Chile Geschichte

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    Frühzeit bis Neuzeit

    Die zu den ältesten Funden gehörenden vorgeschichtlichen Ausgrabungen auf chilenischem Gebiet finden sich in Calama in der Provinz Antofagasta und weisen auf Siedlungsspuren zurück, die vor oder um 12 000 v.Chr. liegen.

    Zum Zeitpunkt der Eroberung durch spanische Seefahrer Mitte des 16. Jahrhunderts lebten über eine halbe Million Indianer auf dem heutigen Staatsgebiet. Die in Nord- und Zentralchile lebenden Stämme der Chincha und Quechua waren bereits Ende des 15. Jahrhunderts unterworfen und Teil des Inka-Reichs geworden. Anders verhielt es sich mit den kriegerischen Stämmen der Araukaner in Zentral- und Südchile. Diese hatten bereits den Inka-Angriffen widerstanden und ihnen gelang auch die Abwehr der spanischen Soldaten. Obwohl sich ihre Zahl im Lauf der Zeit durch Krankheiten und Kriege stark verkleinerte, behaupteten sie sich und konnten 1726 bei Anerkennung der spanischen Oberhoheit ein Vordringen der Spanier über den Fluss Bío Bío bis ins 19. Jahrhundert verhindern.

    Von Peru kommend stießen die Spanier in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts nach Süden vor; 1541 wurde Santiago de Chile als erste europäische Siedlung auf dem Staatsgebiet des heutigen Chile gegründet. Auf Grund der wenigen Bodenschätze entwickelte sich die Kolonie nur langsam, die Landwirtschaft überwog. Parallel begann eine kontinuierliche Vermischung zwischen Indianern und Siedlern, die Grundlage der heutigen hohen Homogenität der Landesbevölkerung ist. Erst im Jahr 1778 wurde Chile zu einem selbstständigen Generalkapitanat erhoben.

    19. Jahrhundert

    Schon kurz darauf zu Anfang des 19. Jahrhunderts begannen Unabhängigkeitsbestrebungen. Auslöser waren zum einen die erfolgreiche Unabhängigkeitsbewegung der englischen Siedler in Nordamerika, zum anderen die Schwächung der Spanier als europäische Weltmacht durch die napoleonischen Kriege. Nach vorausgehenden kriegerischen Auseinandersetzungen gelang es einer gemeinsam mit Argentinien gebildeten Befreiungsarmee 1817 in der Schlacht bei Chacabuco, die Spanien-treuen Royalisten zu schlagen. 1818 wurde die Unabhängigkeit ausgerufen unter dem in Folge diktatorisch regierenden ehemaligen Kommandanten der Revolutionsarmee O?Higgins.

    Eine Zeit innenpolitischer Wirren folgte, bis 1830 unter Diego Portales eine Verfassung verabschiedet wurde und eine zentral organisierte Regierungsstruktur entstand, die allerdings den lokalen Gutsbesitzern die Macht im Parlament beließ.

    Eine aktive Einwanderungspolitik brachte neue, auch deutschsprachige Siedler ins Land. 1880 wurden die Araukanerstämme im Süden endgültig unterworfen. Es folgte der so genannte Salpeterkrieg gegen Bolivien und Peru, in denen Chile 1883 die durch die dortigen Salpetervorkommen wirtschaftlich bedeutsamen Regionen von Antofagasta und Arica hinzugewann. Salpeter war der Grundstoff für die Herstellung von Schießpulver und zusätzlich ein hoch wirksames Düngemittel.

    Mit der wirtschaftlichen Entwicklung ging auch eine politische Liberalisierung einher, die nach einer Revolution 1891 zur Errichtung einer liberalen parlamentarischen Demokratie führte.

    Nach und nach entstanden Parteien, so die Radikale Partei, die Demokratische Partei, die Sozialistische Partei und die Kommunistische Partei. Eine städtisch verankerte Mittelklasse bildete sich heraus, die neben den weiterhin einflussreichen Großgrundbesitzern zu einem politischen Faktor im Land wurde.

    20. Jahrhundert

    Augusto Pinochet

    Außenpolitisch blieb Chile zurückhaltend, im Ersten Weltkrieg war das Land neutral. Innenpolitisch jedoch begann eine Radikalisierung. Als nach dem Ersten Weltkrieg zudem die Salpeterpreise fielen, aus denen beträchtliche Einkünfte für das wirtschaftlich ansonsten schwache Land erzielt wurden, kam es 1924 zum Aufstand mittelständischer Armeeoffiziere, die auf diese Weise soziale Reformen des Präsidenten Arturo Alessandri Palma im Parlament passieren ließen und eine neue Verfassung unterstützten, die eine präsidiale Republik, die Trennung von Kirche und Staat sowie neue Arbeits- und Sozialgesetze zum Inhalt hatte. In Folge wurde der liberale Präsident durch den Militärdiktator Carlos Ibánez del Campo abgelöst, dessen Reformprogramm der Weltwirtschaftskrise zum Opfer fiel. Eine Zeit von Präsidentschaften der Radikalen Partei folgte in den Jahren 1938 bis 1952: Aguirre Cerda regierte bis 1941, J.A. Ríos Morales bis 1946.

