Großbritannien und Nordirland Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühgeschichte bis Mittelalter

Bereits im ersten Jahrtausend vor Christus besiedelten keltische Stämme Britannien und vermischten sich mit den Ureinwohnern. 54 v.Chr. wurde Südengland von Cäsars Truppen besetzt, Schottland und Nordirland blieben unabhängig. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts eroberten nordwestgermanische Stämme den Hauptteil Englands. In Wales und Schottland konnten sich die Kelten halten. Die Teilkönigreiche Kent, Sussex, Essex, East Anglia, Wessex, Mercia und Northumbria entstanden. Deren Bewohner wuchsen unter dem Einfluss der Christianisierung zum angelsächsischen Volk zusammen. Die im 9. und 10. Jahrhundert wiederholt einfallenden Wikinger konnten erst unter Wilhelm dem Eroberer, dem Herzog der Normandie, durch seinen Sieg bei Hastings 1066 vertrieben werden.

Die Magna Charta aus dem Jahre 1215 gilt als Grundstein der englischen Verfassung. Das Parlament mit späterem Ober- und Unterhaus bildete sich heraus und 1360 hatten die Vertreter der Grafschaften und Städte ein Mitspracherecht. 1284 wurden Wales und vorübergehend auch das Königreich Schottland durch England erobert. Der Anspruch Eduards III. auf die französische Krone löste den Hundertjährigen Krieg (1337-1453) gegen Frankreich aus. Die französische Armee unter Jeanne d'Arc brachte 1429 die Wende, außer Calais gingen alle Besitzungen in Frankreich verloren. Der folgende "Rosenkrieg" der Königshäusern Lancaster (rote Rose) und York (weiße Rose) begründete die Dynastie der Tudor, die von 1485 bis 1603 an der Macht waren. 1534 brach Heinrich VIII. mit dem Papst und schuf eine unabhängige Amtskirche. 1541 ließ er sich vom irischen Parlament den Titel eines Königs von Irland übertragen und band das Land damit endgültig an die englische Krone.

Neuzeit

Die herausragende Persönlichkeit des späten 16. Jahrhunderts wurde Königin Elisabeth I. Mit dem Sieg ihrer Flotte 1588 über die spanische Armada begann der Aufstieg Englands zur See- und Handelsmacht. Die Gründung der englischen Kolonie in Nordamerika 1584 fiel ebenso in diese Zeit wie die Bildung der Ostindischen Kompanie (1600), wodurch der Grundstein für die englische Kolonialmacht gelegt wurde. Mit Shakespeare und F. Bacon erlebte die Kultur in England im Elisabethanischen Zeitalter einen glanzvollen Höhepunkt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts konnte der Nachfolger Elisabeths, Jakob I., Schottland erstmals mit England verbinden; er war in Personalunion König von England und von Schottland. Eine unruhige Zeit begann: Die "Petition of Rights" gab dem Parlament Steuerrechte, nach dessen Auflösung 1629 veranlasste ein Aufstand der calvinistischen Schotten den König zur Einberufung des "Langen Parlaments" (1640). 1643 brach ein allgemeiner Bürgerkrieg aus, den Oliver Cromwell dazu nutzte, die Presbyterianer aus dem Parlament auszuschließen, den gefangenen König hinrichten zu lassen und England zum Commonwealth zu erklären. Aufstände von Königstreuen in Irland und Schottland wurden niedergeschlagen. Unter der Diktatur Cromwells wurde England zur ersten protestantischen Macht Europas.

Die Restauration brachte 1660 die Stuarts auf den Thron. Nach einem Krieg gegen Holland (1665-67) wurden New York erworben und die nordamerikanischen Besitzungen ausgebaut. Innenpolitisch entwickelten sich zur gleichen Zeit die vornehmlich den Kleinadel vertretenden Tories und die sich stärker auf Handel und hochadeligen Grundbesitz stützende Whigs. Im Anschluss an die Glorious Revolution von 1688 legte das Parlament mit der "Bill of Rights" Sicherungen gegen den Missbrauch der Königsgewalt fest, eine Toleranzakte sicherte anderen protestantischen Gruppen in England, Schottland und Irland kirchliche Freiheit zu. 1707 gab sich das Königreich den Namen Großbritannien, nachdem die seit 1603 bestehende Personalunion zwischen England und Schottland durch Vereinigung der beiden Parlamente in eine Realunion umgewandelt worden war.

18. und 19. Jahrhundert

Durch den "Act of Settlement" wurde 1701 das Haus Hannover Thronanwärter; mit König Georg I. begann eine bis 1837 andauernde Personalunion zwischen Großbritannien und dem Haus Hannover. Das britische Weltreich entstand. Kanada wurde im Rahmen des Siebenjährigen Kriegs (1756-63) erobert, die Herrschaft in Indien ausgebaut und 1788 Australien in Besitz genommen. Zwar gingen durch die amerikanische Unabhängigkeit 1783 Kolonien verloren, doch die ab 1760 einsetzende industrielle Revolution sicherte Großbritannien lange Zeit einen wirtschaftlichen Vorsprung in Europa. Der Seesieg Admiral Nelsons bei Trafalgar 1805 brachte Großbritannien die unbestrittene Seeherrschaft, zehn Jahre später gewann Wellington zusammen mit Preußen bei Waterloo die Entscheidungsschlacht gegen Napoleon. Bereits während der Befreiungskriege wurde die volle staatsrechtliche Vereinigung mit Irland zum "Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland" vollzogen.

Die Entwicklung zum neuzeitlichen Verfassungsstaat begann mit dem Wiener Kongress 1815, gleichzeitig entwickelte sich die nationale Bewegung der unterdrückten katholischen Iren. 1829 wurden die Katholiken den Protestanten formal gleichgestellt. Aus den Whigs und Tories entstanden die Liberale und die Konservative Partei. 1833 wurde die Sklaverei abgeschafft, der Sklavenhandel war schon seit 1807 verboten. Den entstehenden Gewerkschaften gelang es allmählich, die wirtschaftliche und soziale Lage der Arbeiterschaft wesentlich zu bessern.

Die Thronbesteigung von Königin Viktoria beendete die Personalunion zwischen Großbritannien und dem Haus Hannover. Unter ihr wurden Indienaufstände niedergeschlagen und die Präsenz in Asien durch neue Seestützpunkte in Singapur (1819), Aden (1839) und Hongkong (1842) verstärkt. Der britische Imperialismus erreichte seinen Höhepunkt unter dessen entschiedenstem Vertreter Joseph Chamberlain. Zahlreiche afrikanische Länder wurden in das Weltreich eingegliedert und die Dominions Kanada (1867), Australien (1901), Neuseeland (1907) und die Südafrikanische Union (1910) gebildet.

20. und 21. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhundert wurde das Deutsche Reich in Europa ein neuer politischer und wirtschaftlicher Konkurrent. Großbritannien gab die "Splendid Isolation" auf und ging ein Bündnis mit Russland und Frankreich ein. Innenpolitisch wurden umfassende Sozialreformen durchgeführt, darunter eine Pflichtversicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit. Der erste Weltkrieg zwang die Parteien erstmals zu einer Koalitionsregierung von Konservativer Partei und Labour Party. Forderungen nach einer unabhängigen irischen Republik wurden niedergeschlagen (1916 Dubliner Osteraufstand), es folgte 1919 die Bildung einer republikanischen Regierung in Dublin und ein Jahr später die Trennung von Nord- (Ulster) und Südirland. Ein Friedensvertrag gewährte Nordirland (Ulster) Homerule und Südirland Unabhängigkeit und Dominion-Status.

Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte das Britische Weltreich, zum Teil durch Übernahme ehemaliger deutscher Besitzungen, seine größte Ausdehnung, doch gleichzeitig zeigten sich erste Anzeichen der Auflösung durch das Erstarken von nationalen Bewegungen in den einzelnen Ländern. Innenpolitisch waren die Zwischenkriegsjahre von Massenarbeitslosigkeit und Streiks gekennzeichnet. Die Weltwirtschaftskrise führte 1931 zum zweiten Mal zur Bildung einer nationalen Koalitionsregierung, die mit rigorosen Maßnahmen die Krise zu bewältigen suchte. Außenpolitisch wurde die Entspannung zwischen Frankreich und Deutschland unterstützt und gleichzeitig das British Empire zum "British Commonwealth of Nations" umstrukturiert, in d,enen den Dominions Gleichstellung mit dem Mutterland eingeräumt wurde.

Durch eine Appeasement-Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland sollte ein drohender weiterer Krieg verhindert werden. Das Prinzip der Nichteinmischung wurde 1939 durch die Garantie der Unabhängigkeit Polens aufgehoben, und nach der Invasion der Deutschen in Polen erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg, der 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endete.

Die Nachkriegszeit brachte tief greifende Veränderungen für das Britische Reich und den Commonwealth. Unter Labour wurden die Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie, die Elektrizitätswirtschaft, das Transportgewerbe, die zivile Luftfahrt und die Bank von England verstaatlicht. Ein kostenloser Gesundheitsdienst wurde eingerichtet. 1951 bestieg Königin Elisabeth II. den Thron, 1955 gab Churchill das Amt des Premierministers ab. Wechselnde Regierungen versuchten in der Folge durch politische Interventionen die wirtschaftlich unbefriedigende Situation zu verbessern. Ein Ziel war, die gewerkschaftliche Macht zurückzudrängen und die Inflation einzudämmen. 1973 trat das Königreich der EWG bei. 1979 wurde M. Thatcher zur Premierministerin gewählt. Ihr gelang es, durch eine restriktive Wirtschafts- und Währungspolitik die Inflation einzudämmen, gleichzeitig kam es zu zahlreichen Firmenzusammenbrüchen. Trotz erbittertem Widerstand schränkte sie durch die Revision der Gewerkschaftsgesetze die Monopolstellung der Gewerkschaften ein und definierte das Streikrecht enger. Auf Thatcher folgte 1990 John Major als Premierminister, 1997 Tony Blair von der Labour-Partei. Dessen Regierung geriet auf Grund der Beteiligung Großbritanniens am Irak-Krieg 2003 innenpolitisch unter Druck (Affäre um den Selbstmord des ehemaligen Irak-Waffeninspekteurs David Kelly), wurde aber 2005 wiedergewählt. Im Juni 2007 trat Tony Blair zurück; sein Nachfolger wurde Gordon Brown. Ein Parteispendenskandal, misslungene Reformversuche und grobe Pannen beim Datenschutz kosteten ihn Popularitätspunkte. Außerdem musste die Regierung Brown mit der Finanzkrise und dem daraus folgenden wirtschaftlichen Abschwung kämpfen. Sie brachte umfangreiche Rettungspakete auf den Weg. Aus den Wahlen 2010 gingen die Konservativen unter Führung von David Cameron als Sieger hervor, verfehlten aber die absolute Mehrheit der Mandate. Cameron bildete eine Koalition mit den Liberal Democrats: die erste Koalition im Land seit 1945.