Kirgisistan Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühzeit bis Spätantike

Bereits etwa 1000 v.Chr. wurde im Ferenga-Tal im Süden die Stadt Osch gegründet. Vor allem indogermanische Volksstämme bewohnten die Regionen des heutigen Kirgisistan. Im 6. Jahrhundert v.Chr. wurden diese Teil des persischen Achämenidenreichs. Im 4. Jahrhundert v.Chr. eroberte Alexander der Große das Reich. Nach seinem Tod übernahmen seine Nachfolger (Diadochen) nach kriegerischen Auseinandersetzungen Teile des einst riesigen Reichs. Die Bewohner des heutigen Kirgisistan gehörten zum Stammesverband der Saken.

201 v.Chr. wurde Kirgisistan erstmals in chinesischen Quellen erwähnt. Das indogermanische Volk der Arsakes herrschte nun über den größten Teil Zentralasiens und kontrollierte die Handelsrouten der Seidenstraße. Aus der Kultur der Saken hatten sich im 3. und 2. Jahrhundert v.Chr. die nomadisierenden Ussunen gebildet. Im Lauf des 5. Jahrhunderts n.Chr. eroberten die Hunnen den größten Teil Zentralasiens und aus dem Nordosten gelangten Turkvölker, wie zum Beispiel die Uiguren, ins Land.

Mittelalter bis Neuzeit

Mitte des 7. Jahrhunderts n.Chr. eroberten Araber die Landschaften Zentralasiens und islamisierten die Bevölkerung. Nach und nach vermischten sie sich dann mit den bereits im Land lebenden Völkern. Im 9. Jahrhundert entwickelte sich ein erstes Kirgisisches Reich. Die kirgisischen Stämme siedelten zu dieser Zeit zwischen Jenissei und Orchon. Sie zerstörten das Reich der Uiguren in der Mongolei und wanderten ab dem 10. Jahrhundert in das Gebiet des heutigen Kirgisistan ein.

Im 13. Jahrhundert eroberten und verwüsteten die Reiter Dschingis Khans Zentralasien und integrierten die Landschaften in das Reich der Goldenen Horde. Kirgisische Stämme ließen sich daraufhin im Raum Tien-schan nieder. Doch in den folgenden Jahren und Jahrhunderten zerfiel das Reich in einzelne Khanate. Die Bildung eines Vasallenstaats auf dem Gebiet der kirgisischen Stämme misslang, stattdessen wurde gemeinsam mit den Kasachen ein kasachisch-kirgisisches Khanat gegründet.

Ende des 17. Jahrhunderts unterwarfen die Oiroten die Kirgisen, die im Tien-schan lebten und errichteten ein Feudalreich, das Khanat von Kokand, das bis Mitte des 18. Jahrhunderts bestand. Es zerfiel unter dem Druck der mandschurischen Dynastie und 1876 wurde Kokand von den Russen erobert und als Gebiet Fergana in das Zarenreich integriert. Die Russen einten die in innere Stammes- und Feudalzwistigkeiten verwickelten kirgisischen Stämme, gleichzeitig begann die Zuwanderung von Russen und deutschstämmigen Mennoniten. Eine Reaktion hierauf waren Aufstände der kirgisischen Bevölkerung gegen die Russifizierung, die jedoch vom Zarenreich mit großer Härte bekämpft und unterdrückt wurden. Etwa ein Drittel der kirgisischen Bevölkerung emigrierte darauf zum großen Teil nach China.

Sowjetische Vorherrschaft

1918 wurde Kirgisistan Teil der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik Turkestan. Islamisch-nationale Rebellen, die ein erneutes islamisches Kalifat mit Sitz in Samarkand errichten wollten, wurden von der Roten Armee besiegt. 1922 schloss Russland Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan zur Turkestanischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik zusammen. 1924 folgte die Gründung der Kara-Kirgisischen Region innerhalb der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik. Zwangskollektivierung und -umsiedlung folgten, gleichzeitig wurden umfangreiche Bildungsmaßnahmen eingeleitet, die das Volk im Sinne des Kommunismus umerziehen sollten. Heftiger Widerstand der nomadisierenden Kirgisen führte zu schweren Kämpfen, bei denen Hunderttausende Kirgisen getötet, interniert oder ein weiteres Mal nach China vertrieben wurden. 1936 wandelte Russland das Land zur Unionsrepublik um und machte es dadurch zum integralen Bestandteil der Sowjetunion mit der Hauptstadt Bischkek. In dieser Zeit wurde insbesondere im militärisch-industriellen Komplex eine umfangreiche Industrie aufgebaut und die Landwirtschaft mechanisiert.

