Schweiz Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Anfänge

Archäologische Funde sprechen für eine Besiedelung der heutigen Schweiz bereits in der Altsteinzeit. Funde bei La Tène am Neuenburger See gaben der keltischen Kultur der jüngeren Eisenzeit (etwa 5. Jh. v.Chr.) ihren Namen. Im 1. Jh. v.Chr. wanderten die Helvetier aus dem süddeutschen Raum ein, die 58. v.Chr. von den Römern unterworfen wurden. Das Volk der Räter, die den östlichen Alpenraum besiedelten und deren Ursprünge nicht geklärt sind, wurden ebenfalls von den Römern unterjocht (durch die römischen Einflüsse entstand so die rätoromanische Volksgruppe).

Ab dem 4. Jh. n.Chr. kamen germanische Völker (Alemannen) und Burgunder im Rahmen der Völkerwanderung auf schweizerisches Gebiet, die Alemannen siedelten sich vor allem im Norden des Landes an, die Burgunder im Westen. Ab dem 6. Jh. gehörte das ganze Gebiet der heutigen Schweiz zum Fränkischen Reich. Aus dieser Zeit stammen einige der bekanntesten Klöster in der Schweiz (z.B. St. Gallen). 843 wurde das Fränkische Reich geteilt, die Schweizer Gebiete wurden dem Ost- bzw. dem Mittelreich zugeteilt.

Gründung der Schweizer Eidgenossenschaft

Ab 1033 gehörte das Gebiet zum "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation". Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es mehrere regionale Herrschaftsgebiete gegeben. Im 13. Jh. verlieh die Öffnung des Gotthardpasses (als die kürzeste Verbindung nach Italien, das in großen Teilen noch unter deutscher Oberhoheit war) den Schweizer Gebieten eine neue strategische Bedeutung. Kaiser Friedrich II. verlieh dem Urkanton Uri den Status eines reichsunmittelbaren Territoriums, 1240 auch dem benachbarten Schwyz: Das bedeutete, die Gebiete unterstanden direkt dem deutschen Regenten, nicht mehr einem regionalen Landesherrn. Zürich, Bern, Solothurn und Schaffhausen wurden freie Reichsstädte. 1273 bestieg Rudolf I. aus dem Geschlecht der Habsburger den deutschen Thron. Nach seinem Tod im Juli 1291 schlossen sich gegen das expansive Streben der Habsburger die drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden zu einem Bund zusammen (Rütlischwur). Dieser Schutzbund wird heute als Ursprung der Schweizerischen Eidgenossenschaft gesehen.

Nach ersten militärischen Erfolgen gegen die Truppen der Habsburger festigte sich der "Ewige Bund" und wurde um Luzern, Zürich, Zug, Glarus und Bern ergänzt zum "Bund der Acht alten Orte". Die Habsburger erlitten 1386 bei Sempach und 1388 bei Näfels weitere Niederlagen bei dem Versuch, die Selbstständigkeit der Schweizer einzuschränken. Im 15. Jh. kamen weitere Gebiete und Städte zum Bund der Eidgenossen dazu (Aargau, Thurgau, Unterwallis, Freiburg, Solothurn, Graubünden, Basel, Schaffhausen). Nach dem Sieg über den römisch-deutschen Kaiser Maximilian I. 1499 (Schwabenkrieg) kam es zur de-facto-Loslösung der Eidgenossenschaft vom deutschen Reichsverband. Völkerrechtlich bestätigt wurde dies erst im Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete.

Nach der Niederlage eines schweizerischen Söldnerheeres gegen französische Truppen bei Marignano (1515) beschloss die Eidgenossenschaft, fürderhin Neutralität zu wahren, seitdem die oberste Maxime der schweizerischen Außenpolitik.

