Türkei Geschichte

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Inhaltsverzeichnis

Anfänge

In Kleinasien finden sich Siedlungsspuren bereits aus dem 7. Jt. v.Chr. (Çatal Hüyük). Archäologische Funde weisen auf Ackerbau, Metallbearbeitung und Handelsverbindungen zum Roten Meer hin. Im Nordwesten der heutigen Türkei entstand vermutlich im 3. Jt. v.Chr. die Stadt Troja, die oft zerstört und aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage immer wieder aufgebaut wurde. Im 2. Jt. v.Chr. wanderten die indogermanischen Hethiter von Nordosten kommend in Kleinasien ein, ein hochentwickeltes Volk, das den anderen Völkern gegenüber militärisch weit überlegen war. Unter den Hethitern entstanden mehrere große und mächtige Reiche, die sich über das ganze Anatolien bis nach Syrien und Babylon erstreckten. Mit dem konkurrierenden ägyptischen Pharaonenreich einigten sich die Herrscher auf eine Machteilung in Syrien (ab 1460 v.Chr.). Ab etwa 1200 v.Chr. zerfiel das letzte Großreich der Hethiter und wurde von den aus Thrakien (dem heutigen europäischen Teil der Türkei) und dem Mittelmeerraum eindringenden Völkern zerstört.

Es entstanden ein Assyrisches Reich im Osten Kleinasiens und ein Phrygisches in Zentralanatolien und im Westen (König Midas), die jeweils von den Medern (ca. um 614 v.Chr.) bzw. von den Kimmeriern (695 v.Chr.) zerstört wurden. Die Lyder wurden die bestimmende Großmacht in Anatolien, unter ihrer Herrschaft standen auch die vielen griechischen Städte an der ägäischen Küste. Lyderkönig Krösus, berühmt wegen seines legendären Reichtums, unterlag 546 v.Chr. dem persischen Achämeniden (Schlacht von Pteria), fortan gehörte Kleinasien zum Großreich der Perser, das nach der Zerstörung des Babylonischen und des Ägyptischen Reiches das mächtigste seiner Zeit war.

500 v.Chr. bis 13. Jh. n.Chr.

Um 490 bis 449/8 v.Chr. fanden die so genannten Perserkriege statt zwischen Truppen des persischen Königs Darius I. und den griechischen Städten, die den Aufstand der griechischen Siedler an der Westküste der Kleinasiatischen Halbinsel gegen die Perser unterstützt hatten (Niederlage der Perser in der Schlacht bei Marathon 490 v.Chr.; Seeschlacht bei Salamis 480 v.Chr.).

Ab 336 v.Chr. eroberte der Makedonier Alexander der Große, dessen Vater bereits ganz Griechenland besiegt hatte, Kleinasien und fast das gesamte persische Reich (Schlacht bei Issos 333 v.Chr.; Gaugamela 330 v.Chr.). Einer der Nachfolger (Diadochen) Alexanders des Großen, Seleukos, errichtete nach dessen Tod das so genannte Seleukidenreich, das von der ägäischen Küste in Richtung Osten bis nach Nordindien reichte. Parallel dazu bildeten sich im Norden Kleinasiens mehrere kleinere Reiche (Bithynien, Paphlagonien, Pontus, Kappadokien, Pergamon). Durch Bündnispolitik der Kleinreiche mit Rom gegen das Seleukidenreich traten die Römer auf den Plan, die nach und nach die Nordreiche unterwarfen und zu römischen Provinzen machten. 64 v.Chr. schlug der römische Feldherr Pompejus den letzten Seleukidenherrscher (Antiochos XIII.).

Die Hauptstadt des Römischen Reiches wurde von Kaiser Konstantin I. von Rom nach Byzanz an der Meerenge des Bosporus verlegt und 330 n.Chr. in Konstantinopel umbenannt. Die Stadt wurde Zentrum des nach der Teilung des Römischen Reiches 395 n.Chr. entstehenden Oströmischen bzw. Byzantinischen Reiches, das sich in Kleinasien gegen die Perser und später zunächst auch gegen die Araber durchsetzen konnte, die im 7. Jh. das persische Sassanidenreich erobert hatten. Der Fluss Euphrat bildete lange die Grenze zwischen byzantinischem und arabischem Einflussgebiet. Ab dem 10. Jh. entstand östlich des Euphrat das islamische Reich der Seldschuken, einem Turkvolk aus Innerasien, das im Verlauf des 11. Jh.s auch große Gebiete Kleinasiens eroberte und besiedelte. Mit Konya als Zentrum entstand in Zentralanatolien ein sunnitisch-islamisches Reich der Rum-Seldschuken (1097). Traditionen und Sprache des Turk-Volkes breiteten sich aus, der Einfluss der hellenistischen Kultur wurde zurückgedrängt.

