Portugal Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühzeit bis Spätantike

Als die Römer ab Beginn des 2. Jahrhunderts v.Chr. die Iberische Halbinsel eroberten, siedelten dort schon die Kelten, Phönizier, Griechen und Karthager. Die Römer wurden im 5. Jahrhundert von den germanischen Sueben vertrieben, die an der Westküste der Halbinsel das Reich "Portucale" gründeten. Die Germanen mussten 585 den Westgoten weichen, unter denen die Christianisierung der iberischen Völker ihren Anfang nahm.

Mittelalter

Die mittelalterliche Festung Almural

Im Jahr 711 begann die maurische Invasion über die Straße von Gibraltar. Nur sieben Jahre dauerte es, bis die Mauren die gesamte Iberische Halbinsel erobert hatten. Unter ihrer vier Jahrhunderte währenden Herrschaft blühte Kunst, Wissenschaft und Handel auf. Im Zuge der "Reconquista" wurden die Mauren von christlichen Herrschern von Nordspanien aus zurückgedrängt. 1095 wurde die Grafschaft Portucalia in Nordportugal vom kastilischen König als Lehen an Henrique (Heinrich) von Burgund übergeben, dessen Sohn Alfonso 1139 dem maurischen Heer eine vernichtende Niederlage beibrachte und sich zum König von Portugal ernannte.

Um das Jahr 1250 waren die Mauren endgültig aus Portugal vertrieben, das Land erhielt seine Staatsgrenzen, die bis auf wenige kleine Änderungen den heutigen entsprachen. Im 14. Jahrhundert wehrte sich das portugiesische Bürgertum erfolgreich gegen eine spanische Vorherrschaft durch einen kastilischen Regenten (so genannte "Bürgerliche Revolution" 1383-85). Unterstützung für ihren eigenen Thronfolger, João (Johann) I., erhielten die Portugiesen dabei von England (Windsor-Vertrag 1386).

Der mittelalterliche Belem-Turm in Lissabon

Im folgenden Jahrhundert begann das Zeitalter der Seefahrer und Entdeckungen, in Portugal verknüpft mit dem Namen Heinrichs des Seefahrers (1394-1460), der 1415 auf einer ersten Entdeckungsfahrt ein Gebiet im heutigen Marokko für Portugal in Besitz nahm. Er wurde Gouverneur der Algarve und scharte in den folgenden Jahren in Sagres die besten Seefahrer, Wissenschaftler und Schiffsbauer um sich, mit denen er einen neuen, revolutionären (weil viel schnelleren) Schiffstyp entwickelte, die Karavelle. Die nautischen und geografischen Forschungen in Sagres waren Grundlage für die zahlreichen Entdeckungsfahrten der Portugiesen in den nächsten Jahrzehnten.

Neuzeit

Während die spanischen Seefahrer in Richtung Westen segelten, umsegelte Bartolomeu Diaz das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas. 1498 traf Vasco da Gama im indischen Calicut ein. Durch die nunmehr billigere Einfuhr der Schätze des Orients (dazu gehörten vor allem die überaus wertvollen Gewürze und Edelmetalle) wurde Lissabon zur Zentrale des Handels für ganz Europa und Portugal zu einem mächtigen und wohlhabenden Land.

Portugal hatte im 16. Jahrhundert Kolonien und Handelsstützpunkte auf der ganzen Welt: 1500 wurde Brasilien von Pedro Alvares Cabral entdeckt, und gemäß dem Vertrag von Tordesillas (1494), in dem die westliche Hemisphäre am 46. Längengrad in einen portugiesischen und einen spanischen Herrschaftsbereich aufgeteilt worden war, gehörte das Land zu Portugal. Weitere Gebiete waren z.B. in Afrika Guinea-Bissau, Angola, Mocambique, in Asien neben Indien Ceylon, Sumatra, die Gewürzinseln, die Molukken, bis hin nach Schanghai und Nagasaki erstreckte sich der portugiesische Handel.

Mehrere Faktoren waren dafür verantwortlich, dass die portugiesische Weltmachtstellung nicht von langer Dauer war: Durch die Inquisition wurden mit den Juden die wirtschaftlich aktivste Gruppe aus dem Land getrieben, und im Kampf gegen die benachbarte Großmacht Spanien, die ab 1578 für 60 Jahre den portugiesischen Thron innehatte, war Portugal erneut auf die Unterstützung Englands angewiesen. Als Gegenleistung wurde England am portugiesischen Überseehandel beteiligt, und Portugal musste Handelsstützpunkte an die Niederlande und an England abgeben. Die durch die Kriege mit Spanien geleerten Staatskassen wurden erst durch Goldfunde in Brasilien (1695) wieder gefüllt. Das Bündnis mit England bewährte sich für Portugal erneut, als das Land 1807 von den Truppen Napoleons besetzt wurde und nur durch Hilfe englischer Truppen wieder befreit werden konnte.

18. und 19. Jahrhundert

António de Oliveira Salazar

Als das portugiesische Königshaus aus Brasilien 1820 zurückkehrte, hatte sich im Land durch eine starke liberale Bewegung vieles geändert: eine Verfassung, die u.a. Pressefreiheit, die Umwandlung der absoluten in eine konstitutionelle Monarchie und das allgemeine Wahlrecht zum Inhalt hatte, wurde vom rückkehrenden König João VI. akzeptiert. Der Sohn des Königs, der sich weigerte, die Verfassung anzuerkennen, blieb in Brasilien und erklärte das Land für unabhängig. Damit verlor Portugal seine wichtigste Kolonie. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es in Portugal zum Bürgerkrieg zwischen Liberalen, die eine Republik anstrebten, und den so genannten Miguelisten, die eine Rückkehr zum Absolutismus forderten. Auch die Industrialisierung lief in Portugal nur sehr langsam an.

