Tunesien Geschichte

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Frühzeit bis Neuzeit:

Ruinen von Karthago

Das Gebiet des heutigen Tunesien wurde schon ca. 5000 bis 1300 v.Chr. von Stämmen aus der Zentralsahara besiedelt. Von diesen Gruppen stammte das Volk der Berber ab. Um 813 v.Chr. wurde auf dem Byrsa-Hügel (heute am Stadtrand von Tunis) die Stadt Karthago gegründet und entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte zur führenden Handelsmacht im westlichen Mittelmeer. Karthago war das Zentrum eines mächtigen Reiches, zu dem der größte Teil Nordafrikas, der Süden der iberischen Halbinsel, Sardinien und Teile Siziliens gehörten. Die Konfrontation mit dem Römischen Reich führte zu den drei Punischen Kriegen (seit 264 v.Chr.), die 146 v.Chr. mit der Zerstörung Karthagos endeten. Die Römer gründeten daraufhin die Provinz Africa. Im 5. Jahrhundert n.Chr. drang der germanische Stamm der Vandalen in die Provinz ein und behielt für rund ein Jahrhundert dort die Macht, bevor Rom wieder zum Zuge kam.

Im 7. Jahrhundert eroberten die Araber das Land und die römisch-christliche Kultur wurde durch die des Islam ersetzt. Diese Herrschaft dauerte bis ins frühe 15. Jahrhundert, als das Land zunächst von Spanien, dann vom Osmanischen Reich (1574) erobert. Unter den vom Pascha eingesetzten Beys (Husseiniten) gelangte das Land zu einer begrenzten Autonomie und zu Reichtum (nicht zuletzt durch Seeräuberei). Die Dynastie der Husseiniten blieb nominell bis 1957 an der Spitze Tunesiens.

19. und frühes 20. Jahrhundert:

In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts marschierten die Franzosen in Tunesien ein, im Mai 1881 unterzeichnete der regierende Bey den Bardo-Vertrag, durch den das Land unter französisches Protektorat gestellt wurde. Mit der französischen Besatzungsmacht und den französischen Siedlern gelangten europäische Lebensart und Ideale nach Tunesien.

Von Anfang des 20. Jahrhunderts an formierten sich in Tunesien zunehmend nationalistische Bewegungen, die eine Unabhängigkeit von Frankreich forderten. 1920 wurde die Destur-Partei gegründet, die für umfangreiche demokratische Reformen eintrat. 1934 gründete der Politiker Habib Bourguiba, der in der tunesischen Unabhängigkeitsbewegung eine bedeutende politische Rolle spielte, die Neo-Destur-Partei, die auch im Ausland Unterstützung fand.

Neuere Entwicklungen:

Habib Bourguiba

Tunesien näherte sich Schritt für Schritt der Unabhängigkeit. 1949 kehrte Bourguiba aus dem Exil zurück, in das er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von den Franzosen verbannt worden war, und nahm verstärkt seine politischen Aktivitäten wieder auf. Am 20. März 1956 wurde der Bardo-Vertrag von 1881 außer Kraft gesetzt und Tunesien erlangte seine Unabhängigkeit. Habib Bourguiba wurde mit überwältigender Mehrheit zum Staats- und Ministerpräsidenten gewählt. Ein Jahr später wurde der Bey abgesetzt und die Republik ausgerufen. Das Verhältnis zu Frankreich verschlechterte sich drastisch, als die Nationalversammlung 1964 beschloss, alle ausländischen Grundbesitzer zu enteignen.

Bourguiba wurde wiederholt im Amt bestätigt bzw. 1975 zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Die im Land vorhandenen sozialen Spannungen und Generalstreiks legten sich erst, als 1981 eine Abkehr vom Einparteiensystem stattfand. Erst 1987 wurde der inzwischen 84-jährige Bourguiba abgesetzt. Sein Nachfolger wurde Zain al-Abidin Ben Ali, der auch im Oktober 1999 erneut mit 99,4 % der Stimmen für eine weitere Amtszeit gewählt wurde. Bei den Parlamentswahlen im gleichen Monat erlangte die Regierungspartei (Demokratische Verfassungspartei) ca. 91 % der Stimmen, während die sechs erlaubten Oppositionsparteien weniger als 9 % erhielten. Auch Ben Ali gelang es wie seinem Vorgänger, den aufkeimenden islamischen Fundamentalismus im Schach zu halten, indem er den arabisch-islamischen Charakter des Landes förderte, dabei aber auch seine Verbindungen zum Westen aufrechterhielt. Allerdings kam es auch zu Behinderungen und Verfolgungen von Anhängern der Opposition. Im Mai 2002 stimmten nach Regierungsangaben über 99 % der Wahlberechtigten einer Verfassungsänderung zu, die es Präsident Ben Ali ermöglicht, sein Amt länger als ursprünglich vorgesehen auszuüben. Bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2009 erlangte Ben Ali 89,6 % der Wählerstimmen. Obwohl ernstzunehmende Gegner im Vorfeld der Wahl augeschaltet wurden ist dies sein bisher schlechtestes Ergebnis.

Ziele der Regierung für den Zeitraum bis 2011 waren die Reduzierung der Arbeitslosigkeit, die Modernisierung der Wirtschaft und der Aufbau einer Wissensgesellschaft.

Im Dezember 2010 begannen aufgrund der Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation sowie der jahrzehntelangen Herrschaft Ben Alis schließlich Proteste der Tunesier, die in den Folgemonaten als sogenannter Arabischer Frühling auf weite Teile Arabiens übergriffen. Am 14. Januar 2011 flüchtete Ben Ali aus Angst vor einem gewaltsamen Umsturz außer Landes, die Regierungsgeschäfte führten seitdem verschiedene Übergangsregierungen. Der Demokratisierungsprozess gestaltet sich allerdings äußerst schwierig und auch die Proteste und Demonstrationen kommen nicht vollständig zur Ruhe. Aufgrund der unsicheren Situation flohen Tausende Tunesier über das Mittelmeer nach Europa. Im Oktober 2011 wurde schließlich eine Verfassunggebende Versammlung gewählt, die eine Übergangsregierung und einen -präsidenten einsetzte. Diese soll eine neue Verfassung ausarbeiten sowie Präsidenschafts- und Parlamentswahlen vorbereiten.