Das Reich der Seldschuken wurde 1243 von den Reiterscharen der Mongolen vernichtet.

Das Osmanische Reich

Ende des 13. Jh.s erkämpfte sich das Turkvolk der Ogusen die Unabhängigkeit von den Mongolen und eine Vormachtstellung in Anatolien. Ihr Führer Osman I. ernannte sich 1298 zum Sultan (König) des neuen Reiches. Zunächst wurde die Stadt Bursa 1325 die Hauptstadt des nach dem Sultan benannten Osmanischen Reiches, 1366 dann Edirne in Thrakien. Der Sultan rief zum Glaubenskampf gegen das christliche Byzanz auf, das zum Hauptgegner seines Reiches wurde. 1354 überschritt das osmanische Heer erstmals die Dardanellen-Meerenge, zu diesem Zeitpunkt war auf der asiatischen Seite nur noch das Stadtgebiet von Konstantinopel in den Händen des Byzantinischen Reiches. Innerhalb weniger Jahre drangen die Osmanen in Richtung Westen vor und sicherten sich die Herrschaft auf dem Balkan (Schlacht auf dem Amselfeld 1389). Nach einer kurzen Schwächeperiode (1402 gegen das Mongolenheer des Timur Leng) konsolidierte sich das Osmanische Reich erneut und eroberte 1453 nach mehrwöchiger Belagerung Konstantinopel, womit die mehr als 1000 Jahre währende Geschichte des christlichen Byzantinischen Reiches zu Ende ging. Die Stadt wurde in Istanbul umbenannt und zur neuen Hauptstadt.

In den folgenden Jahren wurde die Herrschaft der Osmanen auf dem Balkan und in Südosteuropa gefestigt. Im 16. Jh. drangen die osmanischen Heere (gefürchtet vor allem aufgrund der so genannten Janitscharen, einer militärischen Elitetruppe) bis nach Tunesien und auf die Arabische Halbinsel vor und die Türkei erreichte seine größte Ausdehnung. Ein Ende der Expansion brachte die Niederlage der türkischen Flotte von Sultan Selim II. im Oktober 1571 bei Lepanto im Golf von Korinth gegen Venezianer und Spanier. In der Auseinandersetzung mit dem Habsburger Reich, das nach dem Ende von Byzanz zum Hauptwidersacher des Osmanischen Reiches geworden war, mussten die Osmanen im 17. Jh. mehrere Niederlagen hinnehmen und wurden weiterer Gebiete verlustig. 1673 misslang es den Heerscharen zum zweiten Mal nach 1529, Wien als das Zentrum der Habsburger zu erobern. Im folgenden verlor das Osmanische Reich in Europa Ungarn, große Teile des späteren Jugoslawiens und Rumäniens, die Ukraine und große Gebiete entlang der Dalmatischen Küste und in Griechenland (Großer Türkenkrieg 1683-99). Auch im Inneren fanden wiederholt Machtkämpfe und Aufstände unzufriedener Teile der Bevölkerung statt. Im 18. Jh. wurden die russischen Zaren neben den Habsburgern zum Hauptgegner der Osmanen, mit beiden kam es zu mehreren Kriegen, nach denen das Osmanische Reich seine Stellung als Großmacht verlor.

Im griechischen Befreiungskrieg (1821-29), der von Frankreich, Deutschland und Russland unterstützt wurde, kam es zu weiteren Gebietsverlusten der Osmanen. Mit britischer und französischer Hilfe konnte sich das Osmanische Reich im so genannten Krimkrieg ab 1856 noch gegen Russland behaupten, 1878 führte eine neuerliche Niederlage dazu, dass die Balkanländer (Rumänien, Serbien, Montenegro) ihre volle Unabhängigkeit erlangten und der Einfluss des Osmanischen Reiches weiter zurückgedrängt wurde.

