Bolivien Geschichte

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    Frühgeschichte bis Neuzeit

    Das südliche Titicacabecken, das stadtähnliche Zentren aufwies, bildete zu Beginn der christlichen Zeitrechnung den geschichtlich-kulturellen Mittelpunkt Boliviens und beherrschte große Teile des bolivianischen Hochlandes und der Pazifikküste. Im Laufe der Jahrhunderte zerfiel das Reich in Stammesgruppen und Föderationen, bis in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Aymará-Zivilisation von den Inkas besiegt wurde und Teile des heutigen Bolivien zum Inkareich kamen.

    Mit der Ankunft der Conquistadores im 17. Jahrhundert endete die kurze Herrschaft der Inkas und die Kolonialzeit Boliviens begann. Die Spanier regierten die Region vom peruanischen Lima aus, und ab 1776 war Bolivien Teil des Vizekönigreichs Buenos Aires. Im Zentrum der Interessen der spanischen Besatzer standen die reichen Silbervorkommen von Potosí. Diese waren bereits 1545 am Cerro Rico (Silberberg) auf dem Gebiet Boliviens entdeckt worden und brachten den Spaniern immense Einnahmen.

    19. Jahrhundert

    Der Anfang vom Ende des spanischen Kolonialreiches begann im Jahr 1809, als Simón Bolívar in La Paz zu revolutionären Aufständen aufrief, die aber vorerst zurückgeschlagen wurden. 1824 wurden die Spanier jedoch endgültig besiegt. Im folgenden Jahr rief der General A. J. de Sucre die Unabhängigkeit des Landes Bolivien (nach dem Freiheitskämpfer Bolívar benannt) aus. Erster Präsident wurde Bolívar selbst, der aber bereits nach wenigen Monaten von seinem General Sucre abgelöst wurde. Dessen Nachfolger A. de Santa Crus eroberte 1836 Peru und rief die bolivianisch-peruanische Union aus. Doch bereits 1839 erzwangen die Nachbarstaaten Argentinien und Chile die Auflösung der Union und 1883 kam die Region Atacama nach der Niederlage im so genannten Salpeterkrieg an Chile. Bolivien verlor dadurch seinen einzigen Zugang zum Meer. Dennoch waren die folgenden Jahrzehnte politisch von größerer Stabilität gekennzeichnet. Liberal-konservative Regierungen ließen insbesondere mithilfe der Bergbau-Industrie einen bescheidenen Wohlstand entstehen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass 1903 in einem weiteren Territorialkonflikt das Acre-Gebiet (Kautschukabbau) an Brasilien verloren ging.

    20. Jahrhundert

    Die Phase der wirtschaftlichen Prosperität endete in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Chaco-Krieg gegen Paraguay, der den Verlust des größten Teils des Gran Chaco an Paraguay verursachte. Ab Mitte der 40er Jahre nahmen innenpolitische Konflikte zu, die Forderungen der entstandenen Arbeiterbewegung wurden mit größerem Nachdruck geäußert. Die bolivianische Wirtschaft ging durch eine schwere Krise und als 1951 Víctor Paz Estenssoro von der Nationalrevolutionären Bewegung (MNR) zum Präsidenten gewählt wurde, putschte das Militär. Doch bereits im folgenden Jahr wurde im Rahmen einer nationalen Revolution der gewählte Präsident wieder eingesetzt. Land- und Bildungsreformen verbesserten insbesondere die Lage der Indios. Das allgemeine Wahlrecht wurde eingeführt und die einträglichen Zinn-Minen verstaatlicht.

    Die allgemeine sozial-wirtschaftliche Lage jedoch verbesserte sich nicht, 1964 putschte das Militär erneut. Unter General René Barrientos Ortuno wurde die Guerilla-Organisation von "Che" Guevara zerschlagen und Guevara ermordet. Bis 1980 blieben militärische Gruppierungen an der Macht, die sich in zahlreichen Putschen ablösten.

    1980 wurde nach 16 Jahren Militärherrschaft erneut eine zivile Übergangsregierung gewählt und der Kandidat der gemäßigten Linken Zuazo ging als Präsident aus der Abstimmung hervor. Er konnte aber erst im Jahr 1982 sein Amt antreten. Das zersplitterte und in Drogengeschäfte verwickelte Militär gab endgültig die Macht ab. Im Jahr 1985 folgte Paz Estenssoro (MNR) im Amt des Präsidenten, der durch ein Reformprogramm zwar die Inflation in den Griff bekam, aber mit seinen weiteren Maßnahmen wie etwa Lohnstop und Privatisierung von Staatsunternehmen keine Wende zum Besseren erreichte. Der Zusammenbruch des Zinnmarktes 1986, der Tausende von Bergarbeitern arbeitlos machte, brachte die bolivianische Wirtschaft erneut in eine schwere Krise.

