Myanmar Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühzeit bis Mittelalter

Vor Beginn der christlichen Zeitrechnung siedelten im Süden des heutigen Myanmar die mit den Khmer verwandten Monvölker. Später folgte von Norden her das Volk der Pyu, das aus Mittelasien kam. Ab dem 8. Jahrhundert n.Chr. wanderte von Norden her das Volk der Birmanen (auch: Burmesen) ein und unterwarf die bereits ansässigen Völker. Im 11. Jahrhundert wurde das erste birmanische Königreich unter Anawrahta gegründet mit Pagan als Zentrum. Das Pagan-Reich dehnte sich bis auf die Halbinsel Malakka aus. Vom Volk der Mon nahmen die Birmesen die buddhistische Religion und die Schriftsprache Pali an.

Im 13. Jahrhundert kamen die Shan aus dem Nordosten und gründeten im Osten des Landes ein Reich mit Ava (in der Nähe des heutigen Mandalay) als Zentrum. 1277 wurde das birmesische Königreich von einfallenden Mongolen zerstört. Bis ins 16. Jahrhundert hinein kämpften die Shan im Norden und Osten, die Birmesen im Zentrum und die Mon im Süden des Landes um die Vorherrschaft. Kurzzeitig konnte der Birmanenkönig Tabinshwehti aus der Dynastie der Toungoo die Mon und Shan erneut unterwerfen und ein zweites birmanisches Großreich gründen, das aber nach seinem Tode durch immer wiederkehrende Aufstände der verschiedenen Volksgruppen erneut in mehrere Kleinstaaten zerfiel.

Neuzeit

Ab dem 16. Jahrhundert gründeten Portugiesen, Niederländern, Briten und Franzosen entlang der Küste erste Handelsniederlassungen. Der Machtbereich der birmesischen Könige wurde auf den Raum um die Hauptstadt Toungoo eingeschränkt.

Ab 1752 begründete der birmanische Fürst Alaungpaya aus der Konbaung-Dynastie das dritte birmanische Königreich. Er machte 1758 Rangun zur Hauptstadt. Die Völker der Mon im Süden und Shan im Norden wurden erneut unterworfen. Ende des 18. Jahrhunderts hatte das Reich seine größte Ausdehnung erreicht (im Westen Teile Indiens, im Norden bis nach China, im Osten Gebiete des heutigen Thailand und Laos).

Damit gerieten die birmesischen Herrscher in Konflikt mit den Interessen Großbritanniens, das zu dieser Zeit die bestimmende Kolonialmacht in Indien geworden war. In drei Kriegen (1824-26, 1852 53 und 1885-86) drängten britische Truppen die Birmesen zunächst aus den indischen Gebieten zurück und besetzten anschließend das Land. 1886 wurde Birma offiziell als Provinz der Kronkolonie Britisch-Indien angegliedert.

Als Kolonialherren unterdrückten die Briten auf der einen Seite massiv jegliche oppositionelle Bewegung, auf der anderen Seite wurde Birma durch Modernisierung und Intensivierung des Reisanbaus bis zum Ersten Weltkrieg größter Reisexporteur weltweit. Eine nationale Unabhängigkeitsbewegung, die überwiegend birmanisch geprägt war, entstand erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Nach zahlreichen Aufständen wie z.B. dem Bauernaufstand unter dem buddhistischen Mönch Saya San 1930 bis 32 billigte Großbritannien der Provinz Birma eine eingeschränkte Selbstverwaltung zu. 1935 schied Birma aus der Kronkolonie Britisch-Indien aus und wurde eine eigene Kolonie mit eigener Regierung und Parlament.

20. Jahrhundert

Sithu U Thant, dritter Generalsekretär der Vereinten Nationen

Im Rahmen des Zweiten Weltkriegs besetzten 1942 japanische Truppen Birma. Teile der birmesischen Unabhängigkeitsbewegung (Thakin-Bewegung, gegründet von U Nu) bildeten eine eigene Armee unter General U Aung San (Birma Independence Army, BIA), die zusammen mit den Japanern erfolgreich gegen die britischen Truppen kämpfte. Im August 1943 erklärte die Befreiungsbewegung Thakin mit Zustimmung der japanischen Besatzungsmacht das Land Birma als unabhängig. Als sich die Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg abzuzeichnen begann, suchte General Aung San eine Annäherung an die Alliierten und verbündete sich mit diesen.

1945 gründete Aung San die Antifaschistische Freiheitsliga des Volkes (Anti-Fascist People’s Freedom League, AFPFL), die 1946 den Abzug der britischen Truppen und die Unabhängigkeit Birmas forderte. 1948 wurde die Republik Union Birma (Birmanische Republik) ausgerufen, die AFPFL gewann die ersten Wahlen und Regierungschef wurde der Buddhist U Nu. Sein Kurs eines "buddhistischen Sozialismus" ging mit Bodenreformen und Enteignung ausländischer Unternehmen einher. Außenpolitisch blieb Birma neutral (1955 Anschluss an die Blockfreien Staaten).

