Bosnien-Herzegowina Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Anfänge

Im 1. Jt. v.Chr. besiedelten illyrische Volksstämme den gesamten Balkan und damit auch das Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowina. Ab etwa 400 v.Chr. wanderten aus Mitteleuropa keltische Völker ein. In den nächsten Jahrhunderten waren auch Einflüsse des antiken Griechenland von Bedeutung. Im 2. Jh. v.Chr. wurde das Gebiet Teil der römischen Provinz "Illyricum", ab dem 1. Jh. n.Chr. gehörte es zur Provinz "Dalmatia".

Nach der Teilung des Römischen Reiches im Jahr 395 n.Chr. gehörte die Region zunächst zum Weströmischen, ab Ende des 5. Jh.s zum Oströmischen (Byzantinischen) Reich. Ab dem 6. Jh. wanderten slawische Stämme (unter ihnen Serben und Kroaten) in das Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowina ein und vermischten sich teilweise mit der römisch geprägten christlichen Bevölkerung. Byzanz und serbische Königreiche wechselten sich in den nächsten Jahrhunderten in der Vorherrschaft über die Region ab.

Zwischen Islam und Christentum

Im 12. Jh. geriet das Land unter ungarischen Einfluss. 1180 wurde das Fürstentum Bosnien gegründet, im 14. Jh. entstanden unter Stefan Kotromanic und Tvrtko I. unabhängige bosnische Reiche, die jedoch immer wieder unter Fremdherrschaft fielen. 1463 eroberten die Osmanen (Türken) das Gebiet von Bosnien, rund 20 Jahre später wurde das Gebiet Hum, seit 1448 als "Herzegowina" bekannt, ebenfalls erobert.

1580 wurden Bosnien und Herzegowina zu einer Provinz (Paschalik) zusammengelegt. Während der rund 400 Jahre dauernden osmanischen Besatzung trat ein Großteil der Bevölkerung zum Islam über. Allmählich bildete sich die bis heute bestehende religiöse Dreiteilung der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas heraus in eine islamische Mehrheit, einen serbisch-orthodoxen und einen kroatisch-katholischen Bevölkerungsteil.

Die Region wurde in den nächsten Jahrhunderten wiederholt Schauplatz für Kriege zwischen den Osmanen und den christlichen Reichen wie z.B. Österreich. 1878 wurden auf der Berliner Konferenz die Gebiete Bosnien und Herzegowina unter die Verwaltung von Österreich-Ungarn gestellt. Als Truppen der Doppelmonarchie im Oktober 1908 das Land annektierten, löste dies massive Proteste von Russland, der Türkei und Serbien aus. Die internationale Krise mündete in den Ersten Weltkrieg, der ausgelöst wurde durch das von einem Serben ausgeführte Attentat auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo am 28. Juni 1914. Als sich die Niederlage Österreich-Ungarns und des Deutschen Reiches abzuzeichnen begann, kam es zu einer Reihe von Verhandlungen über den Zusammenschluss der Südslawen zu einem gemeinsamen Staat. Von vornherein wurden dabei zwei gegensätzliche Vorstellungen verfolgt: Während die Serben ein Königreich Groß-Serbien unter Führung eines Serben anstrebten, verfolgte das "Jugoslawische Komitee" unter Vorsitz des Kroaten Ante Trumbic das Ziel eines bundesstaatlichen Jugoslawien (Land der Südslawen). Im Juli 1917 einigte man sich auf die Schaffung eines südslawischen Nationalstaates auf der Basis der Gleichberechtigung der verschiedenen Volksgruppen und unter Führung der serbischen Dynastie.

Das Königreich Jugoslawien

Im Dezember 1918 wurde Bosnien-Herzegowina eine nichtautonome Provinz des neugeschaffenen "Vereinigten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen", das von dem serbischen Monarchen Peter I. Karadjordjevic regiert wurde. Von Anfang an hatte der Staat mit innen- und außenpolitischen Spannungen zu kämpfen: Dabei handelte es sich um separatistische Bewegungen innerhalb des Staates und um Gebietskonflikte z.B. mit Rumänien, Ungarn, Italien und Albanien.

