Somalia Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Anfänge

Vermutlich befand sich auf der Somali-Halbinsel bereits im 3. Jt v.Chr. ein Reich names Punt, mit dem Ägypten Handel betrieb (Myrrhe, Weihrauch) und das von verschiedenen Bantu-Volksstämmen besiedelt war. In den Jahrhunderten nach dem Beginn der christlichen Zeitrechnung gehörten Gebiete des heutigen Somalia zum äthiopischen Großreich Aksum (etwa 2.-7. Jh.). Ab dem Anfang des 9. Jh.s wanderten neben anderen Stämmen die kuschitischen Somali in dieses Gebiet ein und drängten die Bantu-Völker weiter in den Süden ab. Etwa zur gleichen Zeit wurde die afrikanische Ostküste von arabischen Seefahrern besiedelt, die den Islam in das Land brachten. Zahlreiche kleinere Sultanate entstanden, während sich im Landesinneren die Somali immer weiter in Richtung Norden (Dschibuti), Westen (Äthiopien) und Süden (Kenia) ausdehnen.

Kolonialzeit

Ab Anfang des 16. Jh.s erbauten die Portugiesen an der Küste der Somali-Halbinsel einige Stützpunkte, unternahmen aber keine Vorstöße ins Hinterland. Erst mit dem Bau des Suezkanals (1859-69) gewann das Küstengebiet des äußersten Ostens Afrikas für die europäischen Großmächte und das Osmanische Reich an strategischer Bedeutung: Sowohl Italien, Frankreich und Großbritannien als auch Ägypten drangen in die Region vor und versuchten, die Küstengebiete des Horns von Afrika unter ihre Kontrolle zu bringen. 1862 eroberten französische Truppen das Gebiet des heutigen Dschibuti, das 1896 zur Kolonie "Französisch-Somaliland" erklärt wurde. Großbritannien kolonialisierte den nördlichen Küstenbereich des heutigen Somalia (Britisch-Somaliland), die Italiener den südlichen Teil der Küste am Indischen Ozean (Italienisch-Somaliland). Vom Westen her eroberten Truppen des äthiopischen Kaisers Menilek II. die Ogaden-Hochebene.

Ab dem Ende des 19. Jh.s lehnten sich die Somali gegen die verschiedenen Kolonialmächte auf, konnten sich gegen diese aber nicht durchsetzen. 1936 wurde der italienisch besetzte Teil Somalias zusammen mit den Gebieten des heutigen Eritreas und Äthiopiens zur Kolonie "Italienisch-Ostafrika" erklärt. 1941 eroberte Großbritannien die italienischen Kolonialgebiete im Osten Afrikas, Italienisch-Somaliland kam unter britische Militärverwaltung.

Erste Jahre der Unabhängigkeit

1950 wurde Italienisch-Somaliland Mandatsgebiet der Vereinten Nationen, Italien wurde mit der Verwaltung des Gebietes beauftragt mit dem Ziel, das Land auf die Unabhängigkeit vorzubereiten. Sechs Jahre später erhielt das Gebiet eine halbautonome Regierung, 1960 wurde sowohl Britisch- als auch Italienisch-Somalia in die Unabhängigkeit entlassen und schlossen sich zur Republik Somalia zusammen. Hauptstadt des neuen Staates wurde Mogadischu, das im 10. Jh. von Arabern erbaut worden war und sich zum wichtigen Handelsplatz entwickelt hatte. Erster Staatspräsident des Landes wurde Aden Abdullah Osman, Chef der Regierung (Premierminister) wurde Abdi Rashid Ali Shermarke. Beide gehörten der dominanten politischen Partei Somalis an, der 1947 gegründeten "Somali Youth League" (SYL). Schon in der Anfangsphase zeigten sich in Somalia deutliche Differenzen zwischen dem nördlichen, nur schwach entwickelten Landesteil und dem fortschrittlicheren Südteil des Landes. Ebenso führte die Zugehörigkeit Einzelner zu den verschiedenen Somali-Clans zu starken innenpolitischen Spannungen, denen die Regierung durch eine Vereinigung der Clans zu begegnen versuchte. Mit Kenia entstanden durch die Ansprüche Somalias auf den Nordosten dieses Landes (Northern Frontier District) Grenzstreitigkeiten, ebenso mit Äthiopien um die Ogaden-Hochebene, die hauptsächlich von Angehörigen der Somali bevölkert war. Nach Ausbruch kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Äthiopien und Somalia gelang es Abdi Rashid Ali Shermarke, inzwischen Staatspräsident des Landes, den Konflikt durch einen Waffenstillstand zu beenden.

Militärregime

Bei den Parlamentswahlen 1969 kam es zu einem Putsch des Militärs, neuer Staatschef wurde der General Mohammed Zijad Barre. Dieser beendete die pro-westliche Haltung seines Vorgängers und schlug einen sozialistischen Kurs bei enger Anlehnung an die UdSSR und die arabischen Staaten ein. Die demokratische Verfassung wurde außer Kraft gesetzt, ein Revolutionsrat gebildet. Politische Parteien wurden verboten, ausländisches Eigentum verstaatlicht. 1974 unterzeichnete die somalische Führung mit der UdSSR einen Vertrag über militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit, die somalische Armee wurde daraufhin zu einer der bestausgerüstetsten ganz Afrikas. 1976 wurde die von Barre gegründete "Somali Revolutionary Socialist Party" (SRSP) zur Einheitspartei erklärt. Barre selbst wurde Staatspräsident und Regierungschef in einer Person. Sein erklärtes Ziel war es, alle Somalis in einem gemeinsamen Staat zu vereinen. Als die Sowjetunion begann, Äthiopien militärisch zu unterstützen, löste die somalische Führung die Verträge mit der Sowjetunion auf und verwies die russischen Berater außer Landes. Somalische Truppen unternahmen 1977 einen Vormarsch in die Ogaden-Hochebene, die auf äthiopischem Staatsterritorium lag, mussten sich aber vor den äthiopischen Streitkräften, die von sowjetischen und kubanischen Truppen unterstützt wurden, wieder zurückziehen. Die auf der Ogaden-Hochebene ansässigen Somali flüchteten zum Großteil nach Somalia, wodurch sich die ohnehin schlechte wirtschaftliche Lage des Landes weiter verschärfte. 1980 musste die somalische Führung den nationalen Notstand ausrufen (bis 1982), als eine anhaltende Dürreperiode zu Hungersnöten führten. Außenpolitisch orientierte sich Somalia nun eher in Richtung der USA, der 1981 die Errichtung von militärischen Stützpunkten bei Mogadischu und Berbera genehmigt wurde.

Bürgerkrieg

Nach erneuten Grenzkonflikten mit Äthiopien, einer weiteren Dürrekatastrophe und durch Misswirtschaft und Korruption stand Somalias Wirtschaft 1987 erneut vor dem Zusammenbruch, zum zweiten Mal wurde der Notstand ausgerufen. Ein Jahr später wurde mit Äthiopien ein Friedensvertrag geschlossen, der die Errichtung einer entmilitarisierten Zone vorsah. Innerhalb Somalias brach ein Bürgerkrieg um die Vorherrschaft in Somalia aus: Auf der einen Seite standen die einzelnen Clans und Gruppierungen wie die islamische "Nationale Bewegung Somalias" (SNM), die "Patriotische Bewegung Somalias" (SPM) und der "Somalische Kongress" (SC), auf der anderen Seite das Barre-Regime.