Auch im eigenen Vielvölkerstaat wurden im 19. Jh. die Stimmen der einzelnen Völker immer lauter, die nach Unabhängigkeit riefen. Aufstände der so genannten "Jungtürken", einer intellektuellen Oberschicht, zwangen den amtierenden Sultan 1876 dazu, eine Verfassung zu erlassen, die unter anderem die Gleichstellung von Religionen und Nationen im Osmanischen Reich und eine parlamentarische Monarchie vorsah. Im 20. Jh. beschleunigte sich der Verfall des Reiches: Die liberalen "Jungtürken" stürzten den Sultan (1909), weitere Gebiete gingen an Italien verloren. Im Ersten Balkankrieg 1912/13 unterlag das Osmanische Reich gegen ein Bündnis aus Bulgarien, Griechenland, Serbien und Montenegro, was zur Aufgabe von Makedonien und Albanien führte.

Die Republik Türkei

Denkmal des Ersten Weltkriegs in Gallipoli, Türkei

Im Ersten Weltkrieg nahm das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens teil. Nach der Niederlage gingen durch den Friedensvertrag von Sèvres alle Gebiete außerhalb Anatoliens und einem kleinen Restgebiet (Ostthrakien) verloren. Das große Osmanische Reich hatte aufgehört zu existieren. Die Meerengen wurden für den internationalen Schiffsverkehr freigegeben, zugunsten der Armenier und Kurden wurden in Ost- und Südostanatolien Gebiete abgetrennt.

Bereits 1919 war ein neuer Krieg mit Griechenland ausgebrochen, das versuchte, Gebiete in Westanatolien und Thrakien zu besetzen. An der Spitze der nationalstaatlichen Bewegung, die gegen die Griechen kämpften, setzte sich General Mustafa Kemal Pascha. Kemal Pascha gehörte zu einer Gruppe Offiziere, die den Übergang vom Vielvölkerstaat hin zu einer kleineren, nationalstaatlich orientierten Türkei anstrebten. Ende 1922 wurden die griechischen Truppen besiegt, im Friedensvertrag von Lausanne (1923) wurden die Grenzen (die in etwa den heutigen entsprechen) eines unabhängigen und souveränen türkischen Staates festgelegt. Der Sultan hatte bereits ein Jahr zuvor abgedankt, 1923 wurde die Türkei Republik mit Ankara als Hauptstadt.

Erster Staatspräsident wurde Mustafa Kemal Pascha, der 1934 den Beinamen "Atatürk" (Vater der Türken) erhielt. Er gilt heute noch als Begründer der modernen Türkei und öffnete das Land für europäische Einflüsse. Die ehemalige Oberschicht des Landes wurde entmachtet und umfangreiche Reformen eingeleitet wie z.B. die Übernahme des gregorianischen Kalenders, der Gebrauch des lateinischen Alphabets, die Abschaffung der islamischen Rechtssprechung zugunsten westlicher Rechtssysteme, die Trennung von Staat und Kirche usw. Die eingeführten Wirtschaftsreformen (Verstaatlichung der Betriebe, Ausbau der Industrie) konnten durch die Ende der 20er Jahre einsetzende Weltwirtschaftskrise nur teilweise durchgesetzt werden. Gegen die Kurden und Armenier in Südostanatolien ging die neue Staatsführung genauso rabiat und grausam vor wie schon ihre Vorgänger. Aufstände wurden mit Waffengewalt niedergeschlagen, ihre Kultur wurde unterdrückt, die Sprache verboten. Ein Freundschaftspakt mit Großbritannien und Frankreich 1939 beendete die seit den 20er Jahren bestehenden guten Beziehungen zur Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg blieb die Türkei neutral, durch die offizielle Kriegserklärung an Deutschland und Japan im Februar 1945 erfüllte das Land die Voraussetzung für die Aufnahme in die UNO (United Nations Organization). Durch seine geostrategische Lage spielte die Türkei für den Westen im Kalten Krieg ein wichtige Rolle. 1952 trat die Türkei der NATO bei (North Atlantic Treaty Organization/1949 von den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Italien, Portugal, Dänemark, Norwegen und Island gegründetes Verteidigungsbündnis).

1946 war das Mehrparteiensystem eingeführt worden, die ersten Parlamentswahlen 1950 wurden von der Demokratischen Partei gewonnen gegen die von Kemal Atatürk gegründete Republikanische Volkspartei. Die Nachfolgepartei der Demokratischen Partei, die konservative Gerechtigkeitspartei, gewann die Wahlen 1965 und stellte mit Süleyman Demirel den neuen Ministerpräsidenten (bis 1971). Wie schon sein Vorgänger Menderes wurde auch Demirel vom Militär gestürzt. Bülent Ecevit von der Republikanischen Volkspartei wurde Demirels Nachfolger.

