberales Wirtschaftsprogramm privatisierte und sanierte die Regierung weite Teile der Wirtschaft. Menems Nachfolger im Amt des Staatspräsidenten und Regierungschefs wurde im Dezember 1999 Fernando de la Rúa. Unter der Regierung der "Allianz" gelang es, das Land im Jahr 2000 in politisch ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Das gleiche sollte nun in der Wirtschaft geschehen, Reformprogramme und ein Kredit des Internationalen Währungsfonds - der jedoch Ende 2001 wieder abgesagt wurde - sollten das Land, das Ende 2000 am Rande der Zahlungsunfähigkeit stand, weiter stabilisieren.

21. Jahrhundert

Der rigorose Sparkurs, der von Präsident de la Rúa und von Wirtschaftsminister Domingo Cavallo vertreten wurde sowie eine Sperrung der Privatkonten führten im Dezember 2001 zu gewalttätigen Protesten der Bevölkerung; daraufhin wurde ein 30-tägiger Ausnahmezustand verhängt. De la Rúa und Cavallo traten am 20. Dezember zurück; der neue Staatspräsident Adolfo Rodríguez Saá (Peronist) konnte sich nur wenige Tage im Amt halten und wurde nach seinem Rücktritt vom peronistischen Senator Eduardo Duhalde ersetzt. Das Land wurde nun wirklich zahlungsunfähig. Unter Duhalde wurde die 1:1-Bindung des Peso an den US-Dollar aufgehoben und der Peso um fast ein Drittel gegenüber dem US-Dollar abgewertet. Der Interimspräsident Duhalde wurde nach den im Frühjahr 2003 stattfindenden Wahlen von Néstor Kirchner abgelöst. Die Wahlen im Oktober 2005 bestätigten Kirchner im Amt.

Im August 2003 wurden die Gesetze für die Amnestie von Angehörigen der früheren Diktatur aufgehoben. Seitdem fanden die ersten Prozesse gegen ehemalige Soldaten und Offiziere der Militärjunta sowie andere Beteiligte an der Militärdiktatur statt. 2006 wurden die während der Diktatur begangenen Menschenrechtsverletzungen erstmals als "Völkermord" bezeichnet. Damit sind die Verbrechen von der Verjährung ausgenommen.

Seit 2003 konnte sich Argentinien von der Wirtschaftskrise der vorangegangenen Jahre erholen und verzeichnet seitdem ein jährliches Wirtschaftswachstum zwischen 8 % und 9 %. Die positive wirtschaftliche Entwicklung wurde allerdings durch eine ausufernde Inflationsrate (offiziell 8 %, tatsächlich mehr als 20 %) und die anhaltende Energiekrise getrübt. 2008 gründete Argentinien zusammen mit den anderen elf unabhängigen Staaten Südamerikas die Union Südamerikanischer Nationen (Unasur) nach Vorbild der Europäischen Union.

Kirchner trat 2007 bei den Präsidentschaftswahlen nicht mehr an, neue Staatschefin und erste gewählte Präsidentin des Landes wurde seine Ehefrau Cristina Fernández de Kirchner. Bei vorgezogenen Parlamentswahlen 2009 verlor die Regierungspartei ihre Mehrheit. Eine von der Regierung per Erlass durchgeführte Erhöhung der Exportsteuer für bestimmte Getreideprodukte führte 2008 zu gewaltsamen Bauernprotesten. Das Gesetz über diese Steuermaßnahme scheiterte schließlich im Juli 2008 im Senat. Damit musste die Präsidentin eine schwere innenpolitische Niederlage hinnehmen. Dennoch wurde sie im Oktober 2011 mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt. Bei den gleichzeitig abgehaltenen Parlamentswahlen erlangte die Regierungspartei in beiden Kammern die Mehrheit zurück.