Libyen Geschichte

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Rund 2000 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung lebten in der Region des heutigen Libyen Angehörige von Berber-Stämmen, diese wurden in ägyptischen Hieroglyphentexten bereits als Libyer bezeichnet. Ab etwa 1200 v.Chr. gründeten Phöniker, die zur führenden Seemacht im westlichen Mittelmeerraum aufstiegen, Handelsniederlassungen entlang der libyschen Küste. Nach den drei größten Siedlungen Leptis, Oea und Sabratha wurde die Gegend von den Griechen Tripolitanien genannt.

Ab dem 7. Jahrhundert gründeten Griechen im Osten des heutigen Libyen mehrere Kolonien, u.a. um 630 v.Chr. die Stadt Cyrene (nach ihr wurde das Gebiet Cyrenaika genannt). Nach der Eroberung der Cyrenaika durch Alexander den Großen und dessen Tod fiel das Gebiet an Ägypten.

In der Mitte des 2. Jahrhunderts v.Chr. fiel Tripolitanien in die Hände der Römer, rund 50 Jahre später wurde auch der fruchtbare Nordosten, die Cyrenaika, der römischen Provinz "Africa" angegliedert. Die lateinische Sprache und das Christentum verbreiteten sich ebenso wie die römische Kultur. Nur die Berberstämme in der Fessan-Wüste konnten sich die Unabhängigkeit bewahren.

Nach der Teilung des Römischen Reiches 395 n.Chr. fiel Tripolitanien an das Weströmische, Cyrenaika an das Oströmische Reich. Nach der Vertreibung der Vandalen, die 450 n.Chr. in Tripolitanien eingefallen waren, gehörte auch dieses Gebiet ab 533 zum Oströmischen (byzantinischen) Reich.

Ab dem 7. Jahrhundert drangen islamische Araber von Ägypten her kommend in das Gebiet des heutigen Libyen ein und eroberten und islamisierten das Land. Auch die noch länger Widerstand leistenden Berberstämme im Süden übernahmen den Islam und die arabische Lebensweise und trugen zur Verbreitung der neuen Religion auf dem afrikanischen Kontinent bei. In den nächsten neun Jahrhunderten herrschten verschiedene arabische Dynastien (wie z.B. Aghlabiden, Fatimiden, Almoraviden, Almohaden) über das Gebiet.

Anfang des 16. Jahrhunderts wurde Tripolis von den Spaniern erobert. Bis auf diese Stadt gelangte das restliche Gebiet des heutigen Libyen ab 1517 unter die Herrschaft des Osmanischen Reiches (ab 1551 auch Tripolis). Türkisch-stämmige Statthalter übernahmen die Verwaltung dieses Teils des großen Osmanischen Reiches, wobei die Gebiete weitgehende Autonomie besaßen.

Mitte des 19. Jahrhunderts übernahm die islamische Sanussi-Bruderschaft in der Cyrenaika die Macht. Diese Bruderschaft wurde zur Keimzelle des Widerstands gegen die europäischen Einflüsse, denen das Land zunehmend ausgesetzt war. Frankreich versuchte im 19. Jahrhundert mehrmals, Tripolis zu erobern. 1911 wurden Tripolitanien und die Cyrenaika durch italienische Truppen besetzt und annektiert. Die Sanussi leisteten den europäischen Kolonialherren erbitterten Widerstand. 1939 wurden Cyrenaika, Fessan und Tripolitanien zur italienischen Provinz Libia zusammengefasst. Nach dem Einmarsch alliierter Truppen 1942 (Italien hatte sich im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland verbündet) kamen die Gebiete des heutigen Libyen unter die Verwaltung der Siegermächte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss die Versammlung der Vereinten Nationen, Libyen in kurzer Zeit als föderatives Königreich in die Unabhängigkeit zu entlassen. Eine Regierung unter Idris as-Sanussi übernahm ab 1951 schrittweise die Verwaltung des Landes. Im gleichen Jahr wurde das Land zum unabhängigen Königreich unter Idris I. erklärt.

Zu diesem Zeitpunkt war Libyen, das zu fast 90 % aus Wüste besteht, eines der ärmsten Länder weltweit und von ausländischer Finanzhilfe und Unterstützung abhängig. 90 % der Bevölkerung waren Analphabeten, so dass die im Land lebenden Italiener bald die politische und wirtschaftliche Elite des Landes bildeten. Das führte zu Unruhen und sozialen Spannungen. 1953 wurde Libyen Mitglied der 1945 gegründeten "Arabischen Liga", die sich um eine Verbesserung der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten bemühte.

