Ruanda Geschichte

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Bevor etwa ab dem 8. Jahrhundert n.Chr. allmählich das Bantuvolk der Hutu in das Gebiet des heutigen Ruanda einwanderte, wurde es von Pygmäen besiedelt, die als Jäger und Sammler lebten. Die Twa-Pygmäen wurden von den Hutu in die dichten Wälder im Westen des Landes verdrängt. Die Herkunft der Tutsi (auch: Watussi, Hima) ist umstritten. Einer These nach waren die Tutsi ursprünglich ein äußerst kriegerisches Volk nilotischer Abstammung, das ab dem 15. Jahrhundert von Norden her in das heutige Ruanda einwanderte. Die Tutsi unterwerfen dieser These zufolge nach und nach die ansässigen Hutu, übrenahmen von diesen aber Sprache und Religion. Einer anderen Auffassung nach hat sich die Adelsschicht der Hima aus den Bauernvölkern selber herausgebildet und ist als Ergebnis einer fortschreitenden gesellschaftlichen Entwicklung und Differenzierung zu sehen. Fest steht, dass die Tutsi ein Herrschaftssystem mit einem König (Mwami) an der Spitze und einer adligen Oberschicht, die ausschließlich aus Tutsi bestand und die über die untergeordneten Hutu herrschte, etablierten. Obwohl die Hutu zahlenmäßig den Tutsi weit überlegen waren, scheiterten ihre Aufstände an der überlegenen Bewaffnung der Tutsi-Armeen. Auch die arabischen Sklavenhändler konnten sich gegen diese Armeen nicht durchsetzen.

Auch im 19. Jahrhundert blieb das Gebiet weitgehend unerforscht, zu den ersten europäischen Reisenden gehörten die britischen Forscher David Livingstone und Sir Henry Morton Stanley, die auf der Suche nach den Quellen des Nils waren. Erst als die europäischen Kolonialmächte 1890 Afrika unter sich aufteilten und das Gebiet des heutigen Ruanda dem Deutschen Reich zugeteilt wurde, begann die Erforschung des Landes durch Militärexpeditionen. 1899 wurde das Gebiet gemeinsam mit dem benachbarten Burundi an die Kolonie Deutsch-Ostafrika angeschlossen (seit 1891 war Tansania offiziell deutsche Kolonie) und es wurden erste Missionsstationen gegründet. Die Fremdherrschaft änderte nichts an den bestehenden Herrschaftsverhältnissen, nach wie vor dominierte eine kleine, aus Tutsi bestehende Führungsschicht die Hutu-Mehrheit.

Als Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg seine Kolonien aufgeben musste, wurde das Gebiet des heutigen Ruanda gemäß des Friedensvertrages von Versailles 1920 Mandatgebiet des Völkerbundes. Belgische Truppen waren bereits 1916 in das Gebiet einmarschiert und übernahmen nun die Verwaltung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb das Land gemeinsam mit dem benachbarten Burundi (Ruanda-Urundi) Treuhandgebiet der Vereinten Nationen (UN) und unter belgischer Verwaltung. Erste Wahlen auf regionaler Ebene 1956 gingen zugunsten der Tutsi-Elite aus, die weiterhin alle Schlüsselpositionen und höheren Ämter belegten. Daraufhin forderten Hutu-Intellektuelle in dem so genannten "Hutu-Manifest" 1957 die Abschaffung der Vorherrschaft der Tutsi und die Herstellung demokratischer Verhältnisse. Der Konflikt zwischen den Ethnien spitzte sich weiter zu, im November 1959 kam es zum offenen Kampf zwischen den verfeindeten Parteien. Die Tutsi verloren ihre Positionen und wurden zu Tausenden getötet. Über 100 000 Tutsi flohen in die benachbarten Länder.

Eine Verwaltungsreform trug den neuen Umständen Rechnung, die Posten und Ämter wurden nun zum Großteil durch Hutu eingenommen. Im Juni 1960 wurden in Ruanda erste Kommunalwahlen abgehalten, bei denen die 1957 aus verschiedenen Hutu-Widerstandsbewegungen hervorgegangene "Parti de l'Emancipation du Peuple Hutu" (PARMEHUTU) unter Grégoire Kayibanda die Mehrheit der Stimmen erhielt. Das Wahlergebnis bestätigte sich bei den im September 1961 durchgeführten Parlamentswahlen, als die PARMEHUTU 32 von insgesamt 48 Sitzen errang. In einem von der UNO abgehaltenen Volksentscheid wurde für die Abschaffung der Monarchie gestimmt.

