Lettland Geschichte

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Mittelalter bis 19. Jahrhundert

Um 1200 n.Chr. war das Gebiet der heutigen Republik Lettland von baltischen Volksstämmen besiedelt, zu ihnen gehörten unter anderem die Lettgallen, Selonen, Semgallen, Kuren und Liven. Ab dem Beginn des 13. Jahrhunderts wurde das Gebiet vom "Teutonischen Orden" (Deutscher Orden) erobert. Landwirtschaft und Handel wurden von deutschen Gutsbesitzern und Kaufleuten dominiert.

Um 1201 wurde an der Mündung des Flusses Düna in die Ostsee die Stadt Riga gegründet. Riga trat 1282 der deutschen Hanse, einem Zusammenschluss norddeutscher Handelsstädte bei. Durch die weltweiten Handelsbeziehungen gelangte die Stadt zu großem Wohlstand.

Mitte des 16. Jahrhunderts, nach dem endgültigen Untergang des Deutschen Ordens, wurden die Gebiete des heutigen Lettland aufgeteilt: Der Teil nördlich der Düna (Livland) fiel zunächst an Litauen-Polen, 1629 an Schweden, 1721 (nach dem Zweiten Nordischen Krieg) an Russland. Der südliche Teil des Landes stand bis Ende des 18. Jahrhunderts als Herzogtum Kurland unter polnischer Oberhoheit, 1795 fielen auch diese Gebiete an Russland. Riga wurde zu einer bedeutenden Handelsmetropole des russischen Zarenreiches.

Gegen die Unterdrückung der lettischen Kultur und Sprache durch die Zaren regten sich schon früh erste nationale Bewegungen (1868 Gründung des "Lettischen Vereins"). Nach der ersten russischen Revolution 1905 wurde auch in Riga von Angehörigen der lettischen Unabhängigkeitsbewegung gegen das Zarenhaus protestiert. Lettland bekam von Moskau ein eigenes Parlament zugestanden.

20. Jahrhundert

Nach Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Lettland 1915 von deutschen Truppen besetzt. Im November 1918 wurde vom Lettischen Volksrat die unabhängige Republik Lettland ausgerufen. Daraufhin entbrannten Kämpfe zwischen russischen Truppen auf der einen und deutschen, baltisch-deutschen und lettischen Truppen auf der anderen Seite. Zwei Jahre später wurde die Republik Lettland von Russland anerkannt (Friedensvertrag von Riga).

1922 übernahmen die Sozialdemokraten die Führung der Regierung von Lettland. Eine Verfassung wurde angenommen, die ökonomische Vormachtsstellung der Deutsch-Balten durch Enteignungen und eine Bodenreform beendet. Zwischen 1918 und 1934 führten innere Spannungen und die Zersplitterung der Parteien im Parlament (über 100 Parteien) zu insgesamt 18 Regierungswechseln. Hinzu kam die 1929 ausbrechende Weltwirtschaftskrise, die die Konflikte verschärfte.

1934 kam es zu einem Staatsstreich unter dem Ministerpräsidenten Karlis Ulmanis, dem Führer des Bauernbundes: Er hob die Verfassung auf und errichtete eine autoritäre Diktatur, die auf den Bauernbund und das Militär gestützt war. Der Versuch Lettlands, im 1939 ausbrechenden Zweiten Weltkrieg neutral zu bleiben, scheiterte: Durch den zwischen der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland geschlossenen Nichtangriffspakt (bzw. dessen geheimes Zusatzprotokoll) wurde Lettland der sowjetischen Interessenssphäre zugeteilt. Im Juni 1940 besetzten russische Truppen Lettland. Als "Lettische Sozialistische Sowjetrepublik" wurde das Land der UdSSR angegliedert. Von Juni 1941 bis zur Rückeroberung durch die Rote Armee waren die lettischen Gebiete von deutschen Truppen besetzt. Unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den Deutschen wurden nach dem Krieg schätzungsweise an die 100 000 Letten nach Sibirien deportiert, während gezielt eine Ansiedlung von Russen begann.

