Äthiopien (Geschichte)

Aus Länder-Lexikon.de

Inhaltsverzeichnis

Anfänge

Etwa ab 400 v.Chr. ließen sich aus Südarabien stammende semitische Einwanderer im Horn von Afrika nieder. Im 1. Jh. n.Chr. entstand in dem Gebiet des heutigen Äthiopiens das Königreich Aksum, das regen Handel mit Indien, Arabien und den Mittelmeerländern betrieb. 350 wurde das koptische Christentum zur Staatsreligion bestimmt. Ab dem 7. Jh. musste sich das Reich gegen den Ansturm des Islam wehren, der Nordafrika eroberte und sich rasch nach Süden ausbreitete. Dadurch geriet Aksum in die Isolation, konnte sich aber behaupten.

Im 10. Jh. löste sich das Reich von Aksum auf, etwa ab 1270 übernahm die Dynastie der ebenfalls christlichen Salomoniden (die sich als direkte Nachkommen von König Salomon und der Königin von Saba sahen) die Macht im Kaiserreich von Amhara. Das Amharische wurde zur offiziellen Landessprache ernannt.

Kampf gegen die Kolonialisierung

Ende des 15. Jh.s wurde Äthiopien von den Portugiesen entdeckt, die auf der Suche nach dem legendären Christenreich inmitten der islamischen Welt waren. Mit portugiesischer Unterstützung konnte sich das Land in der Mitte des 16. Jh.s gegen die Eroberungszüge der von der Küste des Roten Meeres kommenden Osmanen (Türken) erwehren. Nach dem Versuch, die Äthiopier zum katholischen Christentum zu bekehren, wurden die jesuitischen Missionare des Landes verwiesen und der Einfluss Portugals nahm rasch wieder ab.

Ab 1700 zerfiel das äthiopische Kaiserreich allmählich in kleinere Fürstentümer, bevor es unter Ras (Prinz) Kasa als Kaiser Tewodros II. (Theodor) wieder zu einem Großreich geeint wurde. Neue Hauptstadt wurde Magdala (das heutige Mekele).

Im 19. Jh. wurde Äthiopien wie andere afrikanische Länder auch begehrtes Ziel der europäischen Kolonialmächte. Die Kaiser mussten sich nicht nur der Europäer erwehren, sondern auch gegen die Expansionsversuche der Mahdi-Krieger aus dem benachbarten Sudan. Gegen diese Bedrohung schloss der äthiopische Kaiser Menilek II. 1889 mit Italien einen Schutzvertrag. Als die italienischen Truppen von der Provinz Eritrea aus allerdings versuchten, das gesamte Land zu besetzen, kam es zum Krieg, der 1896 mit der Niederlage der Italiener bei Adua endete. Äthiopien blieb auch weiterhin unabhängig, allerdings wurde die Provinz Eritrea italienische Kolonie. Auch die gesamten Küstenbereiche des damaligen Reiches gingen bis Anfang des 20. Jh.s an Großbritannien, Frankreich und Italien verloren. Mit Frankreich, das 1897 das Gebiet der heutigen Republik Dschibuti zur französischen Kolonie erklärt hatte, handelte der äthiopische Kaiser Menilek II. (bis 1913) einen offenen Zugang für Äthiopien zum Hafen Dschibuti aus. Ebenso wurde mit dem Bau einer Eisenbahnlinie von Dschibuti-Stadt zur äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba begonnen (Fertigstellung 1917).

Das 20. Jahrhundert

1923 wurde Äthiopien Mitglied des Völkerbundes. Im November 1930 wurde der 38jährige Ras Tafari Mekonnen unter dem Namen Haile Selassie ("Macht der Dreifaltigkeit") der 225. Kaiser Äthiopiens. Unter ihm kam es zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei und zu einer Reihe von Reformen, unter anderem im Recht- und Bildungswesen. Die erste schriftliche Verfassung des Landes wurde erlassen (1931). 1936 okkupierten italienische Truppen das Land, für kurze Zeit gehörte Äthiopien mit Eritrea und Italienisch-Somaliland zur Kolonie "Italienisch-Ostafrika". Während des Zweiten Weltkriegs befreiten britische Truppen das Land von den italienischen Besatzern und der Kaiser kehrte aus dem Londoner Exil zurück. 1948 erhielt das Land seine volle innere und äußere Autonomie von Großbritannien zurück.

