Indian Summer

Aus Länder-Lexikon.de

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Gelbrot gefärbte Wälder, sommerliche Temperaturen und wärmenden Sonnenschein: Das alles verspricht der Indian Summer. Das beeindruckende Naturschauspiel lässt sich im Frühherbst vor allem in den Neuengland-Staaten der USA erleben. Woher der Begriff stammt, was hinter dem bunten Treiben der Blätter steckt, wohin sich eine Reise lohnt und was der Indian Summer mit unserem Altweibersommer gemeinsam hat, erfahren Sie hier.

Woher stammt der Begriff?

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Über den Ursprung der Bezeichnung Indian Summer ranken sich die verschiedensten Theorien. Und nicht alle sind mit den Indianern Neuenglands verbunden ...

Woher die Bezeichnung Indian Summer tatsächlich kommt, ist bis heute nach wie vor ungeklärt. Eine Erklärung stützt sich auf die Tatsache, dass die Indianer in den Staaten New Englands die Monate September bis November als Hauptjagdsaison nutzten, weil das milde Wetter die Tiere noch einmal aus ihren Unterschlüpfen herauslockte.

Eine andere Interpretation hat ihren Ursprung in der indianischen Mythologie. Eine Legende besagt nämlich, dass das Blut erlegter Bären ins Erdreich fließt, von den Bäumen aufgenommen wird und die Blätter rot färbt. Eine dritte Theorie hingegen vermutet, die Indianer hätten ihre Angriffe auf europäische Kolonien bis in den Spätherbst fortgesetzt, woraus die Siedler dann eben der Begriff Indian Summer abgeleitet hätten.

Andere Historiker nehmen an, dass die weißen Einwanderer ihre indianischen Nachbarn für ziemlich dumm hielten und den Indian Summer abfällig als Synonym für fools summer (deutsch etwa: „Idiotensommer“) verwendeten, da sie diese Wetterperiode einerseits als minderwertig gegenüber dem „richtigen Sommer“ ansahen, andererseits aber Verlass auf die warmen Tage war, die somit als narrensicher galten.

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Schließlich kursiert auch noch die Theorie, dass der Name wirklich etwas mit Indien zu tun hat, wenn auch nur indirekt. Der englische Schriftsteller H. E. Ware will herausgefunden haben, dass viele Schiffe, die Nordamerika in Richtung Indischer Ozean verließen, während der Zeit des Indian Summer beladen wurden. Einige Schiffe hatten die Initialen I.S. auf ihrem Rumpf, deren Bedeutung allerdings nicht mehr geklärt werden kann.

Angesichts der Tatsache, dass der Begriff bereits über 300 Jahre alt ist, werden die Forscher den tatsächlichen Ursprung kaum noch feststellen können. Den meisten von uns wird es egal sein, solange man die warmen Sonnenstrahlen und das farbenprächtige Naturschauspiel genießen kann, bevor dann spätestens Ende November die kalten Wintertage endgültig Einzug halten.

Das Verfärben der Blätter

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Was genau hinter der kräftigen Rotfärbung der Ahorn-Blätter steckt, ist noch nicht bekannt. Beeindruckend ist der bunte Blätterwald allemal.

Genau genommen steht der Indian Summer nicht für das Verfärben der Blätter, sondern ausschließlich für eine Warmwetterperiode im Spätsommer oder Frühherbst mit blauem Himmel und Temperaturen von meist etwas über 20 °C. Einige gehen sogar so weit zu behaupten, von einem echten Indian Summer könne nur dann die Rede sein, wenn es vorher auch schon mehrere Tage mit Frost gegeben habe.

Dennoch gehören die gelbroten Blätter zu einem richtigen Indian Summer natürlich dazu, das hat nicht zuletzt vor rund zwei Jahrzehnten auch die Tourismusbranche erkannt und lockt nun auch Besucher aus Übersee nach Neuengland. Doch was steckt eigentlich hinter dem einzigartigen Naturschauspiel, das in dieser Vielfalt und Leuchtkraft in europäischen Wäldern nicht zu finden ist?

