Libanon Geschichte

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    Schätzungsweise im 3. Jahrtausend v.Chr. wurde das Gebiet des heutigen Libanon von den Phöniziern besiedelt, die an der Küste mehrere Stadtstaaten gründeten wie z.B. Byblos (heute Jubayl), Berytos (Beirut), Sidon (Sayda) und Tyros (Sur). Die phönizischen Städte gelangten durch den regen Handel mit Holz, Purpur, Glas und Kunsthandwerk zu großem Wohlstand. Ab etwa 1100 v.Chr. begannen die Phöniker mit der Gründung von Handelsniederlassungen im gesamten Mittelmeerraum (z.B. Karthago, Malaga, Malta) und wurden zum beherrschenden Seefahrervolk dieser Region.

    Der Niedergang wurde durch die Assyrer eingeleitet, die ab dem 7. Jahrhundert v.Chr. das Gebiet eroberten. Ihnen folgten als Fremdherrscher die Babylonier, diesen im 6. Jahrhundert die Perser. Das Perserreich wurde von dem Makedonier Alexander dem Großen zerschlagen, nach dessen Tod 323 v.Chr. wurde das von ihm geschaffene Reich unter seinen Diadochen (Nachfolgern) Ptolemäus und Seleukos geteilt. Der Libanon wurde Teil des hellenistischen Seleukidenreiches. Nachdem die Römer im 1. Jahrhundert v.Chr. den Nahen Osten erobert hatten, gehörte das Gebiet zur römischen Provinz Syria, die durch die wieder aufstrebenden Küstenstädte eine der reichsten Provinzen Roms war.

    Nach der Teilung des Römischen Reiches 395 n.Chr. gehörte das Gebiet des heutigen Libanon zum Oströmischen Reich und wurde von Konstantinopel (Byzanz) aus verwaltet.

    Zwischen 634 und 640 n.Chr. wurde das Byzantinische Reich durch die islamischen Araber erobert. Die Küsten- und Gebirgsregionen des heutigen Libanon wurden zum Rückzugsgebiet für verschiedene schiitisch-islamische Sekten wie z.B. die Drusen, Karmaten, Ismailiten u.a. und für die Maroniten (Christen aus Syrien, die ein eigenständiges Patriarchat gegründet hatten). Ab 1098 begannen die Züge der christlichen Kreuzritterheere aus Mitteleuropa, die das "Heilige Land" (Palästina) aus den Händen der Ungläubigen befreien wollten. Nach der Eroberung Jerusalems 1099 gehörte der Süden des Libanon zum christlichen Königreich Jerusalem, der Norden später zur Grafschaft Tripoli (1109 gegründet). Auch nachdem die Kreuzritter aus Jerusalem wieder vertrieben worden waren, blieb das Fürstentum Tripoli (und Antiochia, Tyros und Tortosa) zunächst christlich. Endgültig wurden das christliche Kreuzfahrerheer im 13. Jahrhundert von den Mamluken, einer ägyptischen Herrscherdynastie, aus der Region zurückgedrängt (1291 Fall von Akkon). Die Mamluken herrschten bis 1516 über das Gebiet des heutigen Libanon, bevor sie von den Osmanen (Türken) verdrängt wurden. Herrscher war nun der türkische Sultan in Istanbul (früher Konstantinopel), der als Kalif sowohl weltliches als auch geistliches Oberhaupt des Osmanischen Reiches war. Im Libanon wurde wie auch in anderen osmanischen Provinzen ein Statthalter eingesetzt, unter dem die vorhandenen verschiedenen Religionsgemeinschaften weitgehend toleriert wurden und agieren konnten. Nach anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Drusen und Maroniten teilten die Osmanen den Libanon in zwei Einheiten: der Norden stand unter maronitischer Führung, der Süden unter drusischer (islamischer).

    Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zwischen den Anhängern der verschiedenen Religionen zu blutigen Kämpfen, daraufhin griffen französische Truppen in das Geschehen ein und zwangen den osmanischen Sultan Abd ül-Aziz, der Region eine beschränkte Autonomie innerhalb des Osmanischen Reiches zuzugestehen. Unter einem christlichen Gouverneur sollten in einem zwölfköpfigen Verwaltungsrat alle Religionen (Drusen, Sunniten, Schiiten, Maroniten, Griechisch-Orthodoxe, Griechisch-Katholische) vertreten sein. Von dieser einheitlichen Verwaltung waren die Küstenstädte Beirut, Tripoli und Saida ausgenommen. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelten sich die Maroniten zur wirtschaftlich und politisch führenden Bevölkerungsgruppe im Libanon.

    Im Verlauf des Ersten Weltkriegs mussten die osmanischen Herrscher, die sich mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet hatten, auf einen Großteil ihrer Gebiete verzichten, u.a. auch auf den Libanon. Gemäß den Plänen von Großbritannien und Frankreich (Sykes-Picot-Abkommen von 1916) sollte der überwiegend von Christen besiedelte Libanon von Syrien abgespalten und von Frankreich verwaltet werden.

