Vatikan Geschichte

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    Die Etablierung des Christentums in Rom

    Der Vatikan ist seit dem 11. Februar 1929 durch die Lateranverträge ein unabhängiger und souveräner Staat. Er bildet den kleinen Rest des ehemaligen weltlichen Herrschaftsgebietes der Päpste. Erst ab Anfang des 4. Jh. n.Chr. wurde das Christentum in Rom toleriert, 391 wurde es zur Staatsreligion erhoben. Der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche war (und ist) als Nachfolger des Apostels Petrus gleichzeitig Bischof von Rom. Der Titel "Papst" ist erstmals im 4. Jh. bezeugt.

    Der römische Kaiser Konstantin der Große ließ im Jahr 324 auf dem Monte Vaticano über dem Grab des Apostels Petrus (dem ersten Bischof Roms) eine Basilika errichten. Ab dem Jahr 330 wurde das auf der Kleinasiatischen Halbinsel gegründete Byzanz (Konstantinopel, das heutige Istanbul) von Kaiser Konstantin dem Großen zur neuen Hauptstadt des Römischen Reiches ernannt. Nach der Teilung des Römischen Reiches im Jahr 395 wurde Byzanz Hauptstadt des Oströmischen (Byzantinischen), Rom das Zentrum des Weströmischen Reiches.

    Während im Oströmischen Reich die Staatsgewalt der Kirche übergeordnet wurde und der Kaiser in seiner Person die höchste weltliche und kirchliche Gewalt in sich vereinte, stand dem geistlichen Führer des Weströmischen Reiches (Papst) nach der Absetzung des letzten weströmischen Kaisers (476) keine einheitliche Staatsgewalt mehr gegenüber, sondern eine Reihe von Germanenreichen.

    Ab dem 4. Jh. erwarb die römische Kirche in Italien zunehmend Grundbesitz. Ab Beginn des 6. Jh.s wurden der Grundbesitz in und um Rom von Papst Gregor I. (bis 604) strukturiert und eine eigene Verwaltung aufgebaut. Die Päpste residierten in einem Palast im Stadtteil Laterano in Rom, der der römischen Christengemeinde im 4. Jh. vom römischen Kaiser geschenkt worden war.

    Bündnis mit den Frankenherrschern

    Im 8. Jh. schloss Papst Stephan II. ein Bündnis mit dem Frankenherrscher Pippin III. gegen die einfallenden Langobarden. Für die kirchliche Legitimierung seiner Herrschaft und die Zuerkennung des Titels "patricius Romanorum" übernahm Pippin III. die Oberhoheit und Schutzherrschaft über Rom und die Kirche und übergab nach dem Rückzug der Langobarden deren Gebiete an den Papst ("Pippinische Schenkung"). Damit wurde der Kirchenstaat begründet.

    Im 8. Jh. löste sich der Kirchenstaat weiter vom Kaiser von Byzanz, indem Papst Leo III. im Jahr 800 den Karolinger Karl den Großen zum Kaiser krönte. Dadurch wurde der Kaiser zum Schutzherren und weltlichen Oberhaupt der römischen Christenheit, während der Papst das geistliche Oberhaupt darstellte.

    Spaltung der römischen Kirche

    Im Jahr 1054 kam es zur endgültigen Spaltung der gesamtrömischen Kirche in die römisch-katholische und die oströmischen bzw. griechisch-orthodoxen Kirchen.

    Im 10. Jh. wurde der Kirchenstaat durch den deutschen Kaiser Otto I. beherrscht. Die Streitigkeiten um die Vorherrschaft, die im 11. Jh. im Investiturstreit gipfelten (Investitur = Recht zur Bischofseinsetzung), hielten bis zum Untergang der Stauferdynastie in der Mitte des 13. Jh.s an.

    Das große abendländische Schisma

    Bis zum Anfang des 13. Jh.s dehnte sich der Kirchenstaat weiter aus, bis er die heutigen italienischen Regionen Emilia Romagna, Latium, Umbrien und Marken umfasste. Nach dem Untergang der deutschen Stauferdynastie wurde Frankreich die dominierende politische Macht in Europa. 1305 wurde der französische Adlige Raymond Bertrand de Goth auf Betreiben des französischen Königs zum Papst gewählt (Klemens V.). 1309 wurde die päpstliche Residenz nach Avignon verlegt (bis 1377). Diese so genannte "Babylonische Gefangenschaft der Kirche" führte zu einem Zerfall des Kirchenstaates. 1378 kam es zum großen abendländischen Schisma, das bis zum Konstanzer Konzil 1417 andauerte: Zwei bzw. drei Päpste erhoben gleichzeitig Anspruch auf die oberste Gewalt in der Kirche.

    Das Kirchenschisma, die zunehmende Verweltlichung des Klerus und des Papsttums, die Anhäufung von Reichtümern und das kuriale Finanzsystem, das ständig neue Einkommensmöglichkeiten erschloss (z.B. den Ablasshandel, bei dem sich die Gläubigen von ihren Sünden "freikaufen" konnten), führten dazu, dass gegen Ende des 14. Jh.s von vielen Seiten eine Kirchenreform gefordert wurde. Diese scheiterte jedoch am Widerstand des Papsttums.

    1473 begann unter Papst Sixtus IV. der Bau an einer päpstlichen Hauskapelle, die 1481 als Sixtinische Kapelle fertig gestellt wurde. Wenige Jahre später erließ Papst Innozenz VIII. seine Bulle "Summis desiderantis", die den kirchlichen Hexenjägern weitreichende Vollmachten bei Anklage und Überführung angeblicher Hexen erteilte.

    Anfang des 16. Jh.s gelang es Papst Julius II., verlorengegangene Gebiete zurückzuerobern und wieder einen zentral verwalteten Staat zu erschaffen. In dieser Zeit wurde ein Bündnis mit der Schweizer Eidgenossenschaft geschlossen, in dem unter anderem die Schweizer Garde als Leibgarde des Papstes festgelegt wurde. 1506 wurde mit dem Neubau der Peterskirche begonnen (Einweihung im Jahr 1626).

    Zeitalter der Reformation

    Im 16. Jh. wurden die katholische Kirche und das Papsttum durch die Reformationsbewegung stark geschwächt. Bis ins 18. Jh. hinein spielte der Kirchenstaat machtpolitisch dennoch eine große Rolle. Seit der Gründung verfügte der Staat über eigene Truppen, die z.B. 1571 bei der Seeschlacht von Lepanto gemeinsam mit spanischen und venezianischen Soldaten die Seestreitkräfte des Osmanischen Reiches besiegten ("Heilige Liga").

    1582 wurde unter Papst Gregor XIII. der nach ihm benannte Gregorianische Kalender eingeführt, der den Julianischen Kalender ablöste.

    Auflösung des Kirchenstaats

    Ende des 18. Jