Estland Geschichte

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    Frühzeit und Mittelalter

    Erste archäologische Hinweise auf dem heutigen Staatsgebiet deuten auf eine Existenz von estnischen Stämmen bereits vor mehr als 6 000 Jahren hin. Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurden die in losen Stammesverbänden organisierten Esten von dem römischen Historiker Tacitus im 1. Jahrhundert nach Christus.

    Die estnische Geschichte der folgenden Jahrhunderte war gekennzeichnet durch Eroberungen und Fremdherrschaft verschiedenster europäischer Großmächte. So waren die Esten bereits seit 1030 den Eroberungsversuchen russischer Fürsten ausgesetzt, die sich jedoch nicht dauerhaft im Land durchzusetzen vermochten. Parallel dazu setzte im 11. Jahrhundert die Christianisierung Estlands ein, die mit einer Teilung in die Erzbistümer Bremen und Lund und der Kolonisation durch den Deutschen Schwertbrüderorden, einem Vorgänger des Deutschen Ordens, einherging. Estland war bis ins 16. Jahrhundert Teil von Livland, einem Territorium, das seinen Namen von den Liven ableitete, die zwischen der Mündung der Düna und der Westküste des Rigaer Meerbusens siedelten. Livland bezeichnete das gesamte Gebiet zwischen dem heutigen Litauen, dem Peipussee und der Ostsee.

    Im Jahr 1219 eroberten Truppen des dänischen Königs Waldemar II. das nördliche Estland und errichteten eine Burganlage bei Tallinn. Nach Aufständen Mitte des 14. Jahrhunderts wurde der Nordteil des Landes an den Deutschen Ritterorden verkauft, der bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts den Südteil unterworfen hatte und über mehrere Generationen Gutssitze und Siedlungen errichtete, die nach deutschem Recht verwaltet und regiert wurden.

    Der Ordensstaat des Deutschen Ritterordens erreichte 1402 seine größte Ausdehnung. Ihm gehörten als östlichste Städte neben dem litauischen Riga unter anderem das estnische Tallinn (ab 1285) und - als östlichste Niederlassung - die ebenfalls estnische Ostseestadt Narva an der russischen Grenze an. Die estnischen Küstenstädte waren zugleich Teil der Hanse und damit bis Mitte des 16. Jahrhunderts integraler Bestandteil des internationalen Ostsee-Handels.

    Neuzeit

    1522 wurde auch Estland von der Reformation erfasst. Gleichzeitig mit der schwindenden Macht des Ordens und der Hanse nahm der militärische Druck des russischen Zarenhauses zu, das den ungeschützten Landstrich zu okkupieren suchte. 1558 errang Russland gegen Livland im Livländischen Krieg erste territoriale Erfolge. Allein Tallinn und die Inseln widersetzten sich erfolgreich. Die Situation änderte sich mit dem Kriegseintritt Polens und Schwedens. Ab 1580 setzte die Rückeroberung Nord-Estlands durch die Schweden ein, der Süden des ehemaligen Livlands wurde als Herzogtum Kurland und überdünisches Livland von Polen annektiert. 1583 und 1585 verzichtete das russische Zarenreich auf Estland und das schwedische Königshaus machte sich daran, die Regionen Harrien, Wierland, Jerwen und Wiek als Herzogtum Esthen politisch und sozial zu reformieren.

    Die Reformen gingen mit Machteinbußen des estnischen Adel einher. Die schwedische Herrschaftsphase endete, nachdem Russland im zweiten Nordischen Krieg gegen Schweden gesiegt hatte. Im Frieden von Nystad 1721 ging Estland in russischen Besitz über, der estnische Adel erhielt seine früheren Privilegien zurück. Die politische Selbstständigkeit Estlands wurde immer mehr vermindert und ab dem 19. Jahrhundert wurden die russischen Einflüsse zunehmend dominant. Erst sehr spät im europäischen Vergleich wurde unter Alexander I. die Leibeigenschaft abgeschafft. Mitte des 19. Jahrhunderts erhielten die Bauern das Recht, Land zu kaufen.

    20. Jahrhundert

    Die Russische Revolution bildete auch für Estland einen Wendepunkt. Das estnische Nationalbewusstsein erwachte: 1918 riefen die Esten ihre erste unabhängige Republik aus, die nach kriegerischen Auseinandersetzungen mit bolschewistischen Truppen 1920 im Frieden von Dorpat von Russland bestätigt wurde. Es folgte die diplomatische Anerkennung durch zahlreiche europäische Staaten, darunter Deutschland, die USA, Großbritannien und Frankreich. Estland wurde Mitglied des Völkerbunds.

