Tschechische Republik Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Frühzeit bis Spätantike

Bereits 500 v.Chr. bewohnten keltische Stämme, in Böhmen die Bojer und in Mähren die Cotiner, das Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Markomannen und Quaden, germanische Stämme, vertrieben die Kelten und widerstanden erfolgreich den Expansionsbestrebungen des Römischen Reiches. Die Donau bildete über mehrere Jahrhunderte die Grenze zwischen Germanen und Römern.

Die Herrschaftsverhältnisse in Böhmen und Mähren änderten sich im 5. Jahrhundert n.Chr., als die Hunnen in die Regionen einfielen. Diese wurden im 6. Jahrhundert von den Awaren, einem asiatischen Reitervolk verdrängt, die ihrerseits von Slawenstämmen aus dem Geschlecht der Premysliden an der Macht abgelöst wurden.

Mittelalter

Im 9. Jahrhundert n.Chr. entstand das Großmährische Reich, das die Slowakei, Teile Polens und Ungarns sowie Böhmen beinhaltete. Fürst Borivoj führte das Christentum ein und erbaute die Prager Burg.

Doch bereits Ende des 9. Jahrhunderts setzten die ungarischen Magyaren dem Großmährischen Reich ein Ende. Die westlich der Donau lebenden Slawen verbünden sich darauf mit den Franken und wurden im 10. Jahrhundert als Böhmen Teil des "Heiligen Römischen Reichs". Im folgenden Jahrhundert wurde Mähren mit Böhmen vereinigt. 1212 wurde Otakar (Ottokar) I. König von Böhmen und Mähren sowie Schlesiens und der Lausitz. Eine Zeit wirtschaftlicher Blüte begann. Schon seit Mitte des 11. Jahrhunderts lebten Deutsche in Böhmen, im Laufe des 13. Jahrhunderts folgten deutsche Bergleute, Bauern und Bürger, die Städte gründeten oder sich in bestehenden Städten insbesondere am Innenrand der Böhmen umgebenden Mittelgebirge ansiedelten. Silber- und Goldminen machten das Land wohlhabend und der Reichtum der Könige erlaubte zahlreiche Landzukäufe - Steiermark, Egerland, Kärnten und Krain. Ende des 13. Jahrhunderts bemühte sich Ottokar II., die Krone des Heiligen Römischen Reichs zu erkämpfen, unterlag aber im Jahr 1278 Rudolf von Habsburg, und die erworbenen Gebiete im Alpengebiet und der Donau gingen wieder verloren. Der Premyslide Wenzel II. wurde König von Polen und Ungarn, doch mit seinem Sohn starb das böhmische Herrschergeschlecht aus.

Die Zeit der Luxemburger Dynastie begann 1311 mit dem Gewinn der böhmischen Wenzelskrone. Der größte Teil Nieder- und Oberschlesiens kam Mitte der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts unter böhmische Hoheit und Karl IV. machte Böhmen, Mähren und Schlesien zum Kernland des Reiches. Das Bistum Prag wurde 1344 Erzbistum, 1348 gründete sich die Prager Universität; zudem wurde dem König von Böhmen die Vorrangstellung unter den weltlichen Kurfürsten in der Goldenen Bulle - dem Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches - zugesichert.

Um die Wende zum 15. Jahrhundert begann der Niedergang der böhmischen Macht und das Ende einer Zeit, die als "Goldene Epoche" in die Geschichte eingegangen ist. Nachdem nach Aufständen von Anhängern des Reformators Jan Hus katholische Ratsherren aus dem Prager Rathaus zu Tode gestürzt worden waren (Erster Prager Fenstersturz), rief Papst Martin V. zum Kreuzzug gegen die Tschechen auf. In den einsetzenden Hussitenkriegen (benannt nach dem Reformator Hus) begann Anfang des 15. Jahrhunderts das tschechische Nationalbewusstsein zu erstarken. Eine Folge davon war, dass die bis dahin sozial privilegierten Deutschen aus dem Großteil Innerböhmens verdrängt wurden. 1458 wurde der Hussitenführer Georg von Podiebrad neuer böhmischer König. Nach dessen Tod regierten polnische Jagiellonen (litauische Großfürsten) Böhmen, Polen und Ungarn. Die politische Orientierung des Reichs wandte sich vom Westen ab und dem slawischen Osten zu.