20. Jahrhundert

1910 wurde die Republik ausgerufen, die aber nur von kurzer Dauer war: In 15 Jahren gelang es 44 Regierungen und 8 Präsidenten nicht, die zunehmend instabile soziale und wirtschaftliche Lage des Landes unter Kontrolle zu bringen. Ein Militärputsch im Mai 1926 war der Beginn einer 48 Jahre währenden Diktatur, die mit dem Namen António de Oliveira Salazar verbunden ist. Zunächst Finanzminister, wurde Salazar 1932 Ministerpräsident Portugals (bis 1968). Sein rigoroser Sparkurs auf Kosten der Kleinverdiener führte zunächst zu einer Stabilisierung der Wirtschaft, hinterließ aber große Lücken im Bildungs- und Sozialwesen. Salazar regierte mit strenger Hand in Anlehnung an das faschistische Italien und Deutschland. Ein Einparteiensystem, Geheimpolizei und Überwachungsapparat führten zur konsequenten Unterdrückung oppositioneller Kräfte und Andersdenkender und waren die Eckpfeiler von Salazars "Estado Novo". Die Wirtschaft war geprägt von einer ebenso konsequenten Ausbeutung der portugiesischen Kolonien, die Industrialisierung wurde wenig vorangetrieben, und es kam zu einer zunehmenden Verarmung vor allem der ländlichen Bevölkerung.

Im Spanischen Bürgerkrieg unterstützte Portugal den spanischen General Franco, im Zweiten Weltkrieg blieb das Land neutral und wurde 1949 in die NATO aufgenommen. Zu Beginn der 60er Jahre führten Unabhängigkeitsbestrebungen in einigen der portugiesischen Kolonien zu Revolten und Unruhen, die in die Erklärung der eigenen Unabhängigkeit mündeten (z.B. Angola 1961, Guinea-Bissau 1963, Mosambik 1964). Die Militäreinsätze führten zu einer großen finanziellen Belastung des portugiesischen Staatshaushalts. Salazar musste 1968 zurücktreten, oppositionelle Kräfte gewannen zunehmend an Bedeutung.

1974 kam es zur so genannten "Nelkenrevolution" (so genannt, weil sie überwiegend unblutig verlief und die Gewehre der Soldaten mit roten Nelken geschmückt wurden), durchgeführt von der MFA (Bewegung der Streitkräfte), einer Gruppe linksgerichteter Offiziere. Die Macht in Portugal wurde zunächst von einem Militärrat übernommen. Mit als erste Maßnahme wurden die Kolonien offiziell in ihre Unabhängigkeit entlassen (bis auf Macau, das 1999 an China zurückgegeben wurde). Parteien und Gewerkschaften wurden gegründet, 1982 wurde der Militärrat aufgelöst. Großgrundbesitzer wurden enteignet, Banken, Versicherungen und große Betriebe wurden verstaatlicht. Als wichtigste Parteien des Landes kristallisierten sich die Partido Socialista (PS) und die Partido Social-Democrata (PSD) heraus. Zunächst kam es zu einer Reihe von wechselnden Regierungen und Koalitionen, bevor sich zunächst die Sozialdemokratische Partei ab Mitte der 1980er Jahre als stärkste politische Kraft etablierte. Einige Maßnahmen aus der nachrevolutionären Zeit wurden widerrufen, z.B. wurde das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft aus der Verfassung gestrichen und viele Unternehmen wieder privatisiert.

1986 trat Portugal der Europäischen Gemeinschaft bei.

1996 wurde mit dem Juristen Jorge Sampaio ein Sozialist Staatsoberhaupt. Sampaio war aktiver Gegner der Diktatur, bis 1992 Parteivorsitzender der PS und Bürgermeister von Lissabon. 1999 waren die Sozialisten erneut stärkste Partei und stellten den Ministerpräsidenten, Antonio Guterres. Dass es gelungen war, die wirtschaftliche Situation des Landes zu stabilisieren, zeigten unter anderem die Wachstumsraten; 1998 z.B. 4,2 %. Auch die Arbeitslosenrate lag mit knapp über 5 % weit unter dem EU-Durchschnitt (rund 10 %). Im Januar 2001 wurde der Sozialist Jorge Sampaio als Staatspräsident im Amt bestätigt. Allerdings zeigte die extrem niedrige Wahlbeteiligung von unter 50 % (in neun Orten wurde die Wahl völlig boykottiert) die zunehmende Politikverdrossenheit der Bevölkerung.

Die sich verschlechternde Wirtschaftskonjunktur hatte für die Sozialisten im Dezember 2001 verlustreiche Kommunalwahlen zur Folge; Ministerpräsident Guterres trat zurück. Nach den vorgezogenen Parlamentswahlen im März 2002 wurde José Manuel Durão Barroso von den konservativen Sozialdemokraten (PSD) Ministerpräsident. Im Mai 2005 wurde der Sozialist José Sócrates (PS) zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Er leitete zahlreiche strukturelle Reformen (Schuldensenkung, Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, Modernisierung des öffentlichen Bildungs-, Justiz- und Gesundheitswesens) ein. Staatspräsident ist seit 2006 Aníbal Cavaco Silva. Seit die Regierung Sócrates im April 2011 Finanzhilfen aus dem Europäischen Rettungsfonds beantragen musste und darüber zerbrach, steht das Land im Zeichen einer rigorosen Sparpolitik. Die neue konservative Regierung von Pedro Passos Coelho (PSD) verabschiedete mehrere Sparpakete, die die wirtschaftliche und soziale Lage jedoch weiter zu verschlechtern drohen.