Armenien Geschichte

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Bevor das indoeuropäische Volk der Armenier das Gebiet des heutigen Armenien ab dem 7. Jh. v.Chr. besiedelte, existierte dort schon das Urartu-Großreich, das von churritischen Stämmen gegründet worden war. Es kam zu einer Vermischung der Völker, die im folgenden von den Medern, ab 550 v.Chr. vom persischen Achämenidenreich beherrscht wurden.

Auch das armenische Gebiet wurde wie fast das gesamte Perserreich von Alexander dem Großen auf seinem siegreichen Feldzug ab 336 v.Chr. erobert. Nach dessen Tod fiel das Gebiet in den Herrschaftsbereich von Seleukos, einem der so genannten "Diadochen" (Nachfolger) Alexanders des Großen und wurde Teil des Seleukidenreiches, das in seiner größten Ausdehnung die persischen Ostgebiete, das restliche Vorderasien und die gesamte Kaukasusregion einnahm.

Ab 188 v.Chr. entstand unter dem Statthalter Artaxes ein eigenständiges armenisches Reich, das sich ungefähr über das Gebiet des heutigen Armeniens erstreckte. Unter dem Artaxiden Tigranes (95-55 v.Chr.) wurde das Reich kurze Zeit ausgedehnt vom Mittelmeer im Südwesten bis zum Kaspischen Meer im Osten, Tigranes musste sich aber den Römern geschlagen geben. Bis ins 3. Jh. n.Chr. blieb das armenische Gebiet Streitobjekt zwischen Römern und Persern, bevor sich ab 238 n.Chr. die Sassaniden (Perser) weitgehend durchsetzen konnten.

Nach einer kurzzeitigen Vertreibung der Sassaniden wurde unter dem armenischen Führer Tiridates III. um 301 n.Chr. das Christentum in Armenien zur Staatsreligion ernannt und konnte sich trotz der folgenden jahrhundertelangen Fremdherrschaft erhalten. 387 n.Chr. teilten Römer und Sassaniden das armenische Reich untereinander auf.

Ab dem 7. Jh. kam das Gebiet unter die Oberherrschaft der islamischen Araber. Der armenische Fürst Aschot I. (Begründer der Bagratiden-Dynastie) gründete 885 das selbstständige Königreich Armenien, das sowohl vom Kalif von Bagdad als auch vom byzantinischen Kaiser anerkannt wurde. In seiner größten Ausdehnung umfasste das Königreich das heutige Georgien, die Westküste des Kaspischen Meeres und Teile Kleinasiens. In der ersten Hälfte des 11. Jh. wurde das Reich vom wiedererstarkten Byzanz erneut unterworfen, bevor um 1071 die Heere der islamischen Seldschuken die Byzantiner vertrieben. Viele Armenier flohen, in Kilikien im Südwesten kam es zur Gründung eines kleinen armenischen Königreiches, das bis ins 14. Jh. existierte und dessen Führer sich gegenüber den Fremdmächten ein gewisses Maß an Unabhängigkeit bewahren konnten. Den Seldschuken folgten im 13. Jh. die Mongolen, für kurze Zeit gehörte das armenische Gebiet zum großen Mongolenreich Timur-Leng (1370-1405). Ab dem 15. Jh. wurde Armenien zum Streitobjekt zwischen den persischen Safawiden und dem Osmanischen Reich (Türken).

Ende des 18. Jh. beanspruchte auch das russische Zarenreich armenische Gebiete, die es den Persern abnahm. Der westliche und der südliche Teil Armeniens blieben beim Osmanischen Reich. Im Laufe des 19. Jh. intensivierte sich die "Russifizierungspolitik" des Zaren gegenüber dem armenischen Volk, es kam zur Schließung von Kirchen und Schulen und zum Verbot der armenischen Sprache. Im osmanisch besetzten Teil (die Türkei musste nach dem Ende des russisch-türkischen Krieges 1878 Teile von Türkisch-Armenien an Russland abgeben) wurden christliche Armenier verfolgt und ermordet: Allein bei dem Vernichtungsfeldzug im Juni 1915 gegen die in Ostanatolien lebenden Armenier wurden schätzungsweise eine Million Menschen ermordet, darunter die armenische Oberschicht. Große Teile der Bevölkerung wurden in Wüstengebiete ausgesiedelt.

Im Rahmen des Ersten Weltkriegs wurden 1916 fast das gesamte Gebiet des Transkaukasus und Teile Ostanatoliens vorübergehend von russischen Truppen besetzt. 1918 erklärte der russische Teil Armeniens seine Unabhängigkeit, wurde jedoch 1920 erneut von russischen Truppen besetzt und 1922 offiziell der UdSSR ("Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken", Sowjetunion) angegliedert und mit dem heutigen Georgien und Aserbaidschan zur "Transkaukasischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik" zusammengefasst. Der westliche Teil (Türkisch-Armenien) wurde 1923 Teil der neu entstehenden Türkei.