Unabhängigkeit

Erst als in der Sowjetunion in der Mitte der 80er Jahre die Reformpolitik unter Michail Gorbatschow begann, konnte sich die lettische Unabhängigkeitsbewegung erneut formieren. Im Oktober 1988 wurde in Riga die lettische "Volksfront" (Tautas Fronte) gegründet. Im Juni 1990 erklärten die drei baltischen Staaten Lettland, Litauen und Estland ihren Austritt aus der Sowjetunion. Daraufhin entsandte die sowjetische Führung Truppenverbände in die Gebiete, doch nach teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen wurde die staatliche Unabhängigkeit Lettlands von Moskau anerkannt (September 1991). Noch im gleichen Jahr wurden alle drei baltischen Staaten in die UNO aufgenommen.

Nachdem die lettische Verfassung von 1922 wieder in Kraft getreten war, gewann bei den Wahlen 1993 ein Bündnis aus Reformkommunisten und Emigranten ("Lettischer Weg") die Mehrheit. Die bis zu diesem Zeitpunkt dominante Lettische Volksfront scheiterte wie 19 andere Parteien auch an der Vier-Prozent-Klausel. Die erste Regierung stellte eine Koalition zwischen "Lettischem Weg" und Bauernbund dar, dessen Mitglied Guntis Ulmanis zum neuen Staatspräsidenten gewählt wurde. Auch in den 90er Jahren kam es zu häufigen Regierungswechseln. Ziel der meisten Regierungen war eine rasche Umorientierung des Landes hin zu einer freien Marktwirtschaft. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2006 wurde erstmals seit der Unabhängigkeit eine Regierung im Amt bestätigt, die nationalkonservative Koalition musste jedoch im Dezember 2007 wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Die neue Regierung unter Ivars Godmanis wurde wieder von den selben vier Parteien gebildet.

Der Beitritt zum Nordatlantischen Verteidigungsbündnis (NATO) wurde im März 2004 vollzogen, der zur Europäischen Union (EU) im Mai 2004. Voraussetzung für Letzteren war unter anderem eine Überarbeitung der harten Politik gegenüber der russischen Minderheit im Land (ca. 30 % der Bevölkerung); das Staatsangehörigkeitsgesetz wurde 1998 reformiert und entspricht jetzt dem europäischen Standard. Seit Ende 2007 ist Lettland Teil des Schengener Raums. In der Außenpolitik arbeiten die drei Baltischen Staaten eng zusammen ("Baltischer Rat").

Die weltweite Finanzkrise 2007/2008 machte auch vor Lettland nicht Halt. So konnte im November 2008 die Insolvenz der zweitgrößten Bank des Landes, der Parex-Bank, nur durch ihre Verstaatlichung abgewendet werden. Im Jahr 2009 verzeichnete Lettland einen Rückgang des BIP von 18 % und hatte damit EU-weit am stärksten mit den Auswirkungen der globalen Finanzkrise zu kämpfen. Nach Massenprotesten gegen die Regierung erklärte Ministerpräsident Godmanis im Februar 2009 seinen Rücktritt. Valdis Dombrovskis (JL) bildete daraufhin eine Koalitionsregierung der rechten Mitte. IWF und EU gewährten dem Land einen Notkredit zur Überwindung der Wirtschaftskrise. Im Gegenzug führte die Regierung umfangreiche Sparmaßnahmen durch und erhöhte die Steuern.

Die Regierung Dombrovskis verlor im März 2010 die Mehrheit im Parlament. Grund war der Austritt der Volkspartei (TP) aus der Fünf-Parteien-Koalition, aus Protest gegen die strikte Sparpolitik der Regierung. Bei den Parlamentswahlen im Oktober 2010 erlangte die JL 57 % der Stimmen. Valdis Dombrovskis bleibt damit Regierungschef.

Seit dem 1. Januar 2014 ist Lettland Mitglied der Eurozone.