    1920 wurde Frankreich das Völkerbundmandat für den Libanon (und Syrien und einen Teil der südlichen Türkei) übertragen, sechs Jahre später wurde das Gebiet des Libanon in seinen heutigen Staatsgrenzen als eigenständige parlamentarische Republik von Syrien getrennt. De facto blieb das Land trotz eigener Verfassung unter der Verwaltung von Frankreich. In der Verfassung war die Berücksichtigung aller vorhandenen Religionsgruppen im Parlament berücksichtigt.

    1936 sicherte Frankreich Libanon die Unabhängigkeit innerhalb von drei Jahren zu, zwei Distrikte (Japal Drus, Jabal Latakia) wurden zum syrischen Staatsgebiet zugehörig erklärt. In Anbetracht des drohenden Weltkriegs in Europa wurde die Unabhängigkeit Libanons jedoch aufgeschoben. Nach der Niederlage Frankreichs besetzten britische Truppen und Einheiten des "Freien Frankreich" (unter Führung des im Exil lebenden Charles de Gaulle) 1941 die Gebiete. Libanon wurde im November 1941 formell für unabhängig erklärt.

    Zwei Jahre später nahm eine libanesische Regierung unter der Führung des maronitischen Staatspräsidenten Bishara al-Khuri ihre Tätigkeit auf. Weiterhin war vorgesehen, dass der Staatspräsident ein Maronit, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Präsident des Parlaments ein Schiit sein sollten.

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verließen die britischen und französischen Truppen das Land. Die französische Führung hatte zunächst versucht, den Truppenabzug vom Erhalt militärischer und wirtschaftlicher Sonderrechte abhängig zu machen, musste aber nach Unruhen in den ehemaligen Mandatsgebieten und durch internationalen Druck darauf verzichten.

    Für ein Jahrzehnt blieb die innenpolitische Lage in Libanon relativ stabil. Doch eine starke Zunahme des arabischen Nationalismus (formell hatte sich Libanon im Mai 1948 am Versuch beteiligt, die Entstehung des neu gegründeten Staates Israel zu verhindern) und eine rapide Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils führten dazu, dass in der zweiten Hälfte der 50er Jahre der Konflikt zwischen Christen und Muslimen offen ausbrach. 1958 intervenierten US-amerikanische Truppen auf Bitte der libanesischen Staatsführung unter dem amtierenden christlichen (maronitischen) Präsidenten Camille Shamoun. Nachdem der drohende Ausbruch eines Bürgerkriegs verhindert werden konnte, übernahm der muslimische General Fuad Shebab das Amt des Staatspräsidenten.

    Ende der 1960er Jahre kam es erneut zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Libanon. Zusätzlich zu den Konflikten zwischen Christen und Muslimen hatte die 1964 im jordanischen Teil Jerusalems gegründete PLO (Palestine Liberation Organization - Palästinensische Befreiungsorganisation) in Libanon an Einfluss gewonnen und führte von libanesischem Staatsgebiet aus ihre Angriffe auf Israel aus. 1972 griffen israelische Truppen Palästinenser-Stützpunkte in Süd-Libanon an. Die libanesischen Streitkräften versuchten vergeblich, gegen die Palästinenser auf ihrem Staatsgebiet vorzugehen. 1976 kam es zu einem offenen Ausbruch des Bürgerkriegs, an dessen Beginn sich christliche Verbände (Forces Libanaises, FL) auf der einen Seite und ein Bündnis der PLO mit militanten Drusen auf der anderen Seite gegenüberstanden. Weitere Gruppierungen wie z.B. die prosyrische Amal-Miliz und die fundamentalistische Hisbollah ("Partei Gottes", gegründet 1982) griffen im Verlauf des Konflikts in die Kämpfe ein. Auch die syrische Armee und eine multinationale Friedenstruppe (1978 bis 1984) beteiligten sich, wobei die syrische Staatsführung im Verlauf des Bürgerkriegs verschiedene Gruppierungen unterstützte. Zweimal wurden libanesische Gebiete von israelischen Einheiten besetzt (1978, 1982) als Vergeltungsmaßnahmen für die Angriffe der Palästinenser, die von libanesischem Gebiet aus operierten. Die israelische Staatsführung machte den Abzug ihrer Truppen vom Abzug der syrischen Truppen aus Libanon abhängig. Der libanesischen Führung gelang es nicht, den Konflikt beizulegen. Staatpräsident Beschir Gemayel, zuvor Führer der christlichen Milizen, wurde kurz nach seinem Amtsantritt 1982 Opfer eines Attentats, auch sein Nachfolger Amin Gemayel war nicht in der Lage, den Krieg zu beenden.