1952 wurde Eritrea durch einen UN-Beschluss als autonomer Bundesstaat wieder an Äthiopien angeschlossen, worauf es zu mehreren Aufständen der überwiegend islamischen Bevölkerung kam. Als äthiopische Truppen den autonomen Bundesstaat 1962 besetzten, kam es zum Krieg zwischen den dortigen Widerstandsgruppen (z.B. "Eritrean Liberation Front", ELF) und den Regierungstruppen, der bis in die 90er Jahre anhielt. Neben den Kämpfen in Eritrea wurde Äthiopien zusätzlich durch Dürreperioden, innenpolitische Krisen und Grenzkonflikte mit den Nachbarländern bzw. separatistischen Bewegungen in weiteren Provinzen (Tigre) belastet.

1963 wurde die äthiopische Hauptstadt Sitz der neugegründeten OAU (Organization for African Unity/Organisation für Afrikanische Einheit), der 30 unabhängige afrikanische Staaten angehörten und deren Ziel die Entkolonialisierung Afrikas und die Beseitigung der weißen Herrschaft war. Der äthiopische Kaiser Haile Selassie, der sich bereits im Vorfeld um die Gründung einer solchen Organisation bemüht hatte, konnte als Ehrenvorsitzender der Organisation bei mehreren Konflikten zwischen afrikanischen Staaten erfolgreich vermitteln (z.B. Biafra-Konflikt 1967-70).

Bürgerkrieg

1974 eskalierten die innenpolitischen Unruhen zu einem Militärputsch, der Kaiser wurde nach 44jähriger Regentschaft entmachtet. Eine provisorische Militärregierung unter General Andom bzw. Benti versuchte, Äthiopien nach sozialistischem Vorbild in eine Volksrepublik umzugestalten. Die Verfassung von 1955 wurde außer Kraft gesetzt, die Monarchie abgeschafft (1975), die Kirchen enteignet und oppositionelle Kräfte verfolgt und inhaftiert. Gegen das Militärregime kam es vor allem in der Provinz Eritrea zu heftigem Widerstand seitens der "Eretrian People's Liberation Front" EPLF, die vom Sudan unterstützt wurden. 1977 wurde Mengistu Haile Mariam neuer Vorsitzender des Provisorischen Militärverwaltungsrates (PMAC). Noch im gleichen Jahr kam es zum offenen Krieg mit Somalia um die Provinz Ogaden, den Äthiopien mit Hilfe der UdSSR 1978 für sich entscheiden konnte.

Der Druck der Widerstandsgruppen in Eritrea und in der Provinz Tigre nahm gegen Ende der 70er Jahre immer mehr zu. Zudem kam es in Äthiopien 1983 zu einer der größten Hungerkatastrophen bis zu diesem Zeitpunkt: durch den langen Bürgerkrieg und Missernten aufgrund von Dürre verhungerten innerhalb von zwei Jahren ca. eine Million Menschen. Ende der 80er Jahre spitzte sich die Lage für die Regierung Mengistu zu, als die äthiopische Armee im Norden des Landes schwere Niederlagen gegen die Separatisten hinnehmen musste. Daraufhin kam es zu ersten Friedensverhandlungen zwischen der EPLF und der Regierung in Addis Abeba, die zunächst ohne Erfolg blieben. 1991 marschierten Truppen der EPLF und der TPLF (Volksbefreiungsfront Tigre) in Addis Abeba ein und stürzten das kommunistische Mengistu-Regime. Unter der Regie der 1989 gegründeten "Revolutionäre Demokratische Volksfront des äthiopischen Volkes" (EPRDF), in der die oppositionellen Gruppierungen zusammengefasst waren, bildete sich eine Übergangsregierung unter Meles Zenawi. Der Bürgerkrieg endete nach rund 30 Jahren. Mit internationaler Hilfe wurde nun versucht, das verwüstete Land wieder aufzubauen. Mit dem Nachbarland Sudan kam es zu einem Abkommen über enge wirtschaftliche und außenpolitische Zusammenarbeit (1992).