Unabhängigkeit

Der Wandel zur eigenständigen Republik Kirgisistan kam mit den Veränderungen in der Sowjetunion Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Nach blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit in Osch im Süden der Republik erklärte das Land Ende 1990 erst seine Souveränität innerhalb der UdSSR und am 31.8.1991 seine völlige Unabhängigkeit. Noch im gleichen Jahr trat Kirgisistan der GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) bei. Seit Oktober 1990 war Askar Akajew Staatspräsident. Er wurde in diesem Amt 1991 und 1995 bestätigt. Unter seiner Herrschaft wurde eine allmähliche Demokratisierung begonnen. Damit einher ging eine Umstellung von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. 1992 wurde Tursunbek Tschyngyschew Regierungschef und eine neue Verfassung ausgearbeitet, die 1993 verabschiedet wurde. Im gleichen Jahr führte das Land eine neue Währung, den Som, ein, um die grassierende Inflation zu stoppen. Nachdem Tschyngyschew zurücktreten musste, ernannte Akajew den Befürworter der freien Marktwirtschaft, Dschumagulow, zum neuen Regierungschef. 1995 fanden die ersten demokratischen Parlamentswahlen im Land statt, in denen sowohl Regierungschef als auch Staatspräsident im Amt bestätigt wurden. 1998 wurde Kubanischbek Schmalijew neuer Regierungschef und Kirgisistan als erste der ehemaligen Sowjetrepubliken Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Verfassungsänderungen stärkten das Präsidialsystem, die Regierung trat zurück und Dschumabek Ibraimow wurde neuer Ministerpräsident. Bereits im nächsten Jahr übernahm Amangeldy Muralijew das Amt des Regierungschefs und im Juli 1999 trat ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen mit der EU in Kraft. Im gleichen Jahr wurde auch ein Kooperationsabkommen mit den Nachbarn Kasachstan, Tadschikistan, Russland und der Volksrepublik China abgeschlossen. Kirgisistan, Russland, Weißrussland, Armenien, Tadschikistan und Kasachstan einigten sich im Mai 2001 auf dem Abschluss eines Sicherheitspakts und gründeten eine gemeinsame Eingreiftruppe.

Nachdem muslimische Rebellen aus Tadschikistan in Kirgisistan eingedrungen waren, kam es Ende der 1990er Jahre zu Gefechten zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Präsident Akajew verhängte den Ausnahmezustand. Im Februar 2000 fanden Parlamentswahlen statt, die die Machtverhältnisse in Unter- wie Oberhaus kaum änderten; Ende diesen Jahres wurde Kurambek Bakijew neuer Regierungschef. Nach Meinung offizieller Berichterstatter der OSZE kam es dabei jedoch bei den Parlamentswahlen zu Unregelmäßigkeiten, die die Regierung und den Präsidenten begünstigten. Gegen zahlreiche Oppositionspolitiker laufen Gerichtsverfahren wegen Amtsmissbrauch o.Ä.

Im Mai 2002 trat die Regierung Bakijew geschlossen zurück. Sie reagierte damit auf die Veröffentlichung eines Untersuchungsberichts zur gewaltsamen Niederschlagung von Demonstrationen im März 2001. Im Februar 2003 stimmte die Mehrheit der Bevölkerung Kirgisistans für eine Verfassungsreform, die die Rechte des Präsidenten ausweitet. Internationale Beobachter vermuteten, dass das Ergebnis durch Wahlfälschung zustande gekommen war. Im Februar 2005 fanden Wahlen zum kirgisischen Parlament statt; nachdem Vermutungen laut wurden, der Präsident Askar Akajew hätte die Abstimmung zu seinen Gunsten manipuliert, kam es zu gewalttätigen Protesten ("Tulpenrevolution"). Die Regierung wurde gestürzt und der Präsident floh nach Russland. Zunächst wurde das alte Parlament anerkannt, doch nachdem das Oberhaus einen Übergangspräsidenten bestimmte, den das Unterhaus ablehnte, kam es zur Parlamentsauflösung. Der frühere Premierminister Kurmanbek Bakijew wurde Übergangspräsident; Akajew trat im russischen Fernsehen von seinem Amt zurück. Bei den Wahlen im Juni 2005 wurde Bakijew mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Eine neue Verfassung wurde im Oktober 2007 durch Referendum bestätigt. Mit ihr stärkte der Präsident erneut seine Position. Nach Annahme der Verfassungsänderungen löste Bakijew das Parlament und die Regierung auf. Erstmals in der Geschichte Kirgisistans wurden im Dezember Parlamentswahlen nach Parteilisten durchgeführt. Auch diese Wahlen erfüllten internationale Standards nicht.

Nach der "April-Revolution" vom 7. April 2010 mit dem Sturz der Regierung Bakijew wurde von der vereinigten Opposition eine Übergangsregierung eingesetzt, der als Präsidentin Rosa Otunbajewa vorstand. Im Juni 2010 fand ein Referendum über die Verfassungsreform statt. Diese in einem Referendum im Juni 2010 angenommene Verfassung ist eine Mischform aus einem parlamentarischem und einem präsidentiellen System. Die Grundrechte wurden deutlich gestärkt. Premierminister Almazbek Atambajew wurde in den Präsdentenwahlen vom Oktober 2011 zum Präsidenten gewählt.

Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im Süden des Landes im Juni 2010 zwischen der kirgisischen und usbekischen Bevölkerung starben nach offiziellen Angaben 470 Menschen. Die Lage hat sich seitdem äußerlich beruhigt, bleibt jedoch unsicher.