In beiden Teilen des ehemaligen Armeniens wurden Aufstände der christlichen Armenier blutig unterdrückt. Im sowjetischen Teil kam es zu einer rigorosen "Sowjetisierung" der Gesellschaft, dazu gehörten u.a. die Abschaffung von Privateigentum, die Einführung der zentral gesteuerten Planwirtschaft, die Einführung des russischen Schulsystems und die Schließung fast aller Kirchen. Andersdenkende und Oppositionelle wurden verfolgt und Opfer der politischen Säuberungsaktionen des sowjetischen Diktators Josef Stalins. Trotz der sowjetischen Unterdrückung konnte sich die armenische Kirche in der kommunistischen Ära aber behaupten.

1936 wurde Armenien ebenso wie Georgien und Aserbaidschan eine eigenständige Sowjetrepublik. Dabei fiel die überwiegend von Armeniern bewohnte Region Berg-Karabach (armenisch: Arzach) im Osten des Landes an das muslimisch geprägte Aserbaidschan, ebenso die Region Nachitschwan (armenisch: Naxiçvan). In den Jahren der kommunistischen Herrschaft wurden vor allem die Industrie des Landes ausgebaut und zahlreiche Russen in Armenien angesiedelt, während viele Armenier in andere Sowjetrepubliken umgesiedelt wurden. Noch heute leben rund 1,5 Millionen Armenier in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

In den 80er Jahren kam es zu einem Erstarken der armenischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die kommunistische Staatsführung. In der Region Berg-Karabach spitzte sich der Nationalitätenkonflikt zwischen Armeniern und Aserbaidschanern zu. Als die überwiegend von Armeniern bewohnte Region 1988 ihre Unabhängigkeit von Aserbaidschan erklärte, brach der Krieg zwischen den beiden Staaten aus. Im gleichen Jahr forderte ein verheerendes Erdbeben im Kaukasus über 50 000 Menschenleben und führte auf armenischem Boden zu schweren Verwüstungen (rund 10 % der gesamten Industriebetriebe wurden zerstört). Der Konflikt in Berg-Karabach konnte auch durch russische Intervention nicht beigelegt werden. Die verfeindeten Länder Armenien und Aserbaidschan erklärten beide 1991 ihre Loslösung von der UdSSR, als die bevorstehende Auflösung des Ostblocks durch die Politik von "Perestroika" und "Glasnost" erkennbar war. Daraufhin mussten sich die russischen Truppen aus dem umkämpften Gebiet zurückziehen. Der Nationalist Lewon Ter-Petrosjan wurde zum Staatspräsidenten Armeniens gewählt. Im Dezember 1991 schloss sich das Land der "Gemeinschaft Unabhängiger Staaten" (GUS) an, die aus elf ehemaligen Sowjetrepubliken gegründet wurde und die UdSSR für aufgelöst erklärte.

Die armenische Führung unterstützte die armenischen Truppen in Berg-Karabach mit Waffen- und Materiallieferungen, auch wenn sie deren einseitig erklärte Unabhängigkeit offiziell nicht anerkannte. Aserbaidschan verhängte ein Wirtschaftsembargo gegen Armenien, dem sich die Türkei anschloss. Dadurch geriet das Land, das auf Energie- und Nahrungsmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen war, in ernste Versorgungsschwierigkeiten. Der Notstand musste ausgerufen werden. 1993 hatten die armenischen Truppen aus Berg-Karabach rund ein Drittel von Aserbaidschan erobert. 1994 kam es zu einem von Russland und der UN vermittelten Waffenstillstand, doch bis heute ist der völkerrechtliche Status der Region Berg-Karabach nicht geklärt. Auch innerhalb Armeniens existieren zum Konflikt in Berg-Karabach unterschiedliche Meinungen. 1998 musste Staatspräsident Lewon Ter-Petrojsan aufgrund seiner zu nachgiebigen Haltung gegenüber Aserbaidschan zurücktreten. Sein Nachfolger wurde der Nationalist Robert Kocharian, der jegliche Zugeständnisse an Aserbaidschan bezüglich Berg-Karabachs ablehnte. Ende 1998 erklärte sich Kocharian (ebenso wie sein aserbaidschanischer Amtskollege) zwar bereit, offizielle Friedensverhandlungen aufzunehmen, doch eine Lösung des Konflikts ist bis heute nicht in Sicht. Nach wie vor halten bewaffnete Armenier das auf aserbaidschanischem Staatsgebiet liegende Gebiet besetzt, es kommt immer wieder zu Gefechten.

Im Januar 2001 wurde Armenien gleichzeitig mit Aserbaidschan in den Europarat aufgenommen.

Im Februar 2008 kam es nach den Präsidentschaftswahlen, bei denen Premierminister Serge Sarkisjan siegte, zu blutigen Unruhen in der Hauptstadt. Das Verfassungsgericht bezeichnete den Sieg von Sarkisjan Mitte März als legitim. Auch OSZE-Beobachter konnten keinen Wahlbetrug feststellen, kritisierten jedoch einen unfair geführten Wahlkampf und fehlerhafte Wählerlisten. Auch Monate nach der Wahl befanden sich zahlreiche Oppositionspolitiker in politischer Gefangenschaft.