Von 1970 bis heute

Der mit Griechenland bestehende Konflikt um die Insel Zypern (1960 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen, türkisch-zypriotische Minderheit ohne Autonomierechte) eskalierte, nachdem es auf der Insel immer wieder zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen der türkischen Minderheit mit den griechischen Zyprioten gekommen war. 1974 erklärte die griechische Mehrheit der Bevölkerung den Anschluss der Insel an Griechenland, worauf türkische Truppen den Nordteil der Insel besetzten. 1975 wurde Zypern geteilt.

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre kam es zu häufigen Regierungswechseln, wobei sich Demirel von der Gerechtigkeitspartei und Ecevit von der Republikanischen Volkspartei im Amt des Ministerpräsidenten abwechselten. 1980 führte ein Militärputsch zur Auflösung des Parlaments und Aussetzung der Verfassung. Neuer Staatspräsident wurde der General Kenan Evren, der gleichzeitig dem einberufenen Nationalen Sicherheitsrat vorstand. Über die Provinzen der Türkei wurde das Kriegsrecht verhängt, politische Parteien verboten und die Parteispitzen verhaftet. Internationale Organisationen warfen der türkischen Militärregierung schwerste Verstöße gegen die Menschenrechte vor.

1983 gewann bei den Parlamentswahlen die neu gegründete rechtskonservative ANAP (Mutterlandspartei), neuer Ministerpräsident und Chef einer zivilen Regierung wurde Turgut Özal. Infolge der von ihm durchgeführten Demokratisierung des Landes bildete sich wieder eine Parteienlandschaft heraus, die im wesentlichen neben der ANAP aus der sozialdemokratischen Volkspartei (SHP) und der konservativen Partei des Rechten Weges (DYP) bestand.

In den 80er Jahren kam es zu einer erneuten Verschärfung des Kurdenkonflikts im Südosten der Türkei. Bereits im November 1978 hatte Abdullah Öcalan die "Kommunistische Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) gegründet, die von der Regierung in Ankara zwar verboten wurde, doch weiterhin im Untergrund aktiv blieb. Ihr Ziel war ein souveräner sozialistischer Kurdenstaat in der Südosttürkei, der auch die Teile von Syrien, Irak und Iran beinhalten sollte, in denen Kurden Anteile an der Bevölkerung haben. Seit den 80er Jahren führte die PKK eine Reihe von Terroranschlägen auf das türkische Militär durch und es kam immer wieder zu militärischen Einsätzen in den überwiegend von Kurden besiedelten Gebieten in Südanatolien. Das Vorgehen des türkischen Militärs wurde dabei wiederholt von internationalen Menschenrechtsorganisationen kritisiert. 1991 erkannte Süleyman Demirel (inzwischen zum siebten Mal Chef der Regierung) die Kurden in der Türkei erstmals als ethnische Minderheit an, lehnte jedoch einen eigenen kurdischen Staat entschieden ab. In den 90er Jahren kam es zu einigen Großoffensiven der türkischen Armee (auch über die türkischen Staatsgrenzen hinaus) gegen die PKK, wobei zahllose kurdische Dörfer vernichtet und tausende von Menschen getötet wurden. 1999 wurde der PKK-Führer Öcalan festgenommen, was die Bewegung entscheidend schwächte. Bis heute hat der bewaffnete Kampf zwischen den türkischen Regierungen und der PKK zu ungefähr 40 000 Toten und zur Migration von Hunderttausenden geführt.

Der Zusammenbruch des Ostblocks seit 1989 veränderte die geopolitische Bedeutung der Türkei. Auf die wachsende Instabilität der Region reagierte die türkische Staatsführung mit einer Reihe von regionalen Initiativen wie z.B. die 1992 ins Leben gerufene "Schwarzmeerkonferenz" (die ein jährliches Gipfeltreffen der Schwarzmeerstaaten vorsieht) und den Turkstaatengipfel im gleichen Jahr (Abkommen über enge wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den turksprachigen ehemaligen Sowjetrepubliken und der Türkei). Innenpolitisch gewann in der Mitte der 1990er Jahre die Islamistische Wohlfahrtspartei (RP) an Bedeutung, die 1995 auch die Wahlen gewann. Entgegen der Politik seiner Vorgänger strebte deren Führer Necmettin Erbakan eine engere Anlehnung an den fundamentalistisch orientierten Iran an. 1998 wurde die RP wegen staatsfeindlicher fundamentalistischer Aktivitäten verboten (ebenso wie die islamische "Tugendpartei" FP). 2001 wurden zwei neue Parteien gegründet: Die islamistischen Traditionalisten schlossen sich in der Saadet-(Glückseligkeits-)Partei zusammen, die Reformer in der AKP unter Recep Tayyip Erdogan. Die AKP sieht sich selbst als reformorientierte konservative Volkspartei und lehnt das Attribut "islamisch" ab. Ihre innenpolitischen Gegner unterstellen ihr eine schleichende Islamisierungspolitik.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends stand die West-Integration der Türkei als außenpolitisches Ziel fest, ebenso wie die gewünschte Aufnahme in die Europäische Union (seit 1999 ist dem Land der offizielle Kandidatenstatus zuerkannt, Beitrittsverhandlungen begannen 2005). Allerdings erschwert die Zypernfrage die Verhandlungen: Ende 2006 wurden von der EU Sanktionen gegen die Türkei beschlossen und die Beitrittsverhandlungen in einigen Bereichen eingefroren. Zwischen der griechischen und der türkischen Regierung kam es zu einer Annäherung: Im Januar 2000 besuchte Georgios Papandreou als erster griechischer Außenminister seit knapp 40 Jahren die Türkei und schloss mit der türkischen Regierung ein Abkommen in den Bereichen Tourismus, Umwelt, Bekämpfung des Terrorismus und Schutz der Investitionen. Beim Gegenbesuch einen Monat später sprachen die Außenminister beider Länder von einer neuen Ära in den griechisch-türkischen Beziehungen. Mehrere bilaterale Vereinbarungen folgten. Mit dieser Annäherungspolitik ging auch ein starker Aufschwung des Handelsaustausches einher. Ende 2007 wurde die erste türkisch-griechische Gaspipeline eingeweiht. - Der Kampf mit den kurdischen Rebellen (PKK) im Südosten der Türkei eskalierte wieder. Ab Oktober 2007 griff die türkische Luftwaffe mutmaßliche PKK-Stellungen im benachbarten Irak an. Dies belastete die ohnehin schwierigen Beziehungen zum Irak weiter.

Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen im Juli 2007 erhielt die regierende islamisch-konservative AKP mit 47 % der Stimmen die Mehrheit. Sie konnte sich mit Abdullah Gül im August 2008 auch bei der Wahl des neuen Präsidenten durchsetzen. Die Auseinandersetzung um das Laizismusprinzip und um vermeintliche Versuche der Regierung, dieses Prinzip aufzuweichen, gewannen damit an Schärfe. Die indirekte Aufhebung des Kopftuchverbots an den Universitäten im Februar 2008 durch Verfassungsänderung mündete schließlich in den Antrag, die AKP zu verbieten; er wurde vom Verfassungsgericht im Juli abgelehnt (die Lockerung des Kopftuchverbots war schon einen Monat vorher wieder aufgehoben worden). Bei den Parlamentswahlen im Juni 2011 erhielt die AKP erneut die Mehrheit der Stimmen (49,8 %).

Mit zahlreichen Reformpaketen hat die Türkei seit 2002 viele der in der EU-Beitrittspartnerschaft aufgelisteten Prioritäten im Menschenrechtsbereich in Angriff genommen, darunter Abschaffung der Todesstrafe, Stärkung der zivilen Kontrolle über das Militär, Beendigung gesetzlicher Diskriminierungen von Frauen sowie eine grundlegende Reform des Straf- und Strafprozessrechts. Der Fortschrittsbericht der EU vom Oktober 2013 zeichnet in Sachen Menschenrechte jedoch ein gemischtes Bild: Die gesellschaftliche Wirklichkeit bleibt in weiten Teilen des Landes hinter den gesetzlichen Fortschritten zurück.

Zur Lösung des Kurdenkonflikts finden seit Ende 2012 Gespräche zwischen dem türkischen Staat und dem inhaftierten Anführer der PKK Abdullah Öcalan statt. Nach heftigen bewaffneten Auseinandersetzungen in den vergangenen zwei Jahren herrscht seit März 2013 erstmals wieder eine von beiden Seiten eingehaltenen Waffenruhe.