Niger Geschichte

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Vermutlich wurde das Gebiet der heutigen Republik Niger schon in der Altsteinzeit besiedelt. Ab der Zeit des europäischen Mittelalters gab es mehrere große Reiche und Stadtstaaten (Songhai-Reich am Fluss Niger, Kanuri im Südosten des Landes, Stadtstaaten der Haussa). Die Städte, die entlang der Route der Kamelkarawanen durch die Sahara bis ans Mittelmeer bzw. nach Osten ans Rote Meer lagen, wurden aufgrund des regen Handels mit Gold, Salz und Sklaven äußerst wohlhabend. Ab dem 11. Jahrhundert wanderten Angehörige des Berberstammes der Tuareg in den Norden des heutigen Niger ein und vertrieben die dort ansässigen Haussa. Das Zentrum der nomadisch lebenden Tuareg wurde das Aïr-Gebirge und die Stadt Agadaz, ebenfalls Stützpunkt des Karawanenhandels.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen mehrere europäische Forscher in das Gebiet (z.B. Mungo Park, Dixon Denham, Heinrich Barth). Auf der so genannten "Afrika-Konferenz" 1885 teilten die europäischen Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent ohne Rücksichtnahme auf bereits bestehende Grenzen bzw. Volksgruppen auf. Das Gebiet zwischen Tschadsee, Niger und Aïr-Gebirge wurde Frankreich zugesprochen. Nachdem französische Truppen das benachbarte Mali erobert hatten, besetzten sie innerhalb weniger Jahre gegen den erbitterten Widerstand der ansässigen Volksgruppen auch das Staatsterritorium der heutigen Republik Niger. Auch nach der Besetzung des Landes hielten die Konflikte z.B. zwischen den Songhai im Südwesten und den Kolonialherren an.

1911 wurde das Gebiet als Provinz "Obersenegal und Niger" Teil von Französisch-Westafrika und von Dakar, der heutigen Hauptstadt Senegals, aus verwaltet. 1922 erklärte Frankreich das Gebiet zur eigenständigen Kolonie mit der Stadt Zinder im Süden als Verwaltungssitz (ab 1926 Niamey).

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen sich Unabhängigkeitsbewegungen zu formieren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde 1946 die "Parti Progressiste Nigérien" (Fortschrittspartei des Niger, PPN) als erste bedeutende politische Organisation gegründet. Zweite relevante Partei war die UDN (Union des Niger).

1957 gewährte Frankreich dem Land die innere Autonomie. Bei ersten Wahlen konnte sich die UDN unter Djibo Bakary durchsetzen, der erster Regierungschef von Niger wurde. Entgegen dem Ziel der Regierung, sofort die Unabhängigkeit des Landes zu erreichen, sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung per Referendum für einen Verbleib des Landes innerhalb der Französischen Union aus, ein Ziel, wie es auch die Fortschrittspartei des Niger, PPN, verfolgte. Dessen Führer Hamani Diori löste Bakari Ende 1958 als Regierungschef des Landes ab.

Im August 1960 wurde der Niger unabhängige Republik innerhalb der "Communauté Française". Die PPN wurde zur Einheitspartei erklärt. Frankreich blieb in Form von politischen Beratern und als Militärmacht im Land präsent. Dem autoritär regierenden Regierungschef Diori (bis 1974) wurden Korruption und Misswirtschaft vorgeworfen.

Eine zweijährige Dürre in der Sahelzone (1973) vernichtete fast den gesamten Viehbestand und damit die Lebensgrundlage der dort ansässigen nomadischen Bevölkerung. Das wirtschaftlich ohnehin schwache Land war auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Es kam zu Unruhen im Land, als die umfangreichen Sachspenden, die aus aller Welt eintrafen, teilweise verschwanden bzw. zu überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden. 1974 wurde das Diori-Regime durch einen Militärputsch gestürzt, was von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wurde. Oberstleutnant Seyni Kountché übernahm die Führung des Staates (bis 1987) an der Spitze eines Obersten Militärrats ("Conseil Militaire Suprême"/CMS). Er ließ die Verfassung des Landes außer Kraft setzen und erklärte den Kampf gegen die Korruption und die Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung zu den Hauptzielen seiner Politik.

Die nigerische Führung konnte 1975 die wirtschaftliche Situation des Landes leicht verbessern, indem sie sich Anteile an der Uranerz-Förderung erzwang, die bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich in den Händen einer französischen Bergbaugesellschaft war. Durch Spannungen mit dem Nachbarstaat Tschad (1981 marschierten dort libysche Truppen ein) verlor Niger nur wenige Jahre später mit Libyen seinen bis dahin wichtigsten Abnehmer für Uran.

Eine erneute Dürrekatastrophe im Sahelgebiet in den 1980er Jahren führte zu einer Flüchtlingswelle der Bevölkerung in den Süden des Landes und einer weiteren Verschlechterung der Lebenssituation.

1987 wurde General Ali Saïbou nach dem Tod von Seyni Kountché neuer Staatschef der Republik Niger (bis 1993). Er leitete demokratische Reformen ein und gab die Ausarbeitung einer neuen Verfassung in Auftrag. Die kurz zuvor gegründete "Mouvement National de la Societé de Dévoloppement" (MNSD) wurde zur Einheitspartei der Republik Niger erklärt.

