Marokko Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühgeschichte bis Spätantike

Ungefähr seit dem 2. Jahrtausend vor Christus war das Gebiet des heutigen Marokko von verschiedenen viehzüchtenden Berberstämmen besiedelt. Ab 1200 v.Chr. baute das Volk der Phönizier die ersten Handelsniederlassungen entlang der Nordküste Afrikas, ab 841 v.Chr. wurde von ihnen an der Küste des heutigen Tunesien Karthago gegründet, das in den nächsten Jahrhunderten der Mittelpunkt des karthagischen Reiches wurde. Die Handelsniederlassungen auf marokkanischem Gebiet wurden dabei wichtige Stützpunkte.

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Erst den Römern gelang es, Karthago einzunehmen (Dritter Punischer Krieg 146 v.Chr.), das Gebiet des heutigen Marokko wurde 42 n.Chr. zur römischen Provinz Mauretania Tingitana (zusammen mit Teilen Algeriens). Nach den Vandalen (429 n.Chr.) besetzten Truppen des oströmischen Kaisers Justinian (534 n.Chr.) das Land.

Islamisierung

Ab Ende des 7. Jahrhunderts begann die Vorherrschaft der Araber, mit denen auch der Islam Einzug hielt. Bis zum Jahr 710 wurde auch das Gebiet des heutigen Marokko besetzt. Ein Großteil der Berbervölker übernahm den Islam als Religion, bewahrte sich jedoch eigene Kulturen und Gebräuche. Die Araber nannten das Gebiet Al-Maghrib.

Aufstände nordafrikanischer Berber gegen die Araber führten zur Unabhängigkeit der vielen kleinen Fürstentümer auf marokkanischem Boden. Das Berbergeschlecht der Almoraviden (1062 bis 1147) verlegte die Hauptstadt von Fès nach Marrakesch (von diesem Städtenamen stammt auch die europäische Bezeichnung "Marokko"). Von hier aus begannen Eroberungszüge auf das spanische Festland, das bis zum Ebro (Andalusien) erobert wurde. Erst um 1400 musste sich die inzwischen herrschende Dynastie der Meriniden aus Südspanien zurückziehen. Unter den Meriniden wurde Fès wieder zur Hauptstadt ernannt, das bis Ende des 10. Jahrhunderts das Zentrum des Islams in Afrika war. Um 1420 übernahm das Geschlecht der Wattasiden die Macht in Al-Maghrib, etwa zur gleichen Zeit begannen die Portugiesen, gefolgt von den Spaniern, die marokkanischen Hafenstädte zu erobern.

Neuzeit

1505 wurde die Hafenstadt Agadir von den Portugiesen gegründet. Rund 15 Jahre später kontrollierte Portugal alle wichtigen Atlantikhäfen Marokkos.

Den Wattasiden folgte das Geschlecht der Saditen als Herrscher in Al-Maghrib: Unter ihnen wurden ab Mitte des 16. Jahrhunderts Handelsbeziehungen mit den europäischen Staaten aufgenommen. Den Saditen folgten die Alawiten, die heute noch die herrschende Dynastie in Marokko darstellen. Unter Mulay Ismail (1672 bis 1727) wurden bis 1720 fast alle von Portugiesen und Spaniern besetzten Häfen zurückerobert (Mellila, Sidi Ifni und Ceuta blieben in spanischer Hand).

19. und 20. Jahrhundert

»Der Panthersprung nach Agadir«; zeitgenössische Karikatur zur Marokkokrise

Im 19. Jahrhundert manifestierte sich die europäische Einflussnahme in Marokko: In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde Algerien von den Franzosen erobert, die weiter versuchten, auf marokkanischen Boden vorzudringen. 1843/44 unterlagen marokkanische Truppen, im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden Teile von Marokko von Spaniern (1860, Tetouan) und Franzosen (1907, Casablanca) besetzt.

Eine Einigung der konkurrierenden europäischen Mächte wurde 1909 erzielt: Spanien erhielt das Rifgebirge und die Provinz Ifni im Süden Marokkos als Protektorat. Dort sahen sich die spanischen Truppen bald mit Aufständen der einheimischen Bevölkerung konfrontiert. Frankreich schloss mit dem marokkanischen Sultan Mulay Hafid 1912 einen Protektoratsvertrag, der den Sultan als Oberhaupt Marokkos beließ, die politische Macht jedoch in die Hände der Franzosen gab. Immer wieder kam es in den folgenden Jahren zu Aufständen der Bevölkerung gegen die französische und spanische Besatzung. Auf politischer Ebene bildete sich die Unabhängigkeitspartei "Istiklal", die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs starken Zulauf hatte. Auch der herrschende Sultan Mohammed V. lehnte sich zunehmend gegen die Anordnungen Frankreichs auf.

Unabhängigkeit

1956 wurden die französischen und spanischen Protektorate aufgehoben und Marokko wurde ein unabhängige Monarchie unter König Mohammed V. 1961 folgte ihm Hassan II. als Regent des Landes. Ein Jahr später trat eine neue Verfassung in Kraft, in der Marokko zur parlamentarischen Monarchie erklärt wurde, wobei der König die gesamte politische Macht innehatte. Oppositionelle Bewegungen im Land, die mehr Demokratie forderten, wurden niedergeschlagen, Parteien wie die Nationale Union der Volkskräfte (UNFP) verboten. König Hassan II. verhängte für fünf Jahre einen Ausnahmezustand über das Land.

Außenpolitisch geriet Marokko in Konflikt mit Algerien: beide Staaten stellten Gebietsansprüche auf Mauretanien und große Teile der Sahara. 1970 erkannte Marokko die Islamische Republik Mauretanien offiziell an, forderte aber wenig später das Gebiet des ehemaligen Spanisch-Sahara, das durch Funde großer Phosphatvorkommen wirtschaftlich interessant geworden war.