Die wirtschaftliche Situation Libyens änderte sich, als Ende der 1950er Jahre erste Erdölvorkommen entdeckt wurden. Anfang der 1960er Jahre begann deren Förderung. Durch die hochwertige Qualität des Erdöls stieg Libyen binnen kurzer Zeit zu einem der bedeutendsten erdölexportierenden Länder weltweit auf und wurde zu einem der reichsten Staaten auf dem afrikanischen Kontinent. Es kam zu einem großen Wohlstandsgefälle im Land, da die Erlöse aus den Erdölverkäufen zunächst nur einigen wenigen zugute kamen. 1969 wurde König Idris I. durch einen unblutigen Militärputsch gestürzt und floh ins Ausland. Die Macht übernahm ein "Revolutionärer Kommandorat" unter dem Offizier Muamar al-Gaddafi, der die revoltierenden "Freien Offiziere" angeführt hatte. Muamar al-Gaddafi rief die "Libysche Arabische Republik" aus und verfolgte eine radikale Arabisierung des Landes: Europäer wurden enteignet und des Landes verwiesen, die USA mussten ihre militärischen Stützpunkte in Libyen räumen. Die Ölgesellschaften wurden schrittweise verstaatlicht. Außenpolitisch verfolgte Muamar al-Gaddafi das Ziel einer panarabischen Union unter libyscher Führung, die jedoch nicht zustande kam. Auch die 1971 mit Ägypten und Syrien gegründete "Föderation der Arabischen Republiken" hatte aufgrund des absoluten Führungsanspruchs Gaddafis nur knapp drei Jahre Bestand. Nach ihrem Auseinanderbrechen rief der libysche Staatsführer 1973 die "Völkische Revolution" aus. 1977 proklamierte Gaddafi die "Erklärung der Machtübertragung an das Volk": Theoretisch sollte das Volk die Staatsgewalt direkt über die sich rasch bildenden "Volkskomitees" ausüben. Der offizielle Name des Landes wurde "Große Sozialistische Libysche Arabische Volks-Djamahiriya" (Djamahiriya bedeutet soviel wie "Massenstaat"). Der über 1 000 Abgeordnete starke "Volkskongress" mit Muamar al-Gaddafi als Generalsekretär wurde zur höchsten politischen Instanz im Land.

1975 unterzeichnete die libysche Staatsführung mit der UdSSR ein Abkommen über wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit. 1977 kam es zum militärischen Konflikt mit Ägypten aufgrund dessen Friedenspolitik gegenüber Israel. Libyen geriet durch seine unnachgiebige Haltung im Nahostkonflikt unter den arabischen Ländern, von denen inzwischen viele für eine friedliche Lösung plädierten, allmählich in die Isolation. Nach dem Scheitern seiner panarabischen Ziele änderte Muamar al-Gaddafi seine Zielgruppe hin zu schwarzafrikanischen Nationen mit überwiegend muslimischer Bevölkerung. Von nun an unterstützte er neben den radikalen Palästinensern gezielt terroristische Organisation z.B. in Uganda, Niger und Somalia bzw. gewährte deren Anhängern Schutz im eigenen Land. Für die eigene Bevölkerung baute die libysche Staatsführung ein gut funktionierendes Sozialsystem mit einer umfassenden Gesundheits- und Altersversorgung auf.

1979 trat Muamar al-Gaddafi von seinem Amt als Vorsitzender des Volkskongresses zurück, blieb jedoch Oberbefehlshaber der Streitkräfte und de facto als "revolutionärer Führer" der politisch maßgebliche Mann im Land. Als libysche Truppen 1980 im Tschad in den Bürgerkrieg eingriffen und rohstoffreiche Gebiete besetzt hielten, kam es zur militärischen Konfrontation mit Frankreich und den USA. Durch die libysche Unterstützung des internationalen Terrorismus (z.B. 1986 Anschlag auf die Discothek "La Belle" in Berlin, die hauptsächlich von amerikanischen Soldaten besucht wurde) kündigten die USA alle Wirtschaftsbeziehungen zu Libyen auf. Als Vergeltungsmaßnahme führte die amerikanische Luftwaffe Angriffe auf die libysche Hauptstadt Tripolis durch.

1992 verhängte der UN-Sicherheitsrat ein Luftverkehrs- und Handelsembargo gegen Libyen, nachdem die libysche Staatsführung die Herausgabe der beiden mutmaßlichen Lockerbie-Attentäter, die zum libyschen Geheimdienst gezählt wurden, verweigerte (Bombenattentat auf ein US-amerikanisches Passagierflugzeug im Dezember 1988). Die libysche Staatsführung sagte sich 1993 offiziell von allen terroristischen Aktivitäten los, weigerte sich aber weiterhin, die mutmaßlichen Attentäter auszuliefern. Intern hatte sich Muamar al-Gaddafi mit oppositionellen Gruppierungen auseinander zu setzen, da die durch das Embargo notwendig gewordenen Sparmaßnahmen zu Unzufriedenheit führten. Ende 1993 musste er eine Militärrevolte in Tripolis niederschlagen lassen.

1994 zogen sich die libyschen Truppen aus dem Norden des Tschad zurück, die Staatschefs der beiden Länder unterzeichneten einen Friedensvertrag. 1998 stimmte der UN-Sicherheitsrat einer Aussetzung des Handelsembargos und der Wirtschaftssanktionen zu unter der Voraussetzung, dass Libyen die beiden mutmaßlichen Lockerbie-Attentäter an den Internationalen Gerichtshof überstellt; der Staat kam dieser Aufforderung im April 1999 nach. Im Januar 2001 wurde einer der beiden Ausgelieferten, mutmaßlicher Agent des libyschen Geheimdienstes, von einem schottischen Gericht für schuldig befunden und die libysche Führung aufgefordert, an die Familienangehörigen der Opfer Entschädigungen zu zahlen. Muamar al-Gaddafi akzeptierte das Urteil, bestritt jedoch jede Schuld Libyens am Attentat. Großbritannien und die USA hielten ihre Sanktionen gegen Libyen aufrecht. Libyen einigte sich mit den USA 2008 auf eine Regelung für die von den USA geforderte Entschädigung.

Im Juni 2001 beschlossen Libyen, Ägypten, Irak und Syrien die Errichtung einer Freihandelszone zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Wichtige Verträge auf den Gebieten der Atomenergie, der Ölförderung und der Militärtechnik v. a. mit europäischen Staaten wurden 2008 geschlossen.

Im August 2003 übernahm Libyen gegenüber der UNO die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Internationale Beobachter sahen dies als deutliches Zeichen dafür, dass sich der libysche Staatsführer um eine Normalisierung der Beziehungen zu den USA und den westlichen Staaten bemühte. Aus dem gleichen Grund hätte Muamar al-Gaddafi auch die Vermittlung beim Geiseldrama auf den Philippinen im Sommer 2000 übernommen. Nach den Terroranschlägen auf das amerikanische World Trade Center am 11. September 2001 verurteilte al-Gaddafi die Attentate und erkannte ausdrücklich Amerikas Recht auf Selbstverteidigung an. Al-Gaddafi verkündete im Dezember 2003 den künftigen Verzicht seines Landes auf Massenvernichtungswaffen. Außerdem legte die Regierung Geheimdienstinformationen über islamistische Terrorgruppen offen. Die USA hoben daraufhin im April 2004 ihre Sanktionen gegen Libyen nach 18 Jahren weitgehend auf. Der Import von Gütern, die möglicherweise für Waffenprogramme genutzt werden können, bleibt jedoch weiter verboten und die Wirtschaftshilfe für das Land ist begrenzt. Im Oktober 2007 wurde Libyen für zwei Jahre als nichtständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat gewählt.

Seit Februar/März 2011 fanden in Libyen im Zuge des Arabischen Frühlings offene Proteste an der Herrschaft Gaddafis statt, die mehr und mehr in gewalttätigen Auseinandersetzungen eskalierten. Schließlich setzte Gaddafi sein Militär gegen die Demonstranten ein, um die Proteste niederzuschlagen. Im Anschluss befanden Gaddafi und seine Anhänger sich im offenen Bürgerkrieg mit der demokratischen Opposition, Libyen war de facto ein gespaltenes Land. Am 17. März 2011 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 1973, damit entschied sich der Westen, zum Schutz der Zivilbevölkerung militärisch in den Konflikt einzugreifen. Nach rund einem halben Jahr Bürgerkrieg war das Land größtenteils in der Hand der Rebellen, mit Ausnahmen des Südens des Landes und Gaddafis Heimatstadt Sirte. Am 21. August 2011 übernahmen die Rebellen auch in der Hauptstadt Tripolis die Kontrolle, so dass Gaddafis Regime als gestürzt gilt. Gaddafi selbst wurde am 20. Oktober von Rebellen erschossen.

Mit der Erklärung der Befreiung ganz Libyens am 23. Oktober 2011 hat Libyen ein neues Kapitel in seiner Geschichte aufgeschlagen. Der im Juli 2012 gewählte Allgemeine Nationalkongress wählte Mohammed Magarief zum Parlamentspräsidenten und de-facto-Staatsoberhaupt sowie (nach mehreren gescheiterten Anläufen zur Regierungsbildung) Ali Seidan zum Premierminister der neuen Übergangsregierung. Nach dem Rücktritt von Mohammed Magarief wählte das Parlament im Juni 2013 Nuri Abu Sahmein zum neuen Parlamentspräsidenten. Eine der vordringlichsten Aufgaben des Parlaments ist die Erarbeitung eines Wahlgesetzes für die vorgesehene direkte Wahl der Mitglieder des Verfassungskonvents. Der Konvent soll einen Verfassungsentwurf erarbeiten und in einem Referendum dem Volk zur Abstimmung vorlegen. Auf der Grundlage der neuen Verfassung sollen dann neue Wahlen zu einem regulären Parlament abgehalten werden.