Habsburgische Vorherrschaft

Als 1526 ein osmanisches Heer in der Schlacht von Mohács Ungarn und Böhmen besiegte, fielen die Länder des in der Schlacht gefallenen ungarischen Königs Ludwigs II. an Ferdinand I. und für Böhmen begann die fast vierhundert Jahre dauernde Herrschaft der Habsburger. Der spätere römisch-deutsche Kaiser Ferdinand I. erhielt die böhmische Krone und begann von Wien aus die tschechischen Länder zu rekatholisieren. Dies rief im 16. Jahrhundert den Widerstand der evangelisch orientierten Mehrheit von Volk und Adel hervor, die größere Freiheiten in der Tradition hussitischer, calvinistischer und lutherischer Überzeugungen forderten. Im Majestätsbrief musste Rudolf II. den Ständen 1609 freie Religionsausübung zugestehen. Trotzdem kam es 1618 zum Aufstand des böhmischen Adels gegen die katholische Landesherrschaft der Habsburger (Zweiter Prager Fenstersturz). Die 1539 gegründete Gesellschaft Jesu (Jesuiten), deren Ziel die Festigung und Verteidigung des katholischen Glaubens war, wurden aus Böhmen ausgewiesen und der Protestant Friedrich von der Pfalz durch den böhmischen Reichstag zum König ernannt. Aus diesem Konflikt entwickelte sich der Dreißigjährige Krieg. Bereits 1620 wurde der Aufstand mit dem so genannten Prager Blutgericht niedergeschlagen und die katholische Gegenreformation setzte sich in den folgenden Kämpfen durch. Der tschechische Adel wurde germanisiert und der Jesuitenorden gewann große Macht.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts deutete sich eine Änderung der restriktiven katholischen Machtausübung in Böhmen an. Die Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, Maria Theresia, stimmte Reformen in Verwaltung und Schulwesen zu und verwies den Jesuitenorden des Reiches. Unter Joseph II., ihrem Sohn, wurde die Leibeigenschaft abgeschafft sowie Religionsfreiheit eingeführt und Deutsch zur Amtsprache erhoben.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die deutsch-böhmischen Gebiete zum industriellen Kernland der Habsburger Monarchie. Gleichzeitig führte die erneute Privilegierung der Deutschen zum weiteren Erstarken des tschechischen Nationalbewusstseins. So entstand Mitte des 19. Jahrhunderts einerseits ein moderner Industriestandort mit Eisenerz- und Kohleförderung und einer florierenden Textil-, Porzellan- und Glasindustrie, andererseits entwickelte sich eine tschechisch-panslawistische und anti-deutsche Nationalbewegung, die auf politische und gesellschaftliche Gleichbehandlung drängte: Im Revolutionsjahr 1848 standen sich slawisch orientierte Tschechen und auf Anschluss nach Deutschland drängende Deutsche gegenüber. Der tschechische Historiker und Politiker František Palacký (sein Buch "Geschichte von Böhmen" beeinflusste maßgeblich das tschechische Nationalbewusstsein) organisierte - parallel zur Nationalversammlung in der Paulskirche in Frankfurt - einen Slawenkongress. Es folgte eine bürgerlich-demokratische Revolution, die ihr Zentrum in Prag hatte. Österreich verhängte darauf das Kriegsrecht und bombardierte die Stadt, die kapitulieren musste. Der deutsch-tschechische Gegensatz verschärfte sich und konnte auch durch die Ausgleichspolitik von Graf Taafe, der Ende des 19. Jahrhunderts zum zweiten Mal österreichischer Ministerpräsident geworden war, nicht positiv beeinflusst werden. Ein neues Wahlrecht brachte 1880 für die Tschechen die Mehrheit im Landtag. Sie beanspruchten die Alleinherrschaft und forderten eine föderalistische Verfassung. Die immer nachdrücklicher auftretende tschechische Nationalbewegung arbeitete eng mit den Slowaken zusammen und kam mehr und mehr in eine Frontstellung zu Österreich-Ungarn, deren Versuche eines nationalen Ausgleichs scheiterten. Dies führte dazu, dass die Zentralregierung 1913 die Arbeitsunfähigkeit des böhmischen Landtags erklärte, die Autonomie des Landes aufhob und das Land im Ersten Weltkrieg per Ausnahmezustand regierte. Slowakische und tschechische Soldaten bildeten daraufhin die "Tschechoslowakische Legion" und kämpften auf Seiten der Russen und Serben.

