Sudan Geschichte

    Aus Länder-Lexikon.de

    Das Staatsgebiet des heutigen Sudan gehört zu den ältesten Siedlungsräumen in Afrika. Bis ins 9. Jahrhundert vor Christus hinein gehörte es als Nubien zum Ägyptischen Reich und spielte eine wichtige Rolle als Lieferant von Gold, Elfenbein und Sklaven. Auch war es das Land, aus dem das für Ägypten lebensspendende Wasser des Nils kam, einer der Hauptgründe für die Ägypter, diese Region beherrschen zu wollen. Etwa ab dem Jahr 1000 v.Chr. entwickelte sich auf nubischem Boden das Königreich der Kuschiten, das bis ins 4. Jahrhundert n.Chr. bestand und eine Zeit lang sogar die Pharaonen stellte (ca. 712 bis 664 v.Chr.). Im 5. Jahrhundert v.Chr. war das Königreich Kusch auf nubisches Gebiet beschränkt, Hauptstadt war Meroe, dessen Ruinen in der Nubischen Wüste heute noch erhalten sind. Einfallende Stämme aus dem benachbarten Äthiopien (Aksumiten) ließen das Königreich Kusch gegen Mitte des 4. Jahrhunderts n.Chr. untergehen.

    Ab dem 6. Jahrhundert n.Chr. bildeten sich auf nubischem Gebiet weitere Königreiche heraus, die sich der zunehmenden Christianisierung (Ägypten, Äthiopien) nicht lange widersetzen konnten.

    Gegen die im Verlauf der nächsten Jahrhunderte von Norden kommende Bewegung des Islam konnte sich das südliche Reich Aloa (Alodia) bis Anfang des 16. Jahrhunderts wehren, dann erst wurde es von Muslimen erobert. Um 1504 entstand das Reich von Sennar (Sannar, auch Fung), in das allmählich die arabische Lebensart und Religion eingeführt wurden. Unabhängig von Sennar entstand im Westen des heutigen Sudan das Sultanat von Darfur (ab dem 17. Jahrhundert) als zweites islamisches Zentrum im Norden.

    Im 19. Jahrhundert wurde Sennar von Ägypten erobert, unter ägyptischer Herrschaft wurde der Südsudan erforscht und eine neue Hauptstadt, Khartum (Al-Khartum), wurde gegründet. Von Ägypten eingesetzte Generalgouverneure überwachten den Handel mit Elfenbein und Sklaven. Mitte des 19. Jahrhunderts trat zunehmend die europäische Handelsmacht Großbritannien auf den Plan, auf nubischem Boden entstanden britische Handelsniederlassungen. Immer mehr Briten nahmen wichtige Schlüsselstellungen in Politik und Wirtschaft ein. Die Fremdherrschaft führte zum so genannten Mahdi-Aufstand: Muhammad Ahmad Ibn Abd Allah (1844-1885), der sich selbst als Al Mahdi (d.h. der Erlöser, der Erneuerer des Islam) bezeichnete, führte den Aufstand der Stämme (überwiegend des Nordens) gegen die ägyptisch-britische Fremdherrschaft an. Erst 1898 konnte Großbritannien das Gebiet des heutigen Sudan wieder zurückerobern. Unter Regie der britischen Krone wurde der Anbau von Baumwolle als zentraler Punkt der Wirtschaft ausgebaut. Zum Abtransport wurden die Zugänge zum Roten Meer ausgebaut. Der Süden des heutigen Sudan wurde durch Missionare wieder zunehmend christlich, und als der Norden sich für einen Anschluss an Ägypten aussprach, strebte Großbritannien eine Loslösung des Südens vom islamischen Norden an. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde dem Süden immer mehr Autonomie zugestanden, Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde der Süden zu einem geschlossenen Gebiet erklärt, zu dem der Islam keinen Zugang haben sollte.

    Als das Land 1956 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen wurde, standen sich zwei wirtschaftlich ungleich entwickelte und kulturell gegensätzliche Landesteile gegenüber. Bereits ein Jahr zuvor war im Süden ein Bürgerkrieg ausgebrochen, der sich an Autonomieforderungen entzündet hatte. 1954 war erstmals ein sudanesischer Präsident gewählt worden, der Teilungspläne zugunsten eines eigenständigen Staates verwarf. Politisch mächtigste Partei im Sudan war zu diesem Zeitpunkt die antiägyptische UMMA, die den politischen Arm der mahdistischen Ansar-Sekte darstellte. Rivalen dieser Partei waren die Unionisten, deren Ziel ein Anschluss des Nordens an Ägypten war.