Zu Beginn der 90er Jahre kam es zwischen der "Tuareg-Befreiungsfront von Aïr und Azawad" (FLAA) und Regierungstruppen zu anhaltenden Auseinandersetzungen. Die Tuareg waren von der anhaltenden Dürre besonders betroffen und hatte verstärkte Hilfsmaßnahmen für die betroffenen Gebiete und Menschen gefordert. Einige forderten ein autonomes Gebiet im Norden der Republik. Erst nach zahlreichen bewaffneten Konfrontationen wurde 1995 ein Friedensvertrag zwischen den Tuareg und der nigerischen Regierung geschlossen.

1991 wurde eine Übergangsregierung gebildet mit dem parteilosen Amadou Cheiffou an der Spitze. 1992 trat eine neue demokratische Verfassung in Kraft, die Niger zur parlamentarischen Präsidialrepublik erklärte. Bei den ersten freien Parlamentswahlen seit der Machtergreifung des Militärs im Jahre 1974 gewann das aus einer Koalition zwischen CDS (Convention Démocratique et Sociale) und PNDS (Parti pour la Démocratique et Sociale) bestehende Oppositionsbündnis AFC (Alliance des Forces de Changement/Allianz der Kräfte des Wandels). Die ehemalige Einheitspartei MNSD blieb stärkste Oppositionspartei im Parlament. Neuer Staatpräsident wurde im März 1993 der Sozialdemokrat Mahamane Ousmane. Er ernannte den Führer der PNDS, Mahamdou Issoufou, zum neuen Regierungschef der Republik Niger.

Bei Neuwahlen im Januar 1995 (die Regierungskoalition zwischen CDS und PNDS war zerbrochen) errang die MNSD die Mehrheit der Stimmen und wurde mit 29 von insgesamt 83 Sitzen stärkste Fraktion im Parlament (CDS 23, PNDS 12, Sonstige 19). Zum neuen Regierungschef wurde Hama Amadou von der MNSD ernannt.

Ein Jahr später, im Januar 1996, kam es zu einem erneuten Militärputsch, nachdem interne Machtkämpfe zur Handlungsunfähigkeit der Regierung geführt hatten. Die Verfassung wurde aufgehoben, die politischen Parteien verboten. Oberst Ibrahim Barré Maïnasara erklärte sich zum Präsidenten eines "Nationalen Heilrates" (Conseil de Salut National/CNS). Dieser stellte Neuwahlen noch im gleichen Jahr in Aussicht. Eine Verfassungsänderung im Mai 1996 gestand dem Staatspräsidenten weitaus mehr Machtbefugnisse zu als zuvor, gleichzeitig wurden politische Parteien wieder zugelassen.

Die 1996 abgehaltenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen wurden teilweise von der Opposition boykottiert bzw. es kam zum Vorwurf der Wahlmanipulation. Präsident Maïnasara und die ihm nahe stehenden UNIRD (Union Nationale des Indépendants pour le Renouveau Démocratique) gewannen die Wahlen überlegen. Im April 1999 wurde Präsident Maïnasara ermordet, neuer Präsident wurde Daouda Malam Wanké, der Führer der Präsidentengarde. Bei im November 1999 abgehaltenen Präsidentschaftswahlen wurde der Kandidat der MNSD, Mamadou Tandja, mit knapp 60 % der Stimmen gewählt. Die MNSD konnte sich auch bei Parlamentswahlen als stärkste Partei durchsetzen. Neuer Regierungschef des Landes an der Spitze einer Koalition aus MNSD und CDS wurde Hama Amadou. Die Wahlen 2004 bestätigten Tandja und Amadou.

2007 wurde die Regierung von Premierminister Hama Amadou durch ein Misstrauensvotum der Opposition gestürzt. Der Regierung wurde vorgeworfen, in eine Korruptionsaffäre verstrickt zu sein, bei der für Bildungsprojekte bereit gestellte internationale Hilfsgelder veruntreut worden sein sollen. Seyni Oumarou (MNSD) übernahm das Amt des Regierungschefs, die Regierungskoalition blieb bestehen.

Da das Friedensabkommen von 1995 nie umgesetzt worden war, nahm die Tuareg-Rebellenorganisation MNJ (Mouvement des Nigériens pour la Justice) im Februar 2007 den bewaffneten Kampf gegen die Regierung wieder auf, Präsident Mamadou Tandja lehnte Verhandlungen ab. Im August griff der Konflikt auf das benachbarte Mali über.

Im August 2009 trat die Verfassung der 6. Republik in Kraft, mit der sich Präsident Tandja unter Bruch der Verfassung von 1999 eine Verlängerung seiner Amtszeit verschaffte. Bei einem Putsch im Februar 2010 wurde Tandja von einer Militärjunta abgesetzt. Ein "Oberster Rat zur Wiederherstellung der Demokratie" (CSRD) übernahm die Macht. Die Verfassung wurde außer Kraft gesetzt, eine neue trat 2010 in Kraft. Die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen Ende Januar 2011 brachten einen Machtwechsel: Die bisherige Oppositionspartei PNDS gewann die Mehrheit der Sitze in der Nationalversammlung und ihr Vorsitzender Mahamadou Issoufou siegte bei den Präsidentschaftswahlen. Er wurde im April 2011 vereidigt.