Tschechoslowakei

Am 28. Oktober 1918 gingen Böhmen, Mähren und die Slowakei in der Tschechoslowakei auf. Staatspräsident wurde Tomáš Garrigue Masaryk, der im Jahr 1937 starb. Edvard Beneš wurde neuer Staatspräsident und unterzeichnete 1938 unter Druck von Frankreich, England und Italien mit das "Münchner Abkommen", damit trat er die deutsch besiedelten Grenzgebiete an das Deutsche Reich ab. 1939 besetzte Hitler auch die tschechischen Gebiete und machte sie zum "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren"; die Slowakei spaltete sich ab. Die Zeit der deutschen Besetzung während des Zweiten Weltkriegs war - insbesondere ab 1941 - von offenem Terror gegen die tschechische Intelligenz und das Bürgertum gekennzeichnet. Zehntausende von Tschechen (Schätzungen liegen zwischen 100.000 und 300.000 Menschen) kamen dabei um, die überwiegende Mehrheit der in Prag lebenden Juden wurde in Konzentrationslager gebracht und dort getötet.

Am 5. April 1945 proklamierte der Sozialdemokrat Z. Fierlinger das Kaschauer Programm, das die Errichtung eines Wohlfahrtsstaates, Verstaatlichungen und die rasche Aussiedlung der Deutschen und Ungarn - insgesamt etwa 30 % der Bevölkerung - vorsah. Bis Oktober 1946 wurden 3,5 Millionen Deutsche aus dem Land vertrieben. Die Kommunistische Partei Tschechiens unter Klement Gottwalds übernahm 1948 die Macht und mit der Zwangsvereinigung von Sozialdemokraten und Kommunisten und einer Verfassungsänderung begann die Umgestaltung des Landes nach sowjetischem Muster. Etwa zwei Millionen Tschechen flohen ins Ausland, im Land verbliebene Oppositionelle wurden in Konzentrationslagern zur Zwangsarbeit verurteilt.

1949 gründet sich die COMECON als "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" und noch nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 wurden Volksaufstände in der Tschechoslowakei mit Verhaftungen und Massenhinrichtungen beantwortet. 1955 wurde der Warschauer Pakt als Antwort auf die NATO gegründet und 1960 die Volksrepublik in "Tschechoslowakische Sozialistische Republik" umbenannt.

Nach zwanzig Jahren kommunistischer Herrschaft befand sich die Republik 1968 in einem katastrophalen wirtschaftlichen Zustand. Der Slowake Alexander Dubcek versuchte im "Prager Frühling", politische und wirtschaftliche Reformen (wie z.B. die Abschaffung der Zensur) durchzusetzen. Doch die Demokratisierungsversuche wurden bereits nach wenigen Monaten von Truppen des Warschauer Pakts niedergeschlagen und Dubcek abgelöst. Gustáv Husák schloss die Westgrenzen und stellte den prosowjetischen Kurs wieder her.