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Zunächst einmal läuft alles genauso ab wie auf dem alten Kontinent auch. Die Laubbäume bauen in den Blattzellen das grüne Chlorophyll ab und speichern so wertvolle Nährstoffe wie Stickstoff oder Phosphat. Zum Vorschein gelangen nun die bis dahin vom Grün überdeckten gelblich-roten Carotinoide. Jetzt kommt ein weiterer Effekt ins Spiel: Das kräftige Rot wird unter Energieaufwand mittels Neusynthese von Anthocyanen erreicht, es werden auch zusätzlich Carotinoide hergestellt. Möglicherweise dient die kräftige Färbung der Abschreckung von Insekten, die ihre Eier auf diesen Pflanzen ablegen wollen, oder auch als Schutzreaktion der noch aktiven Chloroplasten vor zu viel Strahlung.

Warum die nordamerikanischen Arten - allen voran der Zucker-Ahorn, dessen Blätter sich leuchtend scharlachrot färben - tendenziell eine deutlich stärkere Rotfärbung hervorbringen als ihre europäischen Verwandten, konnten die Forscher bislang allerdings noch nicht herausfinden.

Reisemöglichkeiten

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Wer an den Indian Summer denkt, der hat vermutlich zumeist die Staaten an der Küste Neuenglands im Kopf. Dabei beginnt die so genannte Foliage, verbunden mit einigen warmen Tagen, viel weiter westlich, nämlich in Alaska und Kanada. Anschließend schreitet das Naturphänomen Richtung Südosten voran und erreicht seinen Höhepunkt im Oktober in den US-Bundesstaaten Maine, New Hampshire, Vermont, Massachusetts, Rhode Island und Connecticut.

Die Verfärbung der Blätter ist dabei jedoch von Region zu Region unterschiedlich. Die meisten Leute behaupten, dass man den schönsten Indian Summer in Vermont erleben kann, weil sich die Wälder dort angeblich am intensivsten und vielfältigsten färben. Wer im Oktober also die Green Mountains in Vermont besucht, kann im Grunde nichts falsch machen, es sei denn, er sucht die vollkommene Abgeschiedenheit. Denn in diesen Tagen werden selbst sonst eher einsame und bevölkerungsarme Gebiete zu Touristenhochburgen.

Auch die anderen Staaten Neuenglands laden zu ausgedehnten Wander- oder Kanutouren ein. In Maine lohnt sich ein Besuch des Camden Hills State Park oder auch des Baxter State Park. Ebenso imposant ist das Farbenschauspiel in den White Mountains in New Hampshire, wobei das Wetter dort deutlich rauer ist als in den Green Mountains im Nachbarstaat Vermont. Auch die Gegend um die Kleinstadt Kingston in Rhode Island soll einen schönen Indian Summer garantieren. In Connecticut schließlich ist im Oktober die dreistündige Fahrt mit der Dampfeisenbahn Valley Railroad von Essex nach Chester zu empfehlen, zurück geht es dann mit dem Dampfschiff über den Connecticut River.

Unser Altweibersommer

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Wer keine Möglichkeit hat, demnächst nach Nordamerika zu fliegen, der kann sich auch zu Hause am Altweibersommer erfreuen. Warme Tage, Sonnenschein und gelb gefärbte Laubbäume kann man natürlich auch in Europa erleben. In Deutschland tritt in der zweiten Septemberhälfte nahezu alljährlich der so genannte Altweibersommer in Erscheinung. Ursache ist ein Festlandshoch über Osteuropa, das trocken-kontinentale Luft nach Mitteleuropa einströmen lässt. Typisch sind auch die morgendlichen Nebelfelder in den Flussniederungen, die sich vormittags durch die noch ausreichend starke Sonneneinstrahlung auflösen. Diese Wetterlage kann mit etwas Glück bis in den Oktober hinein andauern.

Mit betagten Damen hat der Begriff „Altweibersommer“ freilich nichts zu tun, der Name leitet sich vielmehr von den Spinnfäden ab, die im Frühherbst durch die Lüfte fliegen. Millionen von Jung- und erwachsenen Kleinspinnen wie die Baldachinspinnen produzieren die durch die Luft schwebenden Fäden. Die Spinnen erklettern einen herausragenden Punkt und lassen dann in einer besonderen Stellung die Fäden aus ihrem Hinterleib austreten, um sich damit durch die Luft tragen zu lassen.

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Aber auch das Christentum hatte dieses Naturphänomen für sich vereinnahmt und sah darin ein Zeichen Gottes und der heiligen Maria. In Süddeutschland bezeichneten die Menschen die Spinnfäden deshalb auch als Marienseide oder Mariengarn. Eine entsprechende Legende besagt, dass die Silberfäden des Altweibersommers aus dem Mantel Marias stammen, den sie bei ihrer Himmelfahrt trug.