Reformation und Gegenreformation

Das 16. Jh. war geprägt von Reformation und Gegenreformation: 1523 wurde in Zürich das Programm des Geistlichen Ulrich Zwingli zur Reformierung der Staatskirche angenommen (unter anderem Auflösung der Klöster, Abschaffung der Heiligenbilder). Viele Städte folgten dem Beispiel Zürichs, andere verwahrten sich mit Waffengewalt gegen die Reformation. In den Kappeler Kriegen (1529-31) unterlagen die Protestanten den Katholiken, im "konfessionellen Landfrieden" wurde beschlossen, dass jeder Kanton selbst die Frage nach der Glaubensentscheidung für sich klären sollte (die Gemeinden hatten sich dem Entschluss des jeweiligen Landesherrn zu beugen). Die Schweiz wurde wichtiges Zentrum der reformistischen Bewegung, Zwinglianer und Calvinisten (Johannes Calvin setzte in Bern eine protestantische Kirchenordnung durch) gründeten 1566 eine Glaubensgemeinschaft. Der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten setzte sich in den Vilmerer Kriegen fort (1656, 1712), die reformierten Kantone Zürich und Bern konnten innerhalb der Eidgenossenschaft nach ihrem Sieg eine führende Position einnehmen.

Nicht nur Glaubensfragen führten zu Kriegen, auch soziale Spannungen zwischen den städtischen Patriziern und den Bauern im Mitteland, die sich gegen die politische Bevormundung durch die Städte auflehnten (Schweizerischer Bauernkrieg 1653). Trotz aller Konflikte blieb der Bund der Eidgenossenschaft bestehen als ein lockerer Verbund der einzelnen Kantone, wobei diese weitgehend unabhängig blieben. Jeder Kanton hatte seine eigene politische Führung und eigene Hauptstadt.

Französische Besatzung und Folgezeit

Das änderte sich 1798 nach der Besetzung des Landes durch französische Truppen. Die förderalistische Struktur wurde aufgelöst durch die neu ausgerufene "Helvetische Republik" nach französischem Vorbild. Auch innerhalb der Schweiz fanden sich Anhänger der neuen Staatsform (Unitarier), während sich die so genannten Föderalisten für die herkömmliche Staatsform der unabhängigen Kantone einsetzten. 1803 wandelte Frankreich unter Napoleon Bonaparte die Schweiz wieder in eine förderalistische Staatsform um. Zu den dreizehn alten gehörten nun auch die neuen Kantone Graubünden, St. Gallen, Aargau, Thurgau, Waadt (Vaud) und Tessin (Ticino) zur Eidgenossenschaft. Nach der endgültigen Niederlage der Franzosen gegen die alliierten Mächte Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland wurde auf dem Wiener Kongress 1814/15 die Eigenstaatlichkeit der "Schweizerischen Eidgenossenschaft" von den europäischen Großmächten völkerrechtlich anerkannt, ebenso deren erklärte "immerwährende Neutralität". Als neue Kantone kamen Wallis (Valais), Neuenburg (Neuchâtel) und Genf (Genève) dazu. Im großen und ganzen hatte die Schweiz damit ihre heutige Gestalt.

Die Folgezeit war geprägt vom Konflikt zwischen liberalen und konservativen Kräften, der im Sonderbundskrieg 1847 gipfelte. Es siegten die liberal-antiklerikalen Kräfte (die so genannten "Freisinnigen"), eine neue Verfassung wurde erlassen, die im wesentlichen der heutigen entspricht. Der lose Staatenbund wurde umgewandelt in einen Bundesstaat mit zentralen Organen (Zentralregierung in Bern, Bundesgericht, Bundesversammlung, Bundesrat). Weiter wurde die bürgerliche Gleichheit festgeschrieben und das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer (erst 1990 gab es das allgemeine und gleiche Wahlrecht in allen Kantonen der Schweiz auch für Frauen).

In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s begann die rasch fortschreitende Industrialisierung in der Schweiz, das Mittelland wurde zum wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Verfassungsänderungen (1874) verankerten die in der Schweiz traditionellen Formen der direkten Demokratie (Volksabstimmungen) in der Verfassung, auch heute noch ist die Durchsetzung relevanter Gesetze oder politischer Entscheidungen nur nach Volksabstimmung möglich. Nach einem Generalstreik der durch die Industrialisierung neu entstandenen Arbeiterschaft, zu dem die Sozialdemokratie 1918 aufgerufen hatte, kam es zu sozialen Reformen wie z.B. der Festschreibung der 48-Stunden-Woche.