    Im Zweiten Weltkrieg blieb Chile bis 1942 neutral, dann erklärte es gemeinsam mit anderen lateinamerikanischen Staaten den Achsenmächten den Krieg. 1946 kam G. González Videla an die Macht, der im folgenden Jahr die Kommunisten aus der Regierungsverantwortung ausschloss und gemeinsam mit den Sozialisten weiterregierte. 1952 folgte erneut Präsident Carlos Ibánez del Campo. Zunehmende Inflation und soziale Spannungen bestimmten das innenpolitische Bild, die J. Alessandri Rodríguez, als Vertreter der Konservativen und Liberalen von 1958-1964 durch Reformen abzubauen suchte. Ein Kurs, der von seinem ebenfalls konservativen Nachfolger Eduardo Frei Montalva fortgeführt wurde.

    Ab den 60er Jahren setzte eine politische Schwächung der rechten und eine Stärkung der linken Parteien ein, die 1970 in der Wahl des Kandidaten einer Volksfrontkoalition, des Sozialisten Salvador Allende, zum Präsidenten mündete. Allende legte ein umfassendes Sozialisierungs- und Verstaatlichungsprogramm vor, das die innenpolitische Landschaft spaltete und von der Kongressmehrheit bekämpft wurde. Mit dem parlamentarischen Streit ging eine Radikalisierung sowohl rechts- wie linksgerichteter Gruppen einher, die sich in terroristischen Aktionen beider Seiten manifestierte. Im September 1973 putschte die Armee, Allende wurde getötet und General Augusto Pinochet Ugarte als neuer Präsident eingesetzt. Eine harte Militärdiktatur folgte, die das Parlament auflöste, politische Aktivitäten verbot und Anhänger von Linksparteien verfolgte. In einer 1980 verabschiedeten neuen Verfassung wurde die Tätigkeit von Parteien verboten und Pinochets Präsidentschaft bis 1989 festgeschrieben. Die wirtschaftliche Lage blieb trotz kleiner Verbesserungen schlecht. Ab Mitte der 80er Jahre begann sich trotz massiver Einschüchterung und politischer Morde eine breiter werdende Oppositionsbewegung zu bilden. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre leitete die Junta daraufhin einen Reformprozess ein, der die Bildung von Parteien erlaubte. Der Wendepunkt in der politischen Entwicklung war erreicht, als die Bevölkerung 1988 in einem Plebiszit eine zweite Amtszeit Pinochets ablehnte. 1989 wurde die Amtszeit des Präsidenten auf sechs Jahre verkürzt wurde; er verlor zudem das Recht, die Abgeordnetenkammer aufzulösen.

    1989 wurde der Christdemokrat Azócar, der einem Wahlbündnis aus 17 Parteien vorstand, zum neuen Präsidenten gewählt und die Militärdiktatur Pinochets endete. Als Oberbefehlshaber des Heeres sowie als Mitglied des Senates und des Nationalen Sicherheitsrates hatte Pinochet jedoch noch große Macht. Die gewählte Regierung blieb deshalb in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. So scheiterte 1993 ein Versuch, dem Präsidenten durch die Verfassung die Möglichkeit zu geben, die Befehlshaber der Streitkräfte auszuwechseln. Im gleichen Jahr wurden Sondergerichte zur Aburteilung von Menschenrechtsverletzungen während der Zeit der Militärdiktatur eingerichtet. Ungeklärt bleibt die Rolle, die die von Deutschen 1961 gegründete Siedlung Colonia Dignidad beim Verschleppen, Foltern und Töten von Regimegegnern spielte.

    1994 folgte E. Frei Ruiz-Tagle als Präsident und legte 1996 ein Arbeitsprogramm zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft vor. 1996 trat Chile als assoziiertes Land in den Mercosur Block ein. Pinochet blieb Oberbefehlshaber der Streitkräfte (bis 1998) und Senator auf Lebenszeit, was ihn vor Gerichtsverhandlungen schützen sollte. Auf einer Auslandsreise nach England im gleichen Jahr wurde er jedoch auf Grund eines spanischen Auslieferungsantrages verhaftet. Im Januar 2000 hatte der Sozialist Ricardo Lagos die Stichwahl um das Präsidentenamt gewonnen. Im Juni wurde die Immunität des Diktators Pinochet aufgehoben und damit eine wichtige Vorausetzung für eine Anklageerhebung geschaffen. Eine Frage, die das Land - bei vermutlich über 3 000 ermordeten politischen Gegnern von 1973 bis 1990 - zutiefst spaltete. Im Juli 2002 wurde das Verfahren gegen Pinochet schließlich wegen dessen geistiger Demenz eingestellt; daraufhin trat Pinochet von seinem Amt als Senator auf Lebenszeit zurück. Er starb im Dezember 2006. Allgemein kann man sagen, dass die Demokratisierung des politischen Systems gelungen ist; den Schlusspunkt dieser Entwicklung hat die Verfassungsreform vom August 2005 gesetzt. Die strafrechtliche Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen des Militärregimes hat in den vergangenen Jahren - trotz einer 1978 von den Militärs verfügten Amnestie – zu einer größeren Zahl von Verurteilungen z.B. führender Geheimdienstmitarbeiter geführt.

    2006 wurde Michelle Bachelet, wie Lagos Sozialistin, als erste Frau in das Amt des Präsidenten gewählt. 2010 gewann der Unternehmer Sebastián Piñera die Präsidentschaftswahl. Er war der erste rechtsgerichtete Präsident nach fast 20 Jahren. Seit März 2014 ist Michelle Bachelet wieder Präsidentin.

    2008 gründete Chile zusammen mit den anderen elf unabhängigen Staaten Südamerikas die Union Südamerikanischer Nationen (Unasur) nach Vorbild der Europäischen Union.