    Die zwanzig Jahre der ersten Unabhängigkeit endeten mit der Besetzung durch sowjetische Truppen im Kriegsjahr 1940. Russisch-kommunistisch orientierte Esten übernahmen die Herrschaft, zehntausende Oppositionelle, meist aus der ehemaligen Führungsschicht, wurden nach Russland deportiert und teilweise ermordet. Von 1941 bis zum September 1944 war Estland von deutschen Truppen besetzt. Auch in dieser Zeit kam es zu zahlreichen politisch motivierten Morden an estnischen Bürgern. Im September 1944 kehrte die Rote Armee zurück, viele Esten flohen nach Schweden und Deutschland. Die nächsten 45 Jahre war Estland eine der Sowjetrepubliken.

    Eine Änderung brachte erst die Perestroika-Politik des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow. Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts gehörte Estland gemeinsam mit den beiden baltischen Staaten Lettland und Litauen zu den Ersten, die gegen den Widerstand der russischen Zentralregierung nach Selbstständigkeit strebten. Am 30. März 1990 erklärte der Oberste Sowjet Estlands seinen Willen zur Unabhängigkeit, es folgten russische Sanktionen, die aber nach dem misslungenen Putsch gegen Gorbatschow 1991 beendet wurden. Im August wurde die Unabhängigkeit proklamiert, im September trat das Land mit Zustimmung Russlands den Vereinten Nationen bei.

    1994 zog Russland trotz der Auseinandersetzung bezüglich der Behandlung der russischen Minderheit im Lande und der Grenzziehung im Narva- und Petschory-Gebiet seine Truppen aus Estland ab. Im Gegenzug wurde es ehemals sowjetischen Armeeangehörigen erlaubt, sich in Estland niederzulassen und die estnische Staatsbürgerschaft anzunehmen. 2005 wurde in Moskau der seit 1999 verhandelte Grenzvertrag mit Russland unterzeichnet, die Unterschrift jedoch bald darauf wieder zurückgezogen. 2011 schließlich wurde ein neuer Grenzvertrag von beiden Seiten ratifiziert.

    Dem Versuch Russlands 1996, die baltischen Staaten zu einer Mitgliedschaft in der GUS zu bewegen, folgte der sofortige Widerspruch durch den Estnischen Präsidenten Lannart Meri und die verstärkte Bemühung um den Anschluss des Landes an die westlichen Demokratien sowie die Förderung der Marktwirtschaft. Nachdem bereits 1993 Freihandelsabkommen mit Lettland und Litauen unterzeichnet worden waren, begann 1994 mit der Unterzeichnung des Abkommens "Partnerschaft für den Frieden" eine begrenzte militärische Kooperation mit der NATO. Im September darauf wurde der reformorientierte Ministerpräsident Maart Laar durch einen Misstrauensantrag abgewählt. Nach einem Interims-Ministerpräsidenten 1995 wurde der den Mitte-Links-Parteien zugeordnete Tiit Vahi zum Premierminister gewählt. Dessen Regierung scheiterte jedoch durch politische Skandale bereits Ende des gleichen Jahres; Vahi konnte eine neue Regierung bilden. Er trat 1997 zurück und wurde abgelöst durch Mart Siimann, Mart Laar von der konservativen Vaterlandsunion (1999) und, nach dessen Rücktritt 2002, Siim Kallas, dem Vorsitzenden der Reformpartei. Kallas bildete eine Koalitionsregierung aus Reform- und Zentrumspartei gebildet. 2001 wurde Staatspräsident Lannart Meri von der Vaterlandsunion (seit 1992 im Amt) vom Reformkommunisten Arnold Rüütel abgelöst, dieser wiederum 2006 von Toomas Hendrik Ilves. Premierminister ist seit 2005 Andrus Ansip.

    Im Juni 1995 wurde mit der EU ein Assoziationsvertrag abgeschlossen und weitreichende Anpassungen sowohl des Wirtschafts- als auch des Rechtssystems (wie z.B. Abschaffung der Todesstrafe) wurden in Angriff genommen. Der EU-Beitritt fand schließlich am 1. Mai 2004 statt. Der Beitritt zur NATO wurde am 19. März desselben Jahres vollzogen. Das Verhältnis zu Russland ist weiter frostig.