    1958 kam es zu einem Putsch unter General Abboud, der das Militär an die Macht brachte (bis 1986 mit der Unterbrechung 1964 bis 1969). 1964 wurde eine politische Einheitsfront von Zivilisten gebildet, die den General stürzte, sich aber nur bis 1969 halten konnte. Erneut übernahm das Militär die Macht, diesmal unter Djafar Muhammad an-Numayri. Numayri regierte mit wechselnden Bündnissen bis 1985. Dann wurde er nach Jahren der Misswirtschaft, die das Land an den Rande des wirtschaftlichen Ruins brachten, von der Armee vertrieben. Der alte Konflikt zwischen Norden und Süden flackerte erneut auf, als 1983 das islamische Recht, die Scharia, für den ganzen Sudan eingeführt wurde. Erneut brach im Süden ein Bürgerkrieg aus, der bis heute nicht beendet ist. Eine bedeutende Rolle im Süden spielte dabei die SPLA ("Sudans People Liberation Army", Befreiungsarmee der Völker des Sudan), die die Abtrennung des Südens vom islamischen Norden fordert.

    Nach Numayris Absetzung wurden 1986 Wahlen abgehalten, die zu einer Koalition zwischen UMMA und Demokratischer Unionisten-Partei führte. Die Zivilregierung wurde bereits drei Jahre später gestürzt. Unter dem neuen Machthaber General Omar Hassan al-Baschir wurde der "Revolutionäre Kommandorat zur Errettung der Nation" (RCC) gegründet und der Sudan zunehmend in einen islamischen Staat umgewandelt. Obwohl die Anwendung der Scharia in den christlichen Gebieten des Südens aufgehoben wurde, kehrte dort keine Waffenruhe ein.

    1991 stellte sich die Regierung des Sudan im Golfkrieg auf die Seite des Irak und wurde dadurch außenpolitisch isoliert. Durch die Isolierung stockten auch die ausländischen Hilfslieferungen in die Bürgerkriegsgebiete des Südens, was die katastrophalen Verhältnisse in großen Landesteilen weiter verschlechterte. Über zwei Millionen Sudanesen mussten ihre angestammten Gebiete verlassen, flohen nach Kenia oder Uganda oder wurden in Lagern angesiedelt.

    1993 setzten die USA den Sudan auf die Liste der "terroristischen Staaten", Grund dafür waren die Verbindungen des Landes zum islamischen Fundamentalismus und zu internationalen Terrororganisationen. Als eigentlicher Drahtzieher in der sudanesischen Regierung galt Hassan al-Turabi, fanatischer Fundamentalist und Anführer der tonangebenden Nationalen Islamischen Front.

    Im Dezember 2000 wurde Staatschef al-Baschir für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt. Im Juli 2002 einigten sich die Regierung und die "Befreiungsarmee der Völker des Sudan" (SPLA) auf ein Rahmenabkommen, das den Entwurf eines Friedensplans für den Sudan ermöglichen sollte. Staat und Religion sollen getrennt werden; außerdem wurde ein Zeitplan für die Abstimmung über einen unabhängigen christlichen Südteil des Landes vereinbart. Mit Unterzeichnung des Friedensabkommens vom 9. Januar 2005 war der Nord-Süd-Bürgerkrieg formell beendet. Innerhalb einer Übergangsperiode wurde dem Südsudan eine Teilautonomie zugebilligt. Die frühere SPLA wurde in einer Regierung der Nationalen Einheit beteiligt. Der Bürgerkrieg hat etwa zwei Millionen Menschenleben gekostet; etwa vier Millionen Menschen wurden vertrieben.

    Der Konflikt in der Region Darfur im Westen der Republik, der 2003 eskaliert war und bei dem es zu schlimmsten Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen kam, schwelt jedoch weiter. Nach einer neuerlichen größeren Offensive der Regierung in West-Darfur griffen Rebellen im Mai 2008 die Hauptstadt Khartum an. Sie zogen sich nach den Kämpfen mit den Regierungstruppen wieder zurück. Der Sudan brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen mit dem Tschad ab, da die sudanesische Regierung das Nachbarland verdächtigt, die Rebellenvormärsche zu unterstützen; der Tschad reagierte mit der Schließung der Grenze.

    Im Friedensabkommen von 2005 war ein Referendum über den Verbleib oder die Abspaltung des Südens vom Norden vereinbart worden, das im Januar 2011 abgehalten wurde. Dabei sprachen sich 99 % der Bevölkerung des Südens für die Loslösung vom Nordteil aus. Am 9. Juli 2011 wurde daraufhin die Unabhängigkeit des neuen Staates Südsudan verkündet. Der Sudan verlor dadurch knapp ein Viertel seiner Bevölkerung, rund ein Drittel seiner Fläche sowie die Ölfelder des Südens. Für den Export des südsudanesischen Öls ist dessen Transport über Pipelines des Sudans zum Roten Meer nötig. Im Februar 2012 stellte der Südsudan seine Erölproduktion völlig ein. Begründung sind zu hohe Transitgebühren des Sudans. Dies brachte die Staatseinnahmen beider Länder zum Einbruch.

    Innenpolitisch sieht sich Staatschef al-Baschir wachsender Unzufriedenheit gegenüber. Bereits 2009 war gegen ihn ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen worden. Seit Juni 2012 kommt es zu Demonstrationen und Unruhen, die bisher über 50 Todesopfer forderten.