Ab 1929 hieß das Königreich "Jugoslawien". 1941 wurde Jugoslawien von den Truppen der Deutschen Wehrmacht besetzt und zwischen den Achsenmächten aufgeteilt. Ein Großteil Bosniens und Kroatiens war Teil eines von Italien gelenkten faschistischen Staatsgebildes ("Unabhängiger Staat Kroatien"). Kroaten und Serben bekämpften einander, kroatische Kommunisten unter der Führung von Josip Broz Tito bekämpften die kroatische Armee. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Bosnien-Herzegowina Teilrepublik der "Föderativen Volksrepublik Jugoslawien", die von Tito geschaffen worden war (ab 1963 "Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien"). Muslime, Serben und Kroaten wurden als eigene Volksgruppen gleichgestellt. Dennoch hielten die Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen an und verstärkten sich nach Titos Tod 1980.

Unabhängiger Staat

1990 verzichtete die Kommunistische Partei auf ihr Machtmonopol in Jugoslawien. Rasch bildeten sich in Bosnien-Herzegowina eine Vielzahl von Parteien, die sich an den unterschiedlichen ethnischen Volksgruppen und deren Zielsetzungen orientierten. Nach den ersten freien Wahlen 1990 kristallisierten sich die folgenden Parteien als relevante politische Kraft heraus: die muslimische Partei "Demokratische Aktion" (SDA, 86 Sitze), die "Serbische Demokratische Partei" (SDS, 72 Sitze) und die "Kroatische Demokratische Union" (HDZ, 44 Sitze). Ihr Stimmenanteil entsprach im wesentlich dem jeweiligen Bevölkerungsanteil. Der Moslem Alija Izetbegovic wurde Vorsitzender einer Koalitionsregierung.

Nachdem sich Slowenien und Kroatien von Jugoslawien losgelöst hatten (Juni 1991), verschärfte sich auch in Bosnien-Herzegowina die Lage: Sowohl Serben als auch Kroaten bildeten eigene unabhängige Regionen. Serben sprachen sich für den Zusammenhalt in einem jugoslawischen Staat (unter serbischer Führung) aus, Kroaten und Muslime forderten die Loslösung von Belgrad. Nach einer Volksabstimmung im Februar 1992, die von den Serben boykottiert wurde, und bei der sich über 60 % der teilnehmenden Bevölkerung für die Bildung eines eigenen Staates aussprachen, erklärte die "Republika Bosna i Hercegovina" am 3. März 1992 ihre Unabhängigkeit. Staatsoberhaupt wurde der Moslem Alija Izetbegovic. Der neue Staat wurde binnen kurzer Zeit international anerkannt.

Bürgerkrieg

Bereits im Vorfeld war es zu Kampfhandlungen gekommen, als die jugoslawische Armee Städte in Bosnien-Herzegowina besetzte, um die Abspaltung der Teilrepublik zu verhindern. Nach der Unabhängigkeitserklärung brach der Bürgerkrieg aus zwischen Serben, die von der jugoslawischen Armee unterstützt wurden, Kroaten und Moslems (die sich als "Bosniaken" bezeichneten). Bis zum Mai 1992 hatten serbische Truppen mehr als zwei Drittel von Bosnien-Herzegowina unter ihrer Kontrolle.

Im gleichen Monat beschlossen Serbien und Montenegro die Gründung der Bundesrepublik Jugoslawien. Gegen diesen Staat wurden von der UN Wirtschaftssanktionen verhängt, auch wurde ihm die internationale Anerkennung zunächst versagt (bis Mitte 1994). Im Bürgerkrieg zwischen Serben, Kroaten und Muslimen zerbrach die Koalition zwischen den beiden letzten, als im August nach Gebietsgewinnen der Kroaten die "Kroatische Union Herceg-Bosna" ausgerufen wurde. Nun bekämpften sich alle drei Gruppierungen untereinander. Auch die stationierten UN-Blauhelmsoldaten konnten gegen die schweren Menschenrechtsverletzungen nichts ausrichten. Im Zuge "ethnischer Säuberungen" und der Zerstörung von Kulturstätten änderte sich die Bevölkerungsverteilung in Bosnien-Herzegowina drastisch: Nun lebten die Angehörigen der ethnischen Gruppen jeweils in dem Gebiet, das von ihren Milizen kontrolliert wurden. Vor allem die Muslime, denen keine eigene Armee zur Verfügung stand, waren den Gewalttaten ausgesetzt.