In den folgenden Jahren wurde das Land immer wieder von schweren Unruhen erschüttert. Auslöser waren neben Revolten kommunistischer Gruppierungen, die eine Annäherung an die Sowjetunion forderten, vor allem Aufstände nicht-buddhistischer Stämme, z.B. der Shan, Karen und Kachin, die für ihre Gebiete Autonomie verlangten. Dieser jahrzehntelang anhaltende Bürgerkrieg schwächte das Land entscheidend. Als Ende der 50er Jahre durch den Verfall des Weltmarktpreises für Reis eine schwere Wirtschaftskrise das Land traf, übergab Regierungschef U Nu die Macht an das Militär unter General U Ne Win. Als Führer der von ihm gegründeten Union Party (UP) kehrte U Nu 1960 ins Amt des Ministerpräsidenten zurück. Als er den Buddhismus zur Staatsreligion erklärte, kam es zu erneuten blutigen Aufständen nicht-buddhistischer Völker, vor allem der teils christlichen, teils islamischen Karen, die überwiegend in den Gebieten des Irawadi-Deltas und in den Bergregionen entlang der thailändischen Grenze lebten. Dem Volk der Karen war bereits 1947 eine Autonomie in Aussicht gestellt, jedoch nie in die Realität umgesetzt worden.

Regierungschef U Nu wurde 1962 durch einen Militärputsch unter General Ne Win gestürzt. Dieser gründete einen Revolutionsrat, hob die Verfassung auf und begann mit dem Aufbau eines sozialistischen Staatssystems mit einer Einheitspartei (Burma Socialist Programme Party, BSPP) und Verstaatlichung der Großbetriebe und Banken. Mehr als hunderttausend pakistanische, indische und chinesische Händler, die teilweise führende Positionen in der Wirtschaft Birmas innehatten, verließen das Land bzw. wurden ausgewiesen, was zu einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation im Lande führte.

1974 trat eine neue Verfassung in Kraft, Birma wurde zur "Sozialistischen Republik Union Birma". Im darauf folgenden Jahr kam es wiederholt zu schweren Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Rangun zwischen Regierungstruppen und Studenten, die für eine Absetzung von Staatschef Ne Win und die Einführung der Demokratie demonstrierten. 1981 trat Ne Win von seinem Amt als Ministerpräsident zurück, hatte aber als Parteivorsitzender der BSPP weiterhin die beherrschende Rolle inne. Sein Nachfolger als Staatspräsident wurde Generalstabschef U San Yu.

Anhaltende Studentenproteste führten dazu, dass 1989 eine Militärjunta unter der Führung von Staatspräsident Saw Maung die Macht übernahm. Er stand dem von 21 Generälen gebildeten "State of Law and Order Resauration Council" (SLORC/ Staatsrat für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung) vor. Birma wurde in "Union von Myanmar" umbenannt, die Hauptstadt Rangun hieß nun Yangon. Um der schlechten Wirtschaftslage Herr zu werden, wurden erste Maßnahmen hin zu einer marktwirtschaftlichen Orientierung ergriffen (Privatisierung von Staatsbetrieben).

1990 ließ das Regime freie Wahlen zu, die von der "Partei der Demokratiebewegung" ("National League for Democracy", NLD) im Mai mit überwältigender Mehrheit gewonnen wurde (396 von insgesamt 485 Sitzen). Die Führerin dieser oppositionellen Bewegung war Aung San Suu Kyi, die Tochter des Nationalhelden General Aung San, die wiederholt unter Hausarrest gestellt wurde (Friedensnobelpreis 1991). Das Militär weigerte sich, das Wahlergebnis anzuerkennen; die Nationalversammlung wurde nie einberufen. Die totalitäre Herrschaft des Regimes hielt weiter an, ab 1992 unter Staatspräsident General Than Shwe. Im November 1997 wurde der Staatsrat in "State Peace and Development Council" (SPDC/ Staatsrat für Frieden und Entwicklung) umbenannt mit nunmehr 19 Mitgliedern.

Der seit den 1940er Jahren andauernde Bürgerkrieg mit den Unabhängigkeit fordernden Stämmen konnte durch Waffenstillstandsvereinbarungen weitgehend beendet werden. Die Karen National Union (KNU) und ihr bewaffneter Arm, die Karen National Liberation Army (KNLA), setzten ihren Kampf gegen die Zentralregierung jedoch fort. Im Februar 2007 schloss eine Splittergruppe der KNLA mit der Regierung eine separate Friedensvereinbarung. Bei den Kämpfen zwischen Militär und KNLA sowie anderen bewaffneten Minderheiten war es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen gekommen.

Diese Menschenrechtsverletzungen sowie die massive Unterdrückung der Demokratiebewegung stießen vor allem im westlichen Ausland auf Proteste und lösten Sanktionen aus (z.B. in Form von einem Verbot für Investitionen in Myanmar und die Einstellung von Entwicklungshilfe). Ankündigungen über eine baldige Demokratisierung Myanmars blieben in den 1990er Jahren Versprechungen; auch wenn zahlreiche politische Häftlinge entlassen wurden, blieben dennoch viele Oppositionelle in Haft bzw. kam es immer wieder zu neuen Massenverhaftungen. Laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen wurden weiterhin Zwangsumsiedlungen von Teilen der Bevölkerung durchgeführt bzw. diese zur Zwangsarbeit verpflichtet. Im September 2007 kam es zu einem "Aufstand der Mönche", die gemeinsam mit Zehntausenden von Menschen friedlich durch die Städte zogen. Bei der brutalen Niederschlagung dieser Proteste wurden nach offiziellen Angaben zehn Menschen getötet, Dissidenten in Rangun schätzen die Zahl der Toten dagegen auf rund 200.

Im Mai 2008 verwüstete ein Zyklon weite Teile Myanmars und tötete nach offiziellen Schätzungen über 80 000 Menschen, eine Million Menschen wurden obdachlos. Angesichts der Lage stimmte die Militärregierung widerstrebend ausländischer Hilfe über die UN zu, lehnte aber die direkte Hilfe internationaler Hilforganisationen sowie Gespräche mit der UN ab. Ausländische Helfer berichteten über Veruntreuung von Hilfsgütern durch Armeeangehörige und über Behinderung der Hilfstätigkeiten.

Neue Verfassung 2008

In einem Referendum im Mai 2008 sollte die Bevölkerung - trotz der Sturmkatastrophe - über den Entwurf zu einer neuen Verfassung entscheiden, der von der Regierung vorgelegt worden war. Dies war Teil einer Road Map der Regierung für den Übergang zu einer "disziplinierten Demokratie". Nach Regierungsangaben stimmten 92 % für diese Verfassung. Da die Angaben nicht überprüfbar waren, wurde das Ergebnis der Volksabstimmung seitens der intenationalen Gemeinschaft nicht anerkannt.

Seit Oktober 2010 ist "Republik der Union von Myanmar" neuer offizieller Staatsname. Zudem wurden das Staatswappen sowie die Flagge und die Hymne geändert. Im November 2010 fanden zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten Wahlen in Myanmar statt. Zu wählen waren neben den Parlamentsmitgliedern der Provinzen und Unionsstaaten die Vertreter des Unter- und Oberhauses (Pyithu Hluttaw und Amyotha Hluttaw). Internationale Wahlbeobachter waren nicht gestattet und die Wahlen wurden als nicht frei und unfair eingestuft. Ergebnis der Wahlen war ein deutlicher Sieg der Partei Union Solidarity and Development, die 80 % der Sitze erhielt. Die Oppositionsparteien All Mon Region Democracy Party und Nationale Demokratische Kraft stellen jeweils 16 Abgeordnete in den drei Häusern. Die NLD hatte aufgrund des restriktiven Wahlgesetzes darauf verzichtet, sich für die Wahlen registrieren zu lassen. Die Wahlen verliefen zunächst ohne größere Zwischenfälle. Erst am folgenden Tag kam es zu starken Unruhen im Osten des Landes. Heftige Gefechte zwischen dem Militär und Aufständischen der Karen-Minorität waren die Folge von Wahlabsagen in Regionen, die überwiegend von ethnischen Minderheiten bewohnt wurden. Im November 2010 wurde die Friedensnobelpreisträgerin und Führerin der oppositionellen NLD Aung San Suu Kyi aus ihrem Hausarrest entlassen.

Mit der ersten Einberufung des nationalen Parlaments trat die neue Verfassung am 31. Januar 2011 in Kraft. Das Parlament wählte den Militärangehörigen und bisherigen Premierminister Thein Sein zum Präsidenten. Die seit 23 Jahren regierende Militärjunta löste sich auf. In Folge der Aussöhnung zwischen Aung San Suu Kyi und Thein Sein konnte die NLD an den Parlaments-Nachwahlen im April 2012 teilnehmen. Mit 43 gewonnen Sitzen errang die NLD einen Erdrutschsieg. Die Wahl wird allgemein als erfreulich frei und fair eingeschätzt. Präsident Thein Sein hat in seiner bisherigen Amtszeit eine vorsichtige Öffnung des Landes betrieben.