Bhutan Geschichte

Aus Länder-Lexikon.de

(Weitergeleitet von Bhutan (Geschichte))

Vermutlich ab dem 7. Jh. stand das Gebiet des heutigen Bhutan unter tibetischem Einfluss. Von dort wurde auch der Buddhismus ins Land gebracht, der in seiner lamaistischen Ausprägung die bestimmende Religion wurde. Etwa ab dem 8. Jh. wanderte das Volk der Bhotia (auch: Bhutaner) aus Tibet in das Gebiet ein und gründete kleinere Fürstentümer, die sich untereinander bekämpften. Im Laufe der Jahrhunderte gewann offenbar die buddhistische "Rotmützensekte" der Lamas (Priester) an Bedeutung, die ab dem 12. Jh. so genannte Klosterburgen (Dzongs) errichten ließen, von denen heute noch Reste erhalten sind.

Zu einer staatlichen Einigung der Fürstentümer kam es um 1610, als Ngawang Namgyal (1594-1652), ein hoher Geistlicher des Lamaismus aus Tibet, die einzelnen Herrscher unterwarf und zu einem Reich vereinte. Er nahm den Titel eines Shabdung an (geistlicher und weltlicher Führer) und übertrug das tibetische theokratische Regierungssystem auf das neue Reich.

Im 18. Jh. dehnte Bhutan sein Reich in Richtung Süden und Südwesten aus und geriet dadurch in Konflikt mit der europäischen Großmacht Großbritannien, die Mitte des 18. Jh.s die dominierende Kolonialmacht in Indien war. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen (Britisch-Bhutanische Kriege 1772-74 und 1864-65) musste Bhutan zunächst die besetzten indischen Gebiete und später weitere Gebiete im Ganges-Brahmaputra-Tiefland abgeben. Dadurch wurden die bis heute bestehenden Grenzen des Landes geschaffen.

Durch die Trennung von geistlicher und weltlicher Macht war die Macht der Shabdung zugunsten der verschiedenen Fürsten (Penlops) im Land zurückgegangen. 1884 konnte sich einer dieser konkurrierenden Penlops, Ugyen Wangchuk von Tongsa, gegenüber seinen Rivalen durchsetzen und ließ sich 1907 zum König krönen. Die Wangchuk-Dynastie herrscht bis heute in Bhutan.

1910 schloss das Land einen Protektoratsvertrag mit Großbritannien: Gegen jährliche Zahlungen gewährte die europäische Großmacht dem Land militärischen Schutz und führte dessen Außenpolitik. 1949 übernahm Indien diese Schutzfunktion, nachdem sich Großbritannien vom indischen Subkontinent zurückgezogen hatte. 1952 wurde Jigme Dorij Wangchuk neuer König von Bhutan, er begann mit der Reformierung des Staates. Zu den Maßnahmen gehörte unter anderem die Gründung eines Ständeparlaments (Tshogdu) und eines Königlichen Rates (1953), die Abschaffung der Leibeigenschaft (1959) und die Einrichtung eines kostenlosen Schulwesens (1960). 1969 wurde die absolute Monarchie in eine konstitutionelle abgeändert: Unter anderem konnte der König nun vom Ständeparlament abgesetzt werden, sollte er gegen die Interessen des eigenen Volkes handeln. 1971 erlangte Bhutan seine volle Souveränität, verpflichtete sich aber zu einer außenpolitischen Beratung durch Indien. Noch im gleichen Jahr trat das Land der UNO bei.

Den Kurs der Modernisierung und der Öffnung des Landes setzte ab 1972 Jigme Singye Wangchuk als neuer König fort. Anfang der 80er Jahre wurden erste Verhandlungen mit China über den genauen Grenzverlauf zwischen beiden Ländern im Norden Bhutans geführt (Grenzvertrag Mai 1988). 1983 gehörte Bhutan gemeinsam mit Bangladesh, Indien, Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka zu den Gründungsmitgliedern von SAARC (South Asian Association for Regional Cooperation/Gruppe für Südasiatische Regionale Zusammenarbeit). Das Ziel dieser Organisation war die wirtschaftliche, politische und kulturelle Zusammenarbeit der beteiligten Länder.

1989 erließ der bhutanesische König ein Gesetz, dass nach 1958 zugewanderte Nepalesen das Land verlassen müssten. Eine Volkszählung hatte ergeben, dass hinduistische Nepalesen rund 45 % der Gesamtbevölkerung Bhutans bildeten und die Gefahr bestand, dass die buddhistischen Buthanesen eine Minderheit werden könnten. Dieses Gesetz führte zu schweren Unruhen im Land. Bis 1994 flohen Tausende von Nepalesen aus dem Königreich. Um einer Überfremdung von außen vorzubeugen, wird nach wie vor die Anzahl ausländischer Besucher stark eingeschränkt (1974 wurden erstmals Touristenvisas ausgestellt). 1999 führte Bhutan als letztes Land der Welt das Fernsehen ein. Dies war zuvor verboten gewesen, um damit die eigene Kultur vor fremden Einflüssen zu schützen. 2006 dankte König Wangchuk zugunsten seines Sohnes Jigme Khesar Namgyal Wangchuk ab.

Seit einer Verfassungsreform 1998 konnte die Nationalversammlung die Minister wählen und über deren Befugnisse bestimmen. Außerdem hatte sie die Möglichkeit eines Misstrauensvotums gegen das Staatsoberhaupt. Des Weiteren hatte das Kabinett Exekutivvollmachten erhalten, wobei der Ministerrat den Regierungschef stellte (jährliche Rotation).

Ab 2001 wurde gemäß Auftrag des Königs eine neue Verfassung erarbeitet, die 2008 in Kraft trat. Sie enthält einen Katalog der Grundrechte und eine demokratische konstitutionelle Monarchie. Im Dezember 2007 und Januar 2008 fanden die Wahlen zum ersten Nationalrat statt. Die erste Nationalversammlung wurde im März 2008 gewählt. Die royalistische Partei Druk Phuensum Tshogpa (DPT) trug den Sieg bei diesen ersten Parlamentswahlen in der Geschichte Bhutans davon. Die Begeisterung für die vom König verordnete Demokratie hält sich unter den Bürgern des Himalaja-Staats in Grenzen: Zu groß ist die Verehrung für die seit 1907 regierende Königsfamilie. Politische Beobachter sind sich sogar einig, dass eine Volksabstimmung die Einführung des demokratischen Systems abgelehnt hätte.

Das "Gross National Happiness" (Bruttosozialglück) spielt eine wichtige Rolle in der Politik Bhutans. Es besteht aus vier Grundsätzen: Förderung gerechter und nachhaltiger sozio-ökonomischer Entwicklung, Bewahrung und Förderung gerechter und nachhaltiger Werte, Bewahrung der natürlichen Umwelt sowie Durchsetzung von guter Regierungsführung. Die Entwicklungsziele gibt der Staat in Fünfjahresplänen vor.