Vermittlungsversuche der EU und der UN, das Land in drei autonome Regionen gemäß den Anteilen der ethnischen Gruppen an der Bevölkerung aufzuteilen, wurde von allen drei Bürgerkriegsparteien abgelehnt. Das bosnische Parlament begründete die Ablehnung damit, dass dabei mehr als die Hälfte der Landesfläche serbisches Gebiet werden sollte (31 % für Moslems, 18 % für Kroaten). Ebenso lehnte der Serbenführer Radovan Karadzic den Vorschlag ab.

Im Juni 1993 beschloss der UN-Sicherheitsrat die Bildung von sechs Schutzzonen für die bosnischen Muslime und die Entsendung von 25 000 UN-Soldaten. In einigen dieser Schutzzonen wie z.B. Sarajevo, Srebrenica und Goradze kam es auch weiterhin zu Übergriffen von serbischen Milizen, die nach wie vor über zwei Drittel des Gebietes von Bosnien-Herzegowina kontrollierten.

Im September 1993 kam es zu einer ersten Einigung zwischen dem bosnischen Präsidenten Izetbegovic und dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman, im Februar 1994 wurde von beiden Parteien ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Beschlossen wurde eine "Bosniakisch-Kroatische Föderation" beider Gruppen auf einem Gebiet, das rund zwei Drittel der Fläche Bosnien-Herzegowinas einnehmen sollte. Binnen zweier Monate wurde ein Präsident und ein Stellvertreter gewählt und allgemeine Wahlen vorbereitet. Gleichzeitig zur Föderation existierte nach wie vor die Regierung der Republik Bosnien und Herzegowina unter Alija Izetbegovic.

Erst nach massivem militärischem Einsatz begannen im November 1995 formelle Friedensverhandlungen. Am 14. Dezember 1995 unterzeichneten die Präsidenten Serbiens (Slobodan Miloševic), Kroatiens (Franjo Tudjman) und Bosniens (Alija Izetbegovic) in Dayton/USA einen Friedensvertrag: Bosnien-Herzegowina blieb als einheitlicher Staat innerhalb seiner bestehenden Grenzen erhalten mit Sarajevo als Hauptstadt. Das Territorium wurde in zwei autonome Gebiete gegliedert: die "Bosniakisch-Kroatische Föderation" umfasst 51 % der Staatsfläche, die "Serbische Republik Bosnien" 49 %. Weiter sah der Friedensplan die Einrichtung einer Zentralregierung, eines Zweikammernparlaments und einer dreiköpfigen Präsidentschaft mit je einem Kroaten, einem Serben und einem Bosniaken vor, die sich Vorsitz abwechseln. Zwei gleichberechtigte Ministerpräsidenten, die sich wöchentlich im Vorsitz abwechseln, führen die Regierung.

Auch ein humanitäres und wirtschaftliches Hilfe- und Aufbauprogramm wurde beschlossen und die Stationierung einer internationalen Friedenstruppe (IFOR, später SFOR) unter NATO-Kommando.

Entwicklung seit 1996

Im September 1996 fanden die ersten Wahlen nach dem Ende des Bürgerkriegs statt. 1998 wurde eine gemeinsame Währung für die beiden bosnischen Teilstaaten eingeführt (Konvertible Mark, KM). Im Mai 1999 wurde durch eine Zollunion ein gemeinsamer Wirtschaftsraum gebildet. Nach wie vor kommt es jedoch zu Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen. Mit der Überwachung des Friedensprozesses ist das "Peace Implementation Council" (PIC) von 55 Staaten und internationalen Organisationen befasst.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat 2007 die von Bosnien und Herzegowina eingereichte Klage gegen Serbien (als rechtlicher Nachfolger des ehemaligen Jugoslawiens) wegen Völkermordes im Bosnien-Krieg abgelehnt. Das Gericht entschied, dass sich Serbien (unter dem damals regierenden jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic) zwar nicht des Völkermordes schuldig gemacht habe, allerdings habe Serbien die bosnisch-serbischen Einheiten bei "ethnischen Säuberungen" unterstützt.