Ost-Timor Geschichte

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    Archäologische Funde weisen auf menschliches Leben auf der Insel Timor schon in der Steinzeit hin. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nahmen portugiesische Seefahrer Teile der Insel in Besitz. Der gesamte indonesische Archipel (über 13 000 Inseln) war aufgrund seines Reichtums an Gewürzen, die in Europa zu Höchstpreise gehandelt wurden, für die europäischen Kolonialmächte wirtschaftlich interessant. Auf Timor waren für die Kolonialherren Sandelholz, Kaffee, Kopra und Obsidian als wertvolle Waren vorhanden. Portugal musste sich vor allem mit der niederländischen Vereinigten Ostindischen Companie (VOC) auseinandersetzen, die im 17. Jahrhundert zur dominierenden Kolonialmacht in Indonesien wurde. In einem Abkommen aus dem Jahr 1895 einigten sich die beiden Mächte über eine Teilung der Insel Timor in ein westliches Territorium, das in niederländischen Besitz überging, und ein östliches, das bis 1975 portugiesische Kolonie bleiben sollte. Wie auch andere portugiesische Kolonien (z.B. Madeira, Azoren) wurde Ost-Timor als Strafkolonie genutzt.

    Während des Zweiten Weltkriegs war die Insel Timor von japanischen Truppen besetzt. Nach deren Abzug wurde im östlichen Teil der Insel die portugiesische Administration wieder eingesetzt. 1951 wurde Ost-Timor zur portugiesischen Überseeprovinz erklärt. Nach der "Nelkenrevolution" 1974 in Portugal wurde der Ostteil der Insel in die Unabhängigkeit entlassen. Drei politische Gruppierungen standen sich in Ost-Timor gegenüber: die eher bürgerlich-konservative "União Democrática Timorese" (Demokratische Union Timors, UDT), die "Associação Popular Democrática Timorense" (APODETI) und die linksgerichtete "Frente Revolucionária de Timor-Leste Independente" (Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit Ost-Timors, FRETILIN), die 1974 gegründet worden war. Die UDT wollte weiterhin einen engen Anschluss an Portugal, die APODETI suchte den Anschluss an Indonesien bei Teilautonomie Ost-Timors, die FRETILIN unter Führung von José Alexandre ("Xanana") Gusmao kämpfte für die Unabhängigkeit des Landes sowohl von der ehemaligen Kolonialmacht als auch von Indonesien.

    Nach dem überstürzten Abzug der Kolonialtruppen, die in Ost-Timor ein Machtvakuum hinterließen, brach zwischen den Anhängern der einzelnen Parteien ein Bürgerkrieg aus. Die dominante FRETILIN erklärte im November 1975 die Unabhängigkeit der provisorischen Republik Ost-Timor unter Führung des Präsidenten Nicolau Lobato. Doch nur kurze Zeit später marschierten indonesische Truppen in Ost-Timor ein. Die indonesischen Truppen stießen auf erbitterten Widerstand vor allem bei den rund 7 000 Anhängern des militärischen Arms der FRETILIN, der "Befreiungsarmee für Ost-Timor" (FALANTIL). Der überwiegende Teil der Bevölkerung lehnte einen Anschluss an Indonesien ab. Die indonesische Armee zerstörte gezielt Dörfer und Städte, die Bevölkerung wurde zwangsumgesiedelt. Die Landessprache Tétum wurde verboten. 1976 wurde Ost-Timor formell von Indonesien annektiert und zu einer der indonesischen Provinzen erklärt. Die UN erkannte die Annektion nicht an und behandelte Ost-Timor fortan als ein "Territorium ohne eigene Regierung". Die völkerrechtliche Verantwortung für das Land wurde bei der ehemaligen Kolonialmacht Portugal gesehen. Auch die westliche Staatengemeinschaft erkannte die Annexion Ost-Timors nicht an, duldeten diese jedoch aufgrund der bestehenden wirtschaftlichen Interessen im rohstoffreichen Indonesien. Nur Australien erkannte die Annexion offiziell an, auch hier standen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund (reiche Erdölvorkommen, die mit Indonesien geteilt wurden). Während der Besatzung Ost-Timors durch die indonesische Armee kamen im über 20 Jahre andauernden Befreiungskampf an die 200 000 Menschen ums Leben.

    1992 wurde der FRETILIN-Führer Gusmão verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, doch der Widerstand gegen die indonesische Besatzung hielt unvermindert an. 1996 erhielten zwei Unterstützer der Widerstandsbewegung, Bischof Carlos Belo und José Ramos-Horta, Mitbegründer der FRETILIN und deren Vertreter bei der UNO, für ihre Verdienste den Friedensnobelpreis verliehen. Damit wurde der Ost-Timor-Konflikt erneut ins Licht der Weltöffentlichkeit gerückt. Eine Wende zeichnete sich ab, als der indonesische Staatschef Jusuf Habibie 1999 einer von der UNO überwachten Volksabstimmung in Ost-Timor zustimmte. Die militärische Präsenz in Ost-Timor stellte für den durch die anhaltende Wirtschaftskrise geschwächten Haushalt Indonesiens eine schwere Belastung dar, zudem hatte der internationale Druck auf die Regierung des Landes nach dem Tod des Diktators Ibrahim Suharto zugenommen.

    Ende August 1999 sprachen sich - trotz Repressalien der pro-indonesischen Milizen, die vom indonesischen Militär unterstützt wurden - rund 78 % der Bevölkerung Ost-Timors für eine Unabhängigkeit ihres Landes und gegen ein autonomes Ost-Timor innerhalb Indonesiens aus, wie es Habibie angeboten hatte. Daraufhin kam es zu einer Vielzahl von Terrorakten pro-indonesischer Milizen gegen die Bevölkerung des Landes, bei denen erneut zahlreiche Timoresen starben. Etwa 250 000 Einwohner flohen vor der Gewalt ins benachbarte West-Timor. Im September 1999 beschloss der UN-Sicherheitsrat den Einsatz einer UN-Schutztruppe (International Force in East Timor, INTERFET), um die Sicherheit und den Frieden in Ost-Timor wiederherzustellen. Ein Großteil dieser Truppe wurde von Australien gestellt. Im Oktober 1999 stimmte das indonesische Militär der Unabhängigkeit Ost-Timors zu. Im gleichen Monat wurde der Rebellenführer Gusmão nach siebenjähriger Haft entlassen und kehrte nach Ost-Timor zurück. Erst im Februar 2000 konnte die UN-Schutztruppe INTERFET das Land an eine Friedenstruppe der UNO übergeben, die eine Übergangsverwaltung einrichtete (Transitional Administration in East Timor) und versuchte, beim Aufbau des neues Staates zu helfen. Dazu gehörten die Durchführung einer Volkszählung und die Bildung eines Übergangsparlaments, das eine neue Verfassung ausarbeiten sollte. Chef der Übergangsregierung wurde Mari Alkatiri. Im Herbst 2000 nahm Ost-Timor erstmals mit einer eigenen Mannschaft (die aus vier Sportlern bestand) an den Olympischen Spielen in Sydney teil.

    Ende August 2001 wurden in Ost-Timor erstmals freie Wahlen zur konstituierenden Versammlung abgehalten. 16 politische Parteien und eine Vielzahl unabhängiger Kandidaten stellten sich zur Wahl, die unter UN-Aufsicht abgehalten wurde. Die FRETILIN konnte sich mit 57,4 % als dominante politische Kraft durchsetzen. Zweitstärkste Kraft wurde die "Partido Democratático" mit 8,7 %, dicht gefolgt von der "Partido Social Democrata" mit 8,2 %. Im April 2002 wurden in Ost-Timor Präsidentschaftswahlen abgehalten. Mit rund 82,7 % der Stimmen siegte der ehemalige Freiheitskämpfer und Rebellenchef Xanana Gusmão, der bereits vor den Wahlen klarer Favorit gewesen war und als Parteiloser antrat. Einziger Gegenkandidat war der Sozialdemokrat Francisco Xavier do Amaral. Die Wahlbeteiligung lag bei schätzungsweise 90 %. Am 20. Mai 2002 wurde Ost-Timor nach viereinhalb Jahrhunderten portugiesischer Kolonialherrschaft und rund 25 Jahren indonesischer Besatzung in die Unabhängigkeit entlassen.

    Schwere Unruhen, die 37 Todesopfer forderten, erschütterten Ost-Timor im Mai 2006. Über 150 000 Menschen waren auf der Flucht. Grund war die Entlassung eines großen Teils der Armeeangehörigen, die aus Protest gegen Missstände in der Armee zuvor desertiert waren. Premierminister Mari Alkatiri erklärte am 26. Juni seinen Rücktritt. Eine "Internationale Stabilisierungstruppe" (ISF) konsolidierte die Lage wieder. Der UN-Sicherheitsrat erteilte im August 2006 einer neuen UN-Mission (UNMIT) ein umfassendes Mandat, das im Februar 2007 verlängert wurde. Auch die ISF unter Führung Australiens blieb weiter im Land. 2007 lebten noch etwa 50 000 Flüchtlinge in Lagern.

    Präsident wurde im Mai 2007 der Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta. Bei den Parlamentswahlen im Juni 2007 erlitt die FRETILIN starke Verluste, blieb aber mit 21 von 65 Sitzen stärkste politische Kraft im Parlament. Den Premierminister (Ex-Präsident Xanana Gusmão) stellte jedoch der "Kongress des timoresischen Wiederaufbaus" (CNRT; gegründet von Gusmão), der zusammen mit den Demokraten (PD) und den Sozialdemokraten (ASDT/PSD) das Regierungsbündnis "Allianz der Parlamentarischen Mehrheit" (AMP) bildete (37 Sitze). Die FRETILIN verweigerte dem Regierungsbündnis die Anerkennung.

    Im Februar 2008 wurden von Rebellen Anschläge auf Gusmão und Ramos-Horta verübt. Während der Premierminister unverletzt blieb, wurde Ramos-Horta von drei Schüssen schwer getroffen, überlebte jedoch. Seitdem ist es gelungen, die Sicherheitslage in Timor-Leste zu stabilisieren und den jungen Staat zu stärken. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Mai und Juli 2012 verliefen friedlich. Staatspräsident ist seit Mai 2012 Taur Matan Ruak, ehemaliger militärischer Oberbefehlshaber der Verteidigungskräfte Osttimors; Gusmão ist erneut Regierungschef einer Koalitionsregierung.

    Im November 2012 beendete die Stabilisierungstruppe ISF ihren Dienst in Timor-Leste. Das Mandat der UN-Mission UNMIT lief mit Ende des Jahres 2012 aus.