1975 wurde das Gebiet in einem Abkommen zwischen Marokko und Mauretanien verwaltungsmäßig aufgeteilt, wobei die vorhandenen Bodenschätze von beiden Ländern genutzt werden sollten. Marokko gliederte die Sahara-Gebiete als Provinzen in sein Staatsgebiet ein, zeitgleich jedoch wurde von der Volksfront POLISARIO ("Frente Popular para la Liberatión de Saqiya al-Hamra y del Río de Oro"), die von Algerien und Libyen unterstützt wurde, eine "Demokratische Arabische Republik Sahara" (UNO-Bezeichnung: West-Sahara) ausgerufen. Dieser Konflikt zog jahrelange blutige Auseinandersetzungen nach sich zwischen Mitgliedern der POLISARIO und marokkanischen Truppen. Als Mauretanien 1979 die Republik Sahara anerkannte und sich aus seinen Gebieten zurückzog, annektierte Marokko auch diesen Teil von West-Sahara. An die 100 000 Menschen flohen aus diesem Gebiet in die Wüstenregion Tindouf (auf algerischem Boden). Erst zu Beginn der 90er Jahre konnte durch internationale Vermittlung ein Waffenstillstandsabkommen ausgehandelt werden. Der für 1992 vorgesehene Bürgerentscheid über die Zukunft des umstrittenen Gebietes wurde wiederholt verschoben.

Der West-Sahara-Konflikt isolierte Marokko nicht nur im arabischen Lager, sondern zeitweise auch auf internationaler Ebene und stellte politisch und finanziell eine große Belastung für das Land dar. Innenpolitisch hatte der autoritäre Regent Hassan II. sich mit Forderungen nach einer zunehmenden Demokratisierung des Landes und Unruhen auf Grund sozialer Missstände auseinander zu setzen. Menschenrechtsorganisationen warfen dem marokkanischen Regenten vor, er würde politisch Andersdenkende foltern und ermorden lassen. 1992 trat eine neue Verfassung in Kraft, die dem Parlament mehr Vollmachten zugestand, die Führungsrolle des Regenten jedoch unangetastet ließ. Bei Wahlen 1993 zeigten sich eindeutige Verluste der konservativen Regierungspartei, eine Entwicklung, die sich auch bei den Wahlen 1997 bestätigte.

Mitte 1996 wurde ein Zwei-Kammern-Parlament eingeführt, 1997 wurden erstmals Parlamentsabgeordnete direkt vom Volk gewählt. Im Juli 1999 wurde Mohammed VI. eine Woche nach dem Tod seines Vaters Hassan II. neuer Regent Marokkos. Er versprach weitreichende Reformen für das Land. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Entlassung des Innenministers Driss Basri, dessen Maßnahmen gegen Oppositionelle in Verruf geraten waren und dem Wahlmanipulation vorgeworfen wurde. Emigranten, die von Hassan II. des Landes verwiesen wurden, durften in ihre Heimat zurückkehren. De facto hat sich für die Bevölkerung des Landes jedoch nicht viel geändert. Weder verfügen die Staatsbürger über mehr politisches Mitbestimmungsrecht, noch hat sich die soziale und wirtschaftliche Situation wesentlich gebessert; seit März 2002 ermöglicht ein neues Pressegesetz der Regierung das Verbot von Medien ohne richterlichen Beschluss. Der Monarch gilt als sehr beliebt bei seinem Volk. Zu den Staatschefs von Spanien und Frankreich hält Mohammed VI. enge Kontakte; allerdings kam es 2001 zu diplomatischen Verstimmungen mit Spanien, vermutlich wegen des Eintretens spanischer Gruppen für die Unabhängigkeit von Westsahara.

Bei der Reform des Familienrechts (Moudawana) spielte Mohammed VI. die zentrale Rolle. Im Februar 2004 trat das neue Familiengesetzbuch in Kraft. Es stellt - trotz noch mangelhafter praktischer Umsetzung - einen erheblichen Fortschritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung der marokkanischen Frauen dar. Im Frühjahr 2005 trat die ebenfalls vom König angestoßene "Nationale Initiative für menschliche Entwicklung" (INDH) in Kraft. Das Entwicklungsprogramm soll Armut und soziale Ausgrenzung im Land bekämpfen.

In Casablanca forderten am 16. Mai 2003 Attentate auf jüdische Einrichtungen und Orte nicht-islamischen Lebensstils über 40 Tote und zahlreiche Verletzte. Die Anschläge veränderten die politische Atmosphäre in Marokko: Die Sicherheitsbehörden gingen mit Härte gegen radikale islamistische Gruppen vor. Dennoch kam es immer wieder zu terroristischen Zwischenfällen.

Die Parlamentswahlen im September 2007 gewann nicht wie erwartet die gemäßigt islamistische PJD, sondern die ehemalige Unabhängigkeitspartei "Istiklal".

Im Zusammenhang mit den Protestbewegungen in Nordafrika im Frühjahr 2011 und Kundgebungen der marokkanischen "Bewegung 20. Februar" leitete der König weitere Reformen und vorgezogene Neuwahlen ein. Die überwiegend auf wirtschaftlich-soziale Verbesserungen angelegten Forderungen wurden so aufgefangen. Eine neue Verfassung wurde im Juli 2011 durch Volksentscheid angenommen. Regierungschef Abdelilah Benkirane amtiert seit den letzten Parlamentswahlen im November 2011. Er ist der erste Regierungschef Marokkos, der einer Partei des politischen Islam angehört, der gemäßigt islamistischen PJD.