Litauen Geschichte

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    Mittelalter

    Ab etwa 1000 n.Chr. wurden die Gebiete entlang der Flüsse Memel und Neris von baltischen Litauern besiedelt. Um 1235 einte Fürst Mindaugas (1236-1263) die bis dahin zahlreich entstandenen litauischen Fürstentümer. Das Fürstentum Litauen konnte sich erfolgreich gegen die Überfälle des Deutschen Ordens zur Wehr setzen. Unter der Führung von Fürst Gedymin (1316-1341) begann die Expansion in Richtung Osten. Bis 1362 wurden große Teile des heutigen Weißrussland und der Ukraine erobert. Das litauische Reich reichte nun von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

    Durch Heiratspolitik (der litauische Großfürst Jagello heiratete die polnische Thronerbin Hedwig) kam es 1386 zur Personalunion mit Polen. Jagello bestieg als König Wladislaw II. den polnischen Thron und begründete die Jagellonen-Dynastie. Das litauische Volk wurde von ihm christianisiert. 1410 fügte das vereinigte polnisch-litauische Heer den Truppen des Deutschen Ordens in der Schlacht bei Tannenberg eine vernichtende Niederlage zu. Nach weiteren Niederlagen musste der Ordensstaat im Zweiten Thorner Frieden (1466) große Teile seiner Gebiete an Polen-Litauen abgeben. Im Osten mussten litauische Gebiete an das Großfürstentum Moskau abgegeben werden, diese konnten später teilweise zurückerobert werden (Livländischer Krieg 1558-1583).

    Neuzeit bis 19. Jahrhundert

    Im Unionsvertrag von 1569 wurden Litauen und Polen gleichgestellt, für beide Länder gab es einen gemeinsamen Reichstag und eine gemeinsame Königswahl. De facto wurde Litauen ein Bestandteil des polnischen Königreiches und verlor weitgehend seine Eigenständigkeit. Nach dem Aussterben der Jagellonen-Dynastie ab 1572 waren die gewählten Könige überwiegend Ausländer (wie z.B. August II. der Starke von Sachsen (1697-1706) und August III. von Sachsen (1733-63)).

    Im Zuge der drei Polnischen Teilungen 1772, 1793 und 1795, die die Existenz des polnischen Staates beendeten, fiel Litauen bis auf ein kleines Gebiet im Nordwesten an Russland. Im 19. Jahrhundert kam es zu zahlreichen polnisch-litauischen Aufständen gegen die Teilungsmächte, die überwiegend von Polen getragen wurden (z.B. 1831, 1863). Dennoch wurden auf litauischem Gebiet Kultur und Sprache der Litauer durch die russische Besatzungsmacht massiv unterdrückt bzw. verboten. Als Folge dieser Maßnahmen wanderten einerseits zahlreiche Litauer nach Nordamerika aus, auf der anderen Seite wurde indirekt das Entstehen eines litauischen Nationalbewusstseins gefördert.

    Frühes 20. Jahrhundert

    1905 wurde Litauen von Moskau ein eigenes Parlament zugebilligt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde das Land von deutschen Truppen besetzt (das Baltikum sollte ins Deutsche Reich eingegliedert werden). Im Februar 1918 wurde in Litauen die Republik ausgerufen und Litauen für unabhängig erklärt. Im Friedensvertrag von Versailles 1919 wurde Litauen (wie auch Estland und Lettland) völkerrechtlich anerkannt, 1920 auch von Sowjetrussland. 1920 annektierte Polen das Gebiet um Wilna, 1923 besetzte Litauen das ostpreußische Memelgebiet.

    In der litauischen Nationalversammlung (Seimas) vollzogen sich in der ersten Hälfte der 20er Jahre zahlreiche Regierungswechsel. 1926 kam es zu einem Putsch von rechten Parteien und Verbänden und einem Teil der Armee: Die Verfassung wurde aufgehoben und eine nationalistisch orientierte Diktatur unter der Führung des Staatspräsidenten Anton Smetona errichtet. Die Nationalpartei wurde zur Einheitspartei.

    Deutsche und sowjetische Besetzung

    Mitte der 1930er Jahre verschärfte sich der Konflikt zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und Litauen um das Memelgebiet. Im März 1939 wurde es von deutschen Truppen besetzt und an Ostpreußen angegliedert, die Sowjetunion erhielt einen Freihafen in Memel. Im geheimen Zusatzabkommen des Hitler-Stalin-Paktes von 1939 wurde Litauen der sowjetischen Interessenssphäre zugeteilt. Die litauische Staatsführung musste zunächst die Errichtung sowjetischer Stützpunkte auf litauischem Staatsgebiet hinnehmen, dann den Einmarsch sowjetischer Truppen. Am 21. Juli 1940 wurde Litauen als "Litauische Sozialistische Sowjetrepublik" an die UdSSR angegliedert.

    Im Zuge des Angriffs deutscher Truppen auf die Sowjetunion wurde Litauen im Juni 1941 von deutschen Truppen besetzt. Drei Jahre später wurden diese von sowjetischen Einheiten zum Rückzug gezwungen, Litauen wurde erneut Bestandteil der UdSSR. Gezielt wurde mit der Russifizierung des Landes begonnen: Viele Litauer wurden unter dem Vorwand der Kollaboration mit den Deutschen inhaftiert und nach Sibirien deportiert (bis 1952 schätzungsweise an die 300 000 Menschen), die litauische Sprache verboten. Durch die gezielte Ansiedlung von Russen und Weißrussen stieg deren Bevölkerungsanteil stark an.

    Unabhängigkeit

    Erst durch die von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion Mitte der 1980er Jahre eingeleiteten Reformen konnte sich in Litauen wieder eine nationale Bewegung ("Sajudis") formieren. Ein erstes Zugeständnis war die 1989 von Moskau zugesicherte wirtschaftliche Selbstständigkeit Litauens (parallel zu Estland und Lettland). Im Juni 1990 erklärten die drei baltischen Staaten in gegenseitigem Einvernehmen ihren Austritt aus der UdSSR, worauf Moskau zunächst mit der Entsendung von Truppen reagierte, dennoch kurze Zeit später die staatliche Unabhängigkeit des Landes anerkannte (6. September 1991). Nach anfänglicher Wirtschaftskrise und politischer Instabilität gewann die Reformpolitik zunehmend an Dynamik. 1990 war die Sajudis zur stärksten politischen Kraft in Litauen aufgestiegen, bereits zwei Jahre später wurde sie von den Sozialdemokraten abgelöst. In der Folge wechselten die verschiedenen Regierungen rasch; es musste sich erst ein festes Parteiengefüge entwickeln, zahlreiche Parteien wurden neu gegründet. Ab Ende 2008 regierte eine liberal-bürgerliche Koalition, eine ihrer Hauptaufgaben war die Lösung der Wirtschaftsprobleme vor dem Hintergrund der Finanzkrise. Die Wahlen vom Oktober 2012 bzw. März 2013 haben erneut zu einem Regierungswechsel geführt. Die neue Regierung besteht aus Sozialdemokraten, Arbeitspartei, "Ordnung und Gerechtigkeit" sowie dem Wahlbündnis der Polen.