    Damit war jedoch die wirtschaftliche Talsohle erreicht und eine langsame Besserung setzte ein. Weiterhin waren jedoch instabile Koalitionen, ein einflussreiches und putschbereites Militär und Vetternwirtschaft in Verbindung mit Drogengeschäften die größten Hindernisse einer politischen und wirtschaftlichen Genesung des Landes. Nachdem in den Wahlen 1989 und 1993 keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erringen konnte, wurde 1989 Paz Zamora von der MIR vom Parlament zum neuen Staatspräsidenten ernannt, 1993 kam Gonzalo Sánchez de Lozada an die Macht. Im gleichen Jahr erhielt Bolivien Nutzungsrechte am peruanischen Hafen Ilo, der dem Land erstmals seit mehr als hundert Jahren wieder einen eigenen Zugang zum Meer verschaffte. Die rechtsgerichtete Partei MNR unterlag bei den Wahlen 1997, doch auch die neu gebildete Koalitionsregierung unter Präsident Banzer von der ADN blieb beim eingeschlagenen Sparkurs in der Wirtschaftspolitik. Zu innenpolitischen Auseinandersetzungen kam es 1997, als sich der ehemalige Diktator Banzer mit Vorwürfen konfrontiert sah, die auf seine Herrschaft in den 70er Jahren abhoben. Anfang des Jahres 2000 wurde in Bolivien zum wiederholten Male der Ausnahmezustand ausgerufen, da landesweite Unruhen gegen soziale Missstände zu eskalieren drohten. Gleichzeitig protestierten Koka-Bauern gegen die Antidrogenbemühungen des Landes, die ihnen die Lebensgrundlage zu entziehen drohen.

    Aus gesundheitlichen Gründen trat Präsident Hugo Banzer im August 2001 zurück. Übergangsweise übernahm Vizepräsident Jorge Quiroga das höchste Staatsamt. Der konservativ-liberale ehemalige Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada wurde im August 2002 erneut zum Staatspräsidenten gewählt. Nach wochenlangen blutigen Protesten gegen Sánchez de Lozada trat er im Oktober 2004 zurück und floh in die USA. Auslöser für die Unruhen waren geplante Erdgasexporte zu Schleuderpreisen in die USA. Der vormalige Vizepräsident Carlos Mesa wurde noch im selben Monat zum neuen Präsidenten ernannt.

    Eine vollkommen neue politische Richtung wurde Ende 2005 mit der Wahl des radikalen Indioführers Evo Morales eingeschlagen, der u.a. für die Legalisierung des Koka-Anbaus eintritt, um so der armen indianischen Minderheit den Aufbau einer wirtschaftlichen Grundlage zu ermöglichen. Seine Kokapolitik steht unter dem Motto "Koka-Anbau ja – Kokainproduktion nein".

    Ab 2006 befand sich das Land erneut in einer ernsten Krise. Die einberufene Verfassunggebende Versammlung musste ihre Arbeit wegen eines Konflikts zwischen den regierenden Sozialisten und der konservativen Opposition zunächst ergebnislos vertagen. Im November 2007 nahm sie mithilfe eines geänderten Abstimmungsreglements (ohne Teilnahme der oppositionellen Verfassungsdelegierten) ihre Arbeit wieder auf und überreichte den Entwurf, der einen Einheits-Sozialstaat vorsah, an Präsident Morales. Daraufhin kam es in mehreren Provinzen zu gewaltsamen Protesten. In der wohlhabenden Flachlandregion Santa Cruz wurde anschließend ein von Morales als illegal betrachtetes Autonomiestatut ausgearbeitet, das im Mai 2008 in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit angenommen wurde. Die reicheren Regionen (Departamentos) Beni, Pando und Tarijo erklärten in Referenden ihre Zustimmung zu dem Autonomiestatut.

    In dieser schwierigen Lage beschloss Präsident Morales, sich selbst und die Präfekten der neun Provinzen einer Volksabstimmung zu unterziehen. Im August 2008 sprach sich die Bevölkerung mit einer Mehrheit von 60 % für den Verbleib von Morales aus, bestätigte allerdings auch die meisten seiner Gegner im Amt. Indessen setzte Morales in der Wirtschaftspolitik auf die Verstaatlichung der Schlüsselsektoren wie Erdöl- und Erdgasbranche, Telekommunikation und Eisenbahnen. 2008 gründete Bolivien zusammen mit den anderen elf unabhängigen Staaten Südamerikas die Union Südamerikanischer Nationen (Unasur) nach Vorbild der Europäischen Union.

    Im Dezember 2009 wurde Präsident Morales für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Sein neben der Armutsbekämpfung wichtigstes Politikziel ist die vollständige Teilhabe der indigenen Bevölkerungsmehrheit am politischen und wirtschaftlichen Leben. Sie soll durch die neue Verfassung von 2009, die allerdings in wesentlichen Teilen noch umgesetzt werden muss, entscheidend vorangetrieben werden.