1962 wurde Ruanda als Republik ein souveräner Staat. Erstes Staatsoberhaupt wurde Grégoire Kayibanda als Staatspräsident (bis 1973).

Knapp ein Jahr später versuchten Tutsi-Truppen vom Nachbarland Burundi aus, die Hauptstadt Kigali einzunehmen und die Monarchie wiedereinzuführen. Der Umsturzversuche scheiterte nur knapp, in einem blutigen Vergeltungsschlag der ruandischen Regierungstruppen verloren mindestens 20 000 Tutsi ihr Leben.

1973 wurde Staatspräsident Grégoire Kayibanda durch einen Putsch des Militärs entmachtet. Im Vorfeld hatte dieser versucht, durch eine Verfassungsänderung seine eigenen Machtbefugnisse auszubauen und die PARMEHUTU als einzig legale Partei zu etablieren. Innenpolitisch wurde das Land nach wie vor durch den Konflikt zwischen Hutu und Tutsi belastet, der sich überwiegend im Grenzbereich zu Burundi abspielte (nach Burundi geflohene Tutsi bekriegten nach Ruanda geflohene Hutu). Zusätzlich ergaben sich neue Spannungen zwischen den Hutu im Norden Ruandas und denen im Süden, die das Gros der politischen Führungsschicht bildeten.

Neuer Präsident Ruandas wurde der Hutu-General Juvénal Habyarimana (bis 1994). Er etablierte seine Partei "Mouvement Révolutionnaire National pour le Développement" (Revolutionäre Nationalbewegung für Entwicklung/MRND) als Einheitspartei, verbot die PARMEHUTU und alle anderen politischen Parteien. Habyarimana bemühte sich um einen Ausgleich mit den Tutsi und die Wiedereinführung einer zivilen Regierung. 1976 wurde er im Amt des Präsidenten bestätigt, ebenso 1983. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die ohnehin angespannte wirtschaftliche Lage Ruandas durch die Rückkehr von Tausenden von Flüchtlingen aus Uganda weiter verschlechtert. Die Konflikte zwischen Hutu und Tutsi brachen erneut offen aus. 1988 kamen zusätzlich mehr als 60 000 Hutu-Flüchtlinge aus dem Nachbarland Burundi nach Ruanda.

1990 drang eine von in Uganda lebenden Tutsi-Flüchtlingen aufgestellte Armee in Ruanda ein, die überwiegend der "Front Patriotique Rwandais" (FPR) angehörten. Die blutigen Auseinandersetzungen konnten erst durch das Eingreifen ausländischer Truppen beendet werden. Ein Jahr später kündigte der amtierende Präsident Habyarimana die Rückkehr Ruandas zum Mehrparteiensystem an und bekundete seine Absicht zur Wiederansiedlung vertriebener Tutsi. Daraufhin kam es zwischen der ruandischen Regierung und der "Front Patriotique Rwandais" zu einem Friedensabkommen, in dem eine Beteiligung der Oppositionsparteien an der Regierung vorgesehen war.

Trotz der Ernennung eines Tutsi zum Chef der Regierung (Dismas Nsengiyaremye, Führer der demokratisch-republikanischen Partei MDR, Mouvement Démocratique Républicain) durch den Staatspräsidenten nahmen die Auseinandersetzungen zwischen Tutsi und Hutu in Ruanda immer mehr zu. Auch ein erneuter Friedensvertrag im Sommer 1993, der durch Vermittlung des tansanischen Präsidenten zustande gekommen war (Friedensabkommen von Arusha), änderte daran nichts. Als im April 1994 der ruandische Staatspräsident Juvénal Habyarimana und sein burundischer Amtskollege Cyprien Ntaryamira bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kamen, kam es infolge zu blutigen Massakern von Hutu an Tutsi, denen ein Anschlag vorgeworfen wurde. Innerhalb weniger Tage wurden fast eine Million Tutsi und auch gemäßigte Hutu-Politiker, die mit den Tutsi zusammengearbeitet hatten, von der ruandischen Armee und Milizen ermordet.