    Erst 1989 einigten sich die libanesischen Bürgerkriegsparteien auf einen Friedensplan, der in Taif in Saudi-Arabien unterzeichnet wurde und der eine Machtbeschneidung des maronitischen Staatspräsidenten zugunsten des muslimischen Ministerpräsidenten vorsah. Syrien sollte mit rund 40 000 Soldaten als "Ordnungsmacht" in Libanon verbleiben. Dem 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg waren annähernd 150 000 Menschen zum Opfer gefallen und er hinterließ ein verwüstetes Land. Nach den Parlamentswahlen 1992 - den ersten seit 20 Jahren - wurde das Kabinett je zur Hälfte aus Muslimen und Christen zusammengesetzt. Regierungschef wurde der sunnitische Rafik al-Hariri, Staatspräsident war seit Oktober 1989 der pro-syrische Elias Hrawi (bis 1998, dann Emile Lahoud).

    Seit 1985 hielten israelische Truppen im Süden Libanons eine rund 15 km breite "Sicherheitszone" besetzt. In den 1990er Jahren kam es wiederholt zu Kämpfen zwischen der Hisbollah-Miliz, der Volksfront zur Befreiung Palästinas und der Südlibanesischen Armee, die mit Israel verbündet war. Währenddessen erlebte die Wirtschaft Libanons mit ausländischer Finanzhilfe und durch Wirtschaftsreformen einen Aufschwung. Im Mai 2000 beschloss Israel unter Führung von Ehud Barak den Rückzug aus dem Sicherheitsstreifen im Südlibanon. Trotz erneuter Anschläge der Hisbollah und Vergeltungsschlägen Israels wurde die israelische Armee aus den Gebieten abgezogen und im August 2000 durch eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen (UNIFIL) ersetzt. Das benachbarte Syrien hatte weiter maßgeblichen Einfluss auf Libanon und war mit Soldaten und Sicherheitskräften im Land vertreten. 2001 forderten Teile der libanesischen Bevölkerung (unter Führung des Drusenführers Waldi Dschumblat und des Maroniten Nasrallah Butros Sfeir) den Abzug der syrischen Truppen. Zur Konfliktvermeidung zog die syrische Führung im Juni 2001 rund 6 000 Soldaten aus der Hauptstadt Beirut ab; im Mai 2005 wurden gemäß der UN-Resolution 1559 die übrigen Truppen abgezogen. Im Oktober 2008 erkannte Syrien die staatliche Unabhängigkeit des Libanon an.

    Im Sommer 2006 kam es zum Krieg mit Israel: Im Juli 2006 entführte die Hisbollah zwei israelische Soldaten, was zu einer Militäroperation Israels mit Luftangriffen auf Hisbollah-Stellungen in Beirut und im Südlibanon führte. In Folge der Angriffe kamen hunderte Menschen, darunter auch zahlreiche Zivilisten, ums Leben und eine Massenflucht setzte ein. Auch auf israelischer Seite waren durch den Hisbollah-Beschuss von Zielen in Nordisrael Todesopfer zu beklagen, weshalb die israelische Armee die Hisbollah durch eine Bodenoffensive zurückzudrängen versuchte. Mitte August 2006 trat der von der UN-Resolution 1701 geforderte Waffenstillstand in Kraft. UN-Truppen sicherten den Waffenstillstand.

    Ab Ende 2006 führte die von der Hisbollah angeführte Opposition eine Protestkampagne gegen die pro-westliche libanesische Regierung durch. Sechs Minister (darunter alle fünf schiitischen) traten zurück. Die Hisbollah-Miliz besetzte im Mai 2008 weite Teile Beiruts und legte so das öffentliche Leben weitgehend lahm. 35 Menschen wurden getötet. Nach einem sechsmonatigen Machtvakuum an der Spitze des Staates wurde schließlich General Michel Suleiman im Juni 2008 zum neuen Präsidenten gewählt. Das Abkommen von Doha, das kurz vorher mit der Hisbollah abgeschlossen worden war, entsprach ihren seit November 2006 erhobenen Forderungen: Die Hisbollah und ihre Alliierten besaßen nun eine Vetomacht in der "Regierung der Nationalen Einheit" und 13 von 30 Sitzen am Kabinettstisch.

    Nach wechselnden Regierungen und dem Rücktritt seines Vorgängers Nadschib Mikati gelang es Ministerpräsident Tammam Salam im Februar 2014, nach langwierigen Verhandlungen eine neue Regierung zu bilden, die von einem breiten Bündnis aller politischen Kräfte des Landes getragen wird. Offene Fragen sind weiterhin die Bewaffnung der Hisbollah, die Rolle Libanons im Nahostkonflikt, die Beziehungen zu Syrien und eine dauerhafte Regelung der konfessionellen Machtteilung.