Das 20. Jahrhundert

Auch im Ersten Weltkrieg konnte die Schweizerische Eidgenossenschaft ihre Neutralität bewahren, dadurch war das Land prädestiniert als Sitz für internationale Organisationen (schon seit 1864 hatte das Internationale Rote Kreuz seinen Sitz in Genf). 1920 trat in Genf zum ersten Mal der Völkerbund zusammen, dessen erklärtes Ziel die "Förderung der friedlichen Zusammenarbeit der Nationen" war. Insgesamt nahmen 45 Staaten an den Konferenzen teil, allerdings fehlten maßgebliche Staaten wie die USA und die Sowjetunion.

Auch im Zweiten Weltkrieg blieb die Schweiz neutral, musste aber gegenüber den Achsenmächten Konzessionen machen (Einschränkungen der Pressefreiheit, Asylrecht). Als im Juni 1945 in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen (UNO) als Nachfolgeorganisation des Völkerbundes unterzeichnet wurde, lehnte die Schweiz aufgrund ihres neutralen Status den Beitritt ab, wirkte aber in humanitären Unterorganisationen der UNO (von denen einige ihren Sitz in der Schweiz haben) mit. 2002 sprach sich schließlich die Mehrheit der Schweizer in einer Volkabstimmung für den Eintritt in die UNO aus. Innerhalb Europas wurde die Schweiz 1960 Mitglied der "European Free Trade Association" (EFTA), 1963 des Europarates und schloss 1972 ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Gemeinschaft. Gegen den Beitritt des Landes zur EG sprach sich das Schweizer Volk wiederholt aus (zuletzt 1992). Im März 2001 stimmten über 70 % der Schweizer gegen die Bürgerinitiative "Ja zu Europa", die für eine Mitgliedschaft der Schweiz in der Europäischen Union plädierte. 2005 wurde aber zumindest der Beitritt zum Schengener Abkommen und damit die - begrenzte - Verminderung der Grenzkontrollen von der Bevölkerung gebilligt; der Beitritt fand 2008 statt.

Seit Ende der 1950er Jahre bildete eine Koalition der vier relevanten Parteien (Freisinnig-Demokratische Partei FDP, Sozialdemokraten SPS, Christdemokraten CVP, Schweizerische Volkspartei SVP) eine tragfähige innenpolitische Basis. Diese vier Parteien teilten sich im Verhältnis 2:2:2:1 (so genannte Zauberformel) die sieben Ämter des Bundesrates. Anfang der 1970er Jahre wurde das allgemeine Wahl- und Stimmrecht für Frauen auf Bundesebene beschlossen (erst 1990 in allen Kantonen). Das Verhältnis der Ministerpostenverteilung unter den Parteien blieb auch nach den Wahlergebnissen im Oktober 1999 unverändert, als die rechtsnationale SVP erstmals stärkste Partei bei den Nationalratswahlen wurde. Nach einem zunehmend emotionalisiert geführten Wahlkampf gingen aus den Parlamentswahlen im Oktober 2007 die Volkspartei und die Grünen als Wahlsieger hervor, während die politische Mitte - Sozialdemokraten und Freisinnig-Demokratische - Verluste erlitt. Entgegen dem Usus wurde bei der Neuwahl des Bundesrats im Dezember 2007 der amtierende Justizminister der SVP, Christoph Blocher, nicht wiedergewählt; in sein Amt wählte die Bundesversammlung die liberale SVP-Politikerin Eveline Widmer-Schlumpf. Da dies gegen den Willen der SVP geschah, schloss diese ihre beiden Bundesräte aus der Fraktion aus und ging in die Opposition. Damit zerbrach das jahrzehntelang bewährte Modell der Konkordanzdemokratie. Auch bei den Nationalratswahlen im Oktober 2011 mussten die großen Parteien Einbußen hinnehmen.

Die globale Finanzkrise 2007/2008 belastete in der Schweiz vor allem die Großbanken UBS und Crédit Suisse. Auch die weltweit größte Rückversicherungs-Gesellschaft Swiss Re musste Abschreibungen in Höhe von 1,2 Milliarden Franken bekanntgeben.