Im Januar 1991 stürzten die Rebellen das Militärregime in Mogadischu. Die geplante Regierung der Nationalen Einheit kam aufgrund der Differenzen zwischen den einzelnen Gruppierungen nicht zustande, der Bürgerkrieg ging weiter. Die SNM verkündete kurz darauf die Unabhängigkeit des Nordens (bis 1960 Britisch-Somaliland), die von den anderen Gruppierungen aber nicht anerkannt wurde. Mitte 1992 griffen UNO-Truppen unter amerikanischer Führung in das Geschehen ein, die die Verteilung von Hilfsmittellieferungen an die hungernde Bevölkerung überwachen, die miteinander verfeindeten Truppen entwaffnen und beim Aufbau des Landes helfen sollten (Aktion "Restore Hope", übersetzt: "Neue Hoffnung").

1994 mussten sich die amerikanischen Truppen unverrichteter Dinge aus Somalia zurückziehen, während dort trotz diverser geschlossenen Waffenstillstände zwischen den Rebellenorganisationen der Bürgerkrieg weiter tobte. 1997 wurden Somalia und andere Länder in Ostafrika von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht, die durch sintflutartige Regenfälle ausgelöst wurde.

Nachdem die Gefechte zwischen den einzelnen Clans trotz verschiedener Friedensabkommen immer wieder aufflammten, kam es im Mai 2000 auf Initiative des dschibutischen Staatspräsidenten und der Vereinten Nationen zu erneuten Friedensverhandlungen. Die beteiligten Bürgerkriegsparteien einigten sich auf die Einsetzung einer Übergangsregierung und die Bildung eines Parlaments. Im August 2000 wurde der frühere Innenminister Abdulkassim Salad Hassan zum Staatspräsidenten Somalias gewählt; er verkündete in seiner Antrittsrede, er wolle Islam, Marktwirtschaft und Demokratie miteinander verbinden. Auch nach dem Regierungswechsel kam es immer wieder zu Feuergefechten zwischen den verfeindeten Clans. Die "Union islamischer Gerichte" eroberte 2006 die Hauptstadt Mogadischu und weitere Teile des Landes und setzte eine Ordnung nach der Scharia durch. Nachdem sie gegen das Nachbarland Äthiopien den Dschihad ausgerufen hatte, erklärte dieses der Union den Krieg und marschierte in Somalia ein, so dass Teile von Mogadischu bald wieder in die Hand der Übergangsregierung fielen. Bereits 2004 war eine provisorische Nationalversammlung mit 275 Mitgliedern gebildet worden. Diese wie auch der Präsident der Interimsregierung Abdullah Yusuf konnten erst im Januar 2007 aus dem kenianischen Exil nach Mogadischu umziehen. Trotz der Stationierung der afrikanischen Friedenstruppe AMISOM seit März 2007 kam es weiterhin zu erbitterten Kämpfen in der Hauptstadt, aber auch im Süden zwischen Regierungstruppen und der Nachfolgeorganisation der "Union islamischer Gerichte", der Al-Shabaab. Letztere brachte im Laufe des Jahres 2008 weite Teile Süd- und Zentralsomalias unter ihre Kontrolle. Neuer Präsident wurde im Januar 2009 Sharif Scheich Ahmed.

Seit 2005 stieg die Zahl der Übergriffe von Piraten auf internationale Handels- und sogar Kreuzfahrtschiffe vor der Küste Somalias stark an. Lösegelder in Millionenhöhe sind seitdem von verschiedensten Reedereien bezahlt worden. Durch militärischen Geleitschutz, vor allem von Seiten der US-Armee, wird die Piraterie bekämpft.

Am 1. August 2012 wurde eine vorläufige Verfassung angenommen. Gemäß ihr ist Somalia eine Bundesrepublik, der auch Somaliland angehört. Der Islam bleibt Staatsreligion, die Rechtsprechung orientiert sich am islamischen Recht (Scharia). Auf Grundlage dieser Verfassung trat im September 2012 eine neue Regierung unter Führung von Präsident Hassan Scheich Mahmud ihr Amt an. Obwohl die Macht der Al-Shabaab-Milizen inzwischen zurückgedrängt werden konnte, kommt es weiterhin zu blutigen Anschlägen.