Nicaragua Geschichte

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    Anfänge

    Vermutlich wurde das Gebiet des heutigen Nicaragua bereits ab 30 000 v.Chr. besiedelt. Als Christoph Kolumbus im September 1502 auf seiner dritten Fahrt die Ostküste des Landes entdeckte, traf er dort auf einheimische Stämme, deren Vorfahren ab 3000 v.Chr. eingewandert waren (Nahua, Chibcha). Im Glauben, sich an der Küste Hinterindiens zu befinden, bezeichnete Kolumbus die Ureinwohner als "Indios" bzw. "Indianer". Wahrscheinlich geht der Name des Landes auf einen dieser Indiohäuptlinge zurück (Nicarao).

    Europäische Vorherrschaft

    Die Spanier eroberten in den 20er Jahren des 16. Jh.s unter der Führung von Pedrarias Dávila und Francisco de Hernández de Córdoba das Gebiet des heutigen Nicaragua gegen den Widerstand der Indios. 1524 wurden in der pazifischen Tiefebene die Städte Granada und León gegründet. Die Urbevölkerung der Indios wurde durch eingeschleppte Krankheiten bzw. Zwangsarbeit im Laufe der nächsten Jahrzehnte rasch dezimiert. Etwa ab der Mitte des Jahrhunderts wurde Nicaragua dem spanischen Generalkapitanat von Guatemala angegliedert und unterstand dessen Verwaltung.

    In der ersten Hälfte des 17. Jh.s ließen sich britische Kolonisten an der Karibikküste nieder und schlossen dort Verträge mit dem Stamm der Misquito. 1687 wurde das Königreich Mosquítia ausgerufen. Ab 1841 errichtete Großbritannien hier ein Protektorat.

    Weg in die Unabhängigkeit

    1821 wurden sowohl Guatemala als auch Nicaragua von der Kolonialmacht Spanien unabhängig, beide Staaten schlossen sich zunächst dem mexikanischen Kaiserreich an, ab 1823 gehörte Nicaragua zur Zentralamerikanischen Föderation (Vereinigte Staaten von Zentralamerika). Aus der durch den Streit zwischen liberalen und konservativen Kräften zerrissenen Föderation trat Nicaragua 1838 wieder aus und erklärte am 30. April diesen Jahres seine Souveränität. Auch in dem jungen Staat führte der Konflikt zwischen Liberalen (ihr Zentrum war die Stadt León) und Konservativen (Grenada) zu heftigen Auseinandersetzungen. Liberale Kräfte holten den Amerikaner William Walker als Führer ihrer Streitkräfte ins Land, er eroberte Grenada 1856 und ernannte sich selbst zum Präsidenten. Nur ein Jahr später musste er aber wieder aus dem Land fliehen. 1858 wurde Managua zur neuen Hauptstadt des Landes erklärt.

    Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts

    1893 kam der Führer der Liberalen, José Santos Zelaya, in Nicaragua an die Macht. Bis 1909 herrschte er diktatorisch über das Land, unter anderem gelang es ihm, die britischen Gebiete an der Karibikküste wieder in Nicaragua einzugliedern und die Infrastruktur im Land durch den Eisenbahnbau zu verbessern. Nicaragua hatte aus mehreren Gründen geopolitische Bedeutung für die USA, vor allem nach dem Bau des Panamakanals, der 1914 beendet wurde. Mit US-amerikanischer Hilfe wurde der antiamerikanisch eingestellte Zelaya 1909 seines Amtes enthoben. Der Staatspräsident Adolfo Díaz bat die Vereinigten Staaten 1912 um militärische Hilfe, als in Nicaragua der Konflikt zwischen liberalen und konservativen Kräften wieder ausgebrochen und es zu zahlreichen Regierungsumstürzen gekommen war. US-Marineeinheiten griffen auf Seiten der Konservativen in die Kämpfe ein und setzten sich in Stützpunkten fest. Die USA erkauften sich von Nicaragua die Rechte für den Bau einer Wasserstraße durch Nicaragua (als Verbindung zwischen Kalifornien und der US-amerikanischen Ostküste), zusätzlich wurde der Einrichtung von US-Militärstützpunkten an der West- und Ostküste Nicaraguas zugestimmt.

    1925 zogen die USA ihre Truppenverbände vorübergehend aus Nicaragua zurück, kehrten aber nach dem erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs wieder in das Land zurück. Es hatten sich Widerstandsbewegungen gegen die US-amerikanische Präsenz gebildet, unter ihnen die Sandinisten unter Führung von Augusto César Sandino. 1933 verließen die amerikanischen Truppen Nicaragua, starker Mann im Staat wurde der Führer der Nationalgarde, Anastasio Somoza García, der seinen politischen Rivalen Sandino 1934 ermorden ließ. Der USA-freundliche Somoza wurde 1937 zum Staatspräsidenten gewählt und hatte dieses Amt bis 1956 inne. Nach seinem Tod durch ein Attentat setzten seine Söhne Luis Somoza Debayle (bis 1963) und Anastasio Somoza Debayle (bis 1979) die Herrschaft des Somoza-Clans fort.