Im Juli 1994 besetzten die Truppen der Tutsi-Rebellenarmee die Hauptstadt Kigali und gewannen die militärische Herrschaft über Ruanda. Mehr als eine Million Hutu flüchteten in die Nachbarländer Uganda und Zaire, wo sie in von der UNO geschaffenen riesigen Flüchtlingslagern unterkamen. Aufgrund mangelnder hygienischen Bedingungen und der schlechten Versorgungslage starben tausende von Flüchtlingen an Seuchen und Epidemien.

Die "Front Patriotique Rwandais" (FPR) verkündete in Kigali das Ende des Bürgerkriegs und ernannte einen Hutu zum Staatsoberhaupt. Auch der Chef der Regierung wurde ein Hutu, während der Chef der "Front Patriotique Rwandais", Paul Kagame, Vizepräsident und Verteidigungsminister wurde. Um die brach liegenden Felder wieder zu bewirtschaften und die gravierenden Nahrungsmittelengpässe zu beheben, bemühte sich die neue Regierung der Nationalen Einheit um eine möglichst rasche Rückführung der geflüchteten Hutu. Eine rund 5 000 Mann starke UN-Friedenstruppe wurde in Ruanda eingesetzt, ein Jahr später begannen am Internationalen Gerichtshof in Den Haag erste Prozesse gegen Kriegsverbrecher aus Ruanda.

Trotz internationaler Finanzhilfen und Bemühungen zur Befriedung des Landes kam es in Ruanda immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hutu und Tutsi, die von außenstehenden Beobachtern u.a. auf den Mangel an genügend Acker- und Weideland in Ruanda zurückgeführt wurden. Zusätzliche Konflikte ergaben sich mit dem Nachbarland Zaire (ab 1997 Demokratische Republik Kongo), in dem Rebellen des Tutsi-Stammes der Banyamulenge den langjährigen Diktator Mobutu Sese Seko stürzen wollten. In großen Lagern auf zairischem Boden lebten nach wie vor Tausende von Hutu, die einerseits vom Hunger- bzw. Seuchentod bedroht waren, andererseits aus Angst vor Verfolgung nicht nach Ruanda zurückkehren wollten. Im Oktober 1996 kam es zum offenen Ausbruch von Kampfhandlungen zwischen Zaire und Ruanda. Bis Mitte 1997 kehrten über eine Million Hutu-Flüchtlinge nach Ruanda zurück. Gleichzeitig richtete der Staat für aus der Demokratischen Republik Kongo geflüchtete Tutsi Auffanglager ein. Sowohl Hutu- als auch Tutsi-Lager wurden wiederholt von Milizen der Gegenseite überfallen, wobei zahllose Menschen ums Leben kamen.

Seit 2000 befindet sich der vormalige Vizepräsident Paul Kagame im Amt des Präsidenten. Ruandische Truppen waren weiterhin im Nachbarland Demokratische Republik Kongo am Bürgerkrieg beteiligt (offiziell um die ruandische Grenze vor Angriffen von Hutu-Milizen, die in die DR Kongo geflüchtet waren, zu schützen). Internationale Beobachter warfen der ruandischen Führung (ebenso wie den führenden Politikern und Militärs von Uganda und Burundi) vor, sich durch Plünderung der Bodenschätze in der DR Kongo (Gold, Diamanten) zu bereichern. 2002 wurde zwischen Ruanda und der DR Kongo ein Friedensvertrag abgeschlossen, mit dem wesentliche Punkte des Friedensabkommens von Lusaka von 1999 umgesetzt werden sollen. Die Regierungen beider Länder vereinbarten im November 2007 ein Abkommen zur Entwaffnung der Hutu-Milizen.

Seit 2003 ist eine neue Verfassung in Kraft. Kennzeichend sind u. a. das Prinzip der Gewaltenteilung, ein Zweikammer-Parlament in einem halbpräsidialen System sowie Menschen- und Bürgerrechte. Die Menschenrechtslage hat sich allgemein verbessert.