Unabhängigkeit Eritreas

1993 erklärte Eritrea seine Unabhängigkeit, die vom äthiopischen Regierungschef Meles Zenawi anerkannt wurde. Beide Länder vereinbarten eine enge Zusammenarbeit in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Bereichen. Für Äthiopien war vor allem die Zusage über den Zugang zu den Häfen am Roten Meer von Bedeutung, da das Land durch die Abspaltung Eritreas zum reinen Binnenland geworden war.

1994 erhielt das Land, dessen Großteil der Bevölkerung immer noch unter extremer Armut und Hunger litt, eine neue Verfassung (Demokratische Bundesrepublik Äthiopien). Bei den ersten freien Wahlen 1995 gewann die EPRDF die absolute Mehrheit der Stimmen. Neuer Staatspräsident wurde Negasso Gidada, Meles Zenawi wurde Chef der Regierung (Ministerpräsident). Den Provinzen Äthiopiens wurde weitgehende Autonomie zuerkannt. 2001 wurde Girma Wolde Giorgis zum neuen Präsidenten gewählt.

Seit 1996 kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Anhängern der fundamentalistischen Islamischen Union, die ihren Standort in Somalia nahe der äthiopischen Grenze hatte.

Die Einführung einer eigenen Währung in Eritrea 1997 führte zu Spannungen mit dem Nachbarland (infolgedessen nutzte Äthiopien nur noch die Häfen in Dschibuti). Ein Jahr später brachen Kämpfe um den genauen Grenzverlauf zwischen beiden Ländern aus. Im Juni 1999 kam es nach Vermittlung durch die OAU zu einem Waffenstillstand, der im Februar 2000 erneut von beiden Seiten gebrochen wurde. Ein zweites Abkommen beendete den Krieg im Oktober 2000, unter anderem sollte eine 25 Kilometer breite Sicherheitszone entlang der umstrittenen Grenze und die Stationierung einer UN-Friedenstruppe für eine Einhaltung des Waffenstillstands sorgen. Im April 2002 erkannten die Regierungen von Eritrea und Äthiopien schließlich den vom Ständigen Schiedshof für die Beilegung internationaler Konflikte in Den Haag neu festgelegten Grenzverlauf als "endgültig und bindend" an. Die äthiopische Regierung widerrief 2003 ihre Zustimmung mit der Begründung, die Stadt Badne, die unter anderem ein auslösender Streitpunkt des Krieges war, solle auch weiterhin zu Äthiopien gehören. Seitdem herrscht ein gespannter und unsicherer Frieden zwischen den beiden Ländern. Es kommt weiterhin zu Angriffen und Gefechten.

2007 eskalierten die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und der Nationalen Befreiungsfront Ogadens (ONLF), die für die Unabhängigkeit der südöstlichen Provinz Somali kämpft. Dabei kamen mehrere hundert Regierungssoldaten und Unabhängigkeitskämpfer ums Leben, während die Zivilbevölkerung massiv unter dem Konflikt zu leiden hatte. 2010 gab es ein Friedensabkommen zwischen Rebellen und Regierung.

Bisher gelang es der Regierung nicht, das Land politisch zu stabilisieren. In einem Bericht von 2007 erhob amnesty international schwere Vorwürfe. Der Regierung wurde vorgeworfen, nach den Auseinandersetzungen bei den Wahlen 2005 Oppositionelle inhaftiert und gefoltert zu haben. Die Regierung wies die Vorwürfe zurück. Neben der politischen Opposition gibt es militante "Befreiungs"-Bewegungen, die 2011 vom äthiopischen Parlament als terroristische Organisationen gelistet wurden. Zahlreiche Verhaftungen seit 2011 und, in deren Folge, Gerichtsurteile mit hohen Haftstrafen auf Grundlage des Antiterrorgesetzes, die auch Opppositionspolitiker und Journalisten betreffen, geben vermehrt Anlass zur Sorge.


[Bearbeiten] Artikel teilen

[Bearbeiten] Neue und aktualisierte Artikel

01. 07. - Argentinien
22. 06. - Schweiz
17. 06. - Syrien
14. 06. - Costa Rica
11. 06. - Ghana
28. 05. - Italien
28. 05. - Thailand
18. 05. - Deutschland
14. 05. - Nordkorea
03. 05. - Kuba
28. 04. - Brasilien
28. 04. - Suriname (Geschichte)
25. 04. - Venezuela (Geschichte)
24. 04. - Weißrussland
24. 04. - Vatikan (Geschichte)