Politische Öffnung

Erstes Vorzeichen für eine weitere Wende war die Gründung einer Bürgerrechtsbewegung ("Charta 77") unter der Führung des Schriftstellers Václav Havel, die die Einhaltung der Menschenrechte einforderte (und deren Unterzeichner im Gefängnis landeten). Erst die Veränderungen der sowjetischen Politik ermöglichten es dem Land 1989, eine politische Öffnung zu vollziehen. Erstes Anzeichen war die Zusage der tschechoslowakischen Regierung zur Ausreise von DDR-Bürgern, die in die bundesdeutsche Botschaft in Prag geflüchtet waren. Wenige Monate später trat Staatspräsident Gustav Husák zurück. Alexander Dubcek wurde Präsident der Föderalversammlung und Václav Havel im Dezember 1989 zum Präsidenten der ČSSR gewählt. In der "Samtenen Revolution" hatte sich das Land von der kommunistischen Herrschaft befreit, die Grenzen nach Westen wurden geöffnet. Anfang 1990 wurde die Tschechische Sozialistische Republik in "Tschechische Republik" umbenannt. Am 23. April 1990 folgte die Umbenennung in "Tschechische und Slowakische Föderative Republik" (ČSFR). 1990 ging Márian Calfa als neuer Regierungschef aus den ersten freien Wahlen hervor. Im Folgejahr verließen die letzten russischen Truppen das Land und der Warschauer Pakt und die COMECON wurden aufgelöst. 1992 ging Václav Klaus aus Parlamentswahlen als Ministerpräsident der Tschechischen Republik hervor, Václav Havel trat zurück.

Am 1. Januar 1993 trennten sich der tschechische und der slowakische Teil des Landes und wurden eigenständige Staaten. Václav Havel wurde Präsident der neu entstandenen Tschechischen Republik. Noch im gleichen Jahr trat diese dem Europarat bei und 1995 erfolgte sowohl das EU-Assoziierungsabkommen als auch der OECD-Beitritt. Wahlen zum Abgeordnetenhaus bestätigten die Regierung Klaus und 1997 unterzeichneten Václav Klaus und Helmut Kohl eine deutsch-tschechische Versöhnungserklärung.

Nach einer Spendenaffäre trat Klaus 1997 als Ministerpräsident zurück. Es folgten wechselnde Koalitionen und Regierungschefs - die Übergangsregierung Tošovský, die Regierung Zeman (CSSD, toleriert von der ODS), die Koalitionsregierung Špidla (CSSD, KDU-CSL, US-DEU), die Regierung Gross (CSSD, ernannt durch Präsident Klaus), die Koalitionsregierung Paroubek (CSSD, KDU-CSL und US-DEU). Bei den Parlamentswahlen im Juni 2006 verhinderte die Stimmengleichheit zwischen dem Mitte-links- und dem Mitte-rechts-Lager ein halbes Jahr lang eine Regierungsbildung. Erst im Januar 2007 konnte Präsident Klaus die Regierung Topolánek (ODS, KDU-CSL und Grüne) vereidigen, die allerdings über keine stabile Mehrheit verfügte. Bereits 2003 hatte Václav Klaus das Amt des Präsidenten als Nachfolger von Václav Havel angetreten, er wurde 2008 für eine zweite und letzte Amtszeit wiedergewählt.

1999 trat die Tschechische Republik der NATO bei und als einer der ersten Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts 2004 der EU. Der Beitritt zum Schengener Abkommen erfolgte 2008. Trotz großer Kritik des Präsidenten Klaus unterzeichnete dieser am 3. November 2009 den Lissabon-Vertrag. Eine erneute Klage gegen das EU-Abkommen blieb für Tschechien erfolglos.

Bei den Parlamentswahlen im Mai 2010 konnte die CSSD mit 22,1 % der Stimmen die Mehrheit erlangen. Sowohl die CSSD, als auch ihre stärkste Konkurrenz, die ODS, mussten erhebliche Verluste hinnehmen. Die neuen Parteien TOP 09 (Tradition, Verantwortung und Prosperität 09) und VV (Partei Öffentliche Angelegenheiten) traten zum ersten Mal bei Parlamentswahlen an und erlangten zugleich 16,7 % bzw. 10,9 % der Stimmen und zogen somit ins Parlament ein. Ministerpräsident wurde Petr Necas. Seit März 2013 ist Miloš Zeman der erste direkt gewählte Staatspräsident. Die aktuelle Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Bohuslav Sobotka bilden seit Januar 2014 die sozialdemokratische ČSSD, ANO 2011 und die KDU-ČSL.