    Der Bürgerkrieg

    1945 wurde Nicaragua Mitglied der Vereinten Nationen und trat drei Jahre später der Organisation Amerikanischer Staaten (OAU) bei. 1962 wurde in Nicaragua die oppositionelle "Sandinistische Nationale Befreiungsfront" (Frente Sandinista de Liberación Nacional/FSLN) gegründet und nahm ihren Kampf gegen die Diktatur Somozas auf. Nach einer Erdbebenkatastrophe, bei der 1972 die Hauptstadt Managua weitgehend zerstört wurde und über 10 000 Menschen ums Leben kamen, rief die Regierung den nationalen Notstand aus. Als von den internationalen Spendengeldern rund eine halbe Milliarde US-Dollar von den Angehörigen des Somoza-Clans unterschlagen wurde, wuchs der Widerstand in der Bevölkerung. 1978 brach der Bürgerkrieg aus.

    Im Juli 1979 übernahm die "Sandinistische Befreiungsfront" unter Führung von Daniel Ortega die Regierungsgewalt in Nicaragua. Die Besitzungen des Somoza-Clans (zuletzt gehörte ihnen rund ein Viertel des Landes) und auch US-amerikanische Großbetriebe wurden verstaatlicht. Die sozialistischen Reformen und die pro-kubanische und pro-sowjetische Haltung der Revolutionsregierung stießen sowohl innerhalb der nicaraguanischen Bevölkerung als auch in den USA auf Widerstand. 1983 kam es zu erbitterten Kämpfen zwischen Sandinisten und den so genannten "Contras", die überwiegend Somoza-Anhänger waren und vom US-amerikanischen CIA unterstützt wurden.

    Auch nachdem der Sandinist Daniel Ortega bei Präsidentschaftswahlen 1984 gewonnen hatte, hielten die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Contras an. Ein umfassendes Handelsembargo der USA gegen Nicaragua brachte die ohnehin schwache Wirtschaft des Landes an den Rande des Ruins. Rund drei Viertel der Bevölkerung lebten in bitterer Armut. 1988 kam es zu einem Dialog zwischen der nicaraguanischen Regierung und der Führung der Contras und ein Waffenstillstand wurde vereinbart. 1989 wurde ein Friedensplan unterzeichnet und die bis dahin von Honduras aus operierenden Contras kehrten nach Nicaragua zurück.

    Entwicklung nach dem Bürgerkrieg

    Im Februar 1990 fanden freie Wahlen in Nicaragua statt. Die Sandinisten wurden geschlagen und eine Mitte-Rechts-Koalition unter der Präsidentin Violeta Barios de Chamorro und das Oppositionsbündnis "Unión Nacional Opositora" übernahmen die Regierung. Die USA hoben daraufhin ihr Handelsembargo auf. Eine Reihe von Reformen wurden durchgeführt, neben einem wirtschaftlichem Wiederaufbauprogramm wurden unter anderem die Regierungstruppen von schätzungsweise 100 000 Mann auf 15 000 reduziert. Bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 1996 setzte sich Arnoldo Alemán Lacoyo, Führer des rechtsliberalen Parteienbündnisses "Alianza Liberal" (AL), gegen insgesamt 21 Gegenkandidaten durch. Der stärkste seiner Konkurrenten war der frühere Präsident Daniel Ortega. Die AL wurde bei den gleichzeitig stattfindenden Parlamentswahlen stärkste Partei.

    Bei seinem Regierungsantritt 1997 sprach sich Arnoldo Alemán Lacoyo vor allem für eine Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung und den Abbau der hohen Staatsschulden aus. Doch die Folgen des verheerenden Hurrikans "Mitch", der Ende Oktober 1998 in ganz Mittelamerika schwere Verwüstungen hinterließ, führten zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation. Auch in den folgenden Jahren kam es wiederholt zu massiven Schäden durch Hurrikane.

    2001 wurde der Kandidat der "Partido Liberal Constitucionalista" (PLC), Enrique Bolaños Geyer, neuer Staatschef des Landes. Der Sandinist Ortega scheiterte damit zum dritten Mal in seinem Bemühen, erneut Präsident des Landes zu werden. Bei seinem Amtsantritt 2002 kündigte Präsident Enrique Bolaños die Bekämpfung der Korruption und die Konsolidierung der Demokratie im Land an. Wie auch sein Vorgänger wollte er die guten Beziehungen zu den USA weiter pflegen. Bei den Wahlen 2006 konnte sich Daniel Ortega jedoch gegen den amtierenden Präsidenten durchsetzen und ist seit Januar 2007 erneut Staatsoberhaupt und Regierungschef des Landes. Die von Präsident Ortega gegen den Willen der Parlamentsmehrheit geschaffenen so genannten "Volksräte" haben die innenpolitische Spaltung weiter vergrößert. Bereits im Sommer 2007 war die Beliebtheit Ortegas bei der Bevölkerung durch die anhaltend schlechte ökonomische Lage, noch verschärft durch steigende Lebensmittelpreise und eine schwere Energiekrise, stark gesunken.

    Der Präsident von Nicaragua wird vom Volk für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt, eine unmittelbare Wiederwahl war gemäß der Verfassung nicht möglich. Gegen diese Regelung reichte Daniel Ortega Saveedra 2009 Beschwerde ein und bekam vom Obersten Gerichtshof das Recht auf eine erneute Kandidatur zugesprochen. Die Folge der Entscheidung waren gewalttätige Proteste. Im Januar 2014 stimmte das Parlament einer Verfassungsreform zu, die dem Präsidenten eine unbegrenzte Zahl von Amtszeiten erlaubt.

    Nicaragua ist 2009 der zentralamerikanischen Zollunion beigetreten. Die Regierung erhofft sich davon unter anderem eine Erhöhung der ausländischen Direktinvestitionen.