Guinea-Bissau Geschichte

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    Vermutlich waren als Jäger und Sammler lebende Buschmänner (Pygmäen) schon vor Beginn der christlichen Zeitrechnung die ersten, die das Gebiet des heutigen Guinea-Bissaus besiedelten. Ab der Mitte des ersten Jahrtausends n.Chr. begann die Einwanderung von Volksstämmen, die Viehzucht und Wanderackerbau betrieben. Ab dem 8. Jahrhundert n.Chr. war das Gebiet des heutigen Staates Teil des westsudanesischen Gana-Reiches, das vor allem mit Gold und Salz handelte.

    Nach dem Zerfall des Gana-Reiches ab dem 11. Jahrhundert erfolgte eine neue Einwanderungswelle, mit der u.a. Fulbe, Balante und Malinke in die Region kamen. Während sich die Balante, die Anhänger von Naturreligionen waren, sich überwiegend im Westen niederließen, lebten die islamischen Fulbe vor allem im Osten. Ab dem 13. Jahrhundert gehörte das Gebiet des heutigen Guinea-Bissau zum islamischen Malireich.

    Portugiesische Seefahrer waren die ersten Europäer, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts an der Küste und auf den Inseln des Bissago-Archipels landeten. Erst über 100 Jahre später, 1588, gründeten sie mit Cacheu die erste Handelsniederlassung und begannen von hier aus, Gold und Sklaven nach Europa und Südamerika zu verschiffen.

    1600 wurde Bissau, die heutige Hauptstadt Guinea-Bissaus, von den Portugiesen gegründet. Das Gebiet wurde von den Kapverdischen Inseln aus verwaltet, die ebenfalls unter portugiesischer Kontrolle standen. Ab 1879 war Guinea-Bissau als "Portugiesisch-Bissau" offizielle Kolonie mit Bolama als Verwaltungssitz (ab 1941 Bissau). In großangelegten Plantagen wurden Reis, Erdnüsse und Ölpalmen (für die Gewinnung von Palmöl) kultiviert, der Gewinn aus dem Handel kam jedoch nicht der einheimischen Bevölkerung zugute, die sich wiederholt erfolglos gegen die Kolonialherren auflehnte.

    1951 erklärte Portugal Guinea-Bissau (wie auch die übrigen afrikanischen Kolonien Portugals) zur Überseeprovinz, dieser Status beinhaltete eine beschränkte Selbstverwaltung. Nach wie vor war die schwarzafrikanische Mehrheit der Bevölkerung (Indígenas) gegenüber den Nachfahren der Kolonialisten (Assimilados) und Mischlingen benachteiligt. Durch die wachsenden Unabhängigkeitsbestrebungen der afrikanischen Bevölkerung wurde 1954 im so genannten "Eingeborenenstatut" einer kleinen Gruppe von Schwarzafrikanern unter bestimmten Voraussetzungen (wie z.B. regelmäßiges Einkommen und portugiesische Sprachkenntnisse) das portugiesische Bürgerrecht zuerkannt, damit gehörten sie zu den "Assimilados".

    1956 wurde unter der Führung des von den Kapverdischen Inseln stammenden Amilcar Cabral die Unabhängigkeitsbewegung "Partido Africano da Independência da Guiné e Cabo Verde" (PAIGC, Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Guinea-Bissau und der Kapverden) gegründet. Die Bewegung erhielt starken Zulauf aus der Bevölkerung.

    1961 hob Portugal das "Eingeborenenstatut" von 1954 auf, das auch in den anderen fünf portugiesischen Überseeprovinzen gegolten hatte (heute Kapverden, São Tomé und Príncipe, Angola, Mosambik). Die Bewohner der ehemaligen Kolonien wurden als portugiesische Staatsbürger anerkannt.

    Anfang der 1960er Jahre nahm die PAIGC den bewaffneten Kampf gegen die portugiesischen Truppen im Land auf, nachdem ihre Forderungen nach unbeschränkter Souveränität für Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln kein Gehör fanden und die ehemalige Kolonialmacht Streiks und Aufstände nach wie vor niederschlug. Aufgrund ihrer Guerilla-Taktik konnten sich die Rebellen gegen die portugiesischen Truppen, die an Zahl und Ausrüstung weit überlegen waren, behaupten und diesen schwere Niederlagen zufügen. Auf beiden Seiten forderten die Kämpfe unzählige Menschenleben. Trotz einer Aufforderung durch die UNO weigerte sich Portugal weiterhin, seine ehemaligen Kolonien in die Unabhängigkeit zu entlassen.

    In den Gebieten Guinea-Bissaus, die unter der Kontrolle der Truppen der PAIGC standen, wurden 1972 bereits Wahlen abgehalten und eine erste Nationalversammlung gegründet. 1973 wurde die Schlüsselfigur des Widerstandes, Amilcar Cabral, ermordet. Aristidès Pereira, der ebenfalls von den Kapverden stammte, übernahm dessen Amt als Generalsekretär der PAIGC. Im September des selben Jahres erklärte Guinea-Bissau einseitig seine Unabhängigkeit von Portugal. 70 Staaten der Vereinten Nationen (UN) und die Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) erkannten den neuen Staat an.

    Nach der so genannten "Nelkenrevolution" in Portugal im April 1974 änderte das ehemalige Mutterland seine Politik gegenüber seinen Kolonien und entließ Guinea-Bissau offiziell in die Unabhängigkeit. Luis Cabral, ein Bruder von Amilcar Cabral, wurde als Staatspräsident zum politischen Führer des Landes (bis 1980). Die Regierungspartei PAIGC wurde zur Einheitspartei ernannt. Eines der erklärten Ziele der Regierung war die Vereinigung mit den Kapverdischen Inseln, die zu diesem Zeitpunkt noch portugiesische Überseeprovinz mit begrenzter innerer Autonomie waren. Die Nationalversammlungen beider Länder gründeten 1976 einen "Rat der Einheit" und begannen, eine Verfassung auszuarbeiten.

    1980 kam es in Guinea-Bissau zu einem Militärputsch, ein "Revolutionsrat" ersetzte zunächst die Nationalversammlung, neuer Staatschef wurde Major João Bernardo Vieira. Wichtige Ämter in Regierung und Verwaltung wurden neu besetzt.

    1984 wurde eine neue Verfassung proklamiert, die Guinea-Bissau zur Präsidialrepublik erklärte. Vieira wurde zum Staatspräsident und Regierungschef in einer Person. Das politische Ziel einer Vereinigung mit den Kapverdischen Inseln wurde aufgegeben.

    Anfang der 1990er Jahre musste Staatschef Vieira aufgrund der äußerst schlechten wirtschaftlichen Situation des Landes den Aufforderungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) Folge leisten und demokratische Reformen einleiten. Eine Verfassungsänderung erlaubte ab Mai 1991 die Bildung von Parteien und Gewerkschaften. Die ersten freien Parlamentswahlen wurden erst 1994 abgehalten, im Vorfeld waren die Wahlen wiederholt verschoben worden und es war zur Verhaftung oppositioneller Politiker gekommen.

    Die ehemalige Einheitspartei PAIGC konnte bei den Wahlen im Juli 1994 die Mehrheit der Sitze im Parlament erlangen, einen Monat später gewann João Bernardo Vieira mit knapper Mehrheit die Wahl um das Amt des Staatspräsidenten von Guinea-Bissau gegen seinen Herausforderer Kumba Yalá (PRS, Partido para a Renovação Social).

    1997 trat Guinea-Bissau zur CFA-Franc-Zone bei. Trotz wirtschaftlichem Reformkurs und ausländischer Entwicklungshilfe gehörte das Land zu den ärmsten Ländern weltweit. Die Auslandsverschuldung wurde auf rund 900 Millionen US-Dollar geschätzt. 1998 kam es in der Hauptstadt Bissau zu einem Militäraufstand unter der Führung des Generals Ansumane Mané. Rebellen- und Regierungstruppen lieferten sich monatelange Gefechte, die erst durch ein Waffenstillstandsabkommen, das durch die Vermittlung anderer westafrikanischer Staaten zustande gekommen war, beendet wurden. Trotz anlaufender Friedensverhandlungen kam es auch 1999 wiederholt zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Streitkräften des Generals Mané und den regierungstreuen Soldaten. Auch die Anwesenheit einer Friedenstruppe der westafrikanischen Staaten (ECOMOG) konnte nicht verhindern, dass im Mai 1999 der Präsidentenpalast von Rebellen gestürmt und abgebrannt wurde. Vieira flüchtete nach Portugal, der Parlamentspräsident Malam Bacai Sanha wurde vorübergehend neues Staatsoberhaupt.

    Die innenpolitische und soziale Lage blieb auch in den Folgejahren sehr instabil, das Militär konnte seine starke Stellung behaupten. Das Land entwickelte sich aufgrund der fehlenden staatlichen Strukturen und der weitverbreiteten Armut, die die Korruption begünstigt, zunehmend zum Drogenumschlagsplatz (v.a. Kokain) zwischen Südamerika und Europa, den USA sowie Kanada.

    Im November 1999 wurden Präsidentschaftswahlen abgehalten. Bei Stichwahlen im Januar 2000 konnte sich Kumba Yalá von der PRS (Partido para a Renovação Social) durchsetzen. Noch im selben Jahr kam es zu einem Aufstand von Teilen der Armee unter dem früheren Armeechef Ansumane Mané, der bei den Schießereien ums Leben kam. Die wiederholte Verschiebung des Termins für die geplanten Parlamentswahlen war Auslöser für einen Militärputsch im September 2003, bei dem Staatspräsident Kumba Yalá und seine Regierung gestürzt wurden; der General und Oberkommandierende der Streitkräfte General Veríssimo Correia Seabra erklärte sich zum neuen Staatschef. 2005 wurde der ehemalige Präsident und nun parteilose Joao Bernardo Vieira im zweiten Wahlgang zum neuen Staatsoberhaupt gewählt. Ende 2008 wurde die Residenz von Staatspräsident Vieira von rebellierenden Soldaten überfallen, der Putschversuch scheiterte jedoch. Am 2. März 2009 wurde Vieira ermordet. Ein Militärsprecher erklärte, dass die Ermordung Vieiras kein Putschversuch war. Aus den folgenden Präsidentschaftswahlen ging der ehemalige Unabhängigkeitskämpfer Malam Bacai Sanha (PAIGC) als Sieger hervor. Ende 2011 überlebte er einen Putschversuch, als er zur medizinischen Behandlung in Paris weilte. Am 9. Januar 2012 verstarb er dort jedoch im Krankenhaus.

    Im April 2012 kam es in Bissau zu einem Staatsstreich durch das Militär, bei dem die Regierung abgesetzt wurde. Im Mai 2012 wurde unter Vermittlung der ECOWAS eine zivile Übergangsregierung eingesetzt. Nach friedlich und weitgehend demokratisch verlaufenen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im April/Mai 2014 entspannte sich die politische Lage deutlich. Seit Juni 2014 ist der Ökonom José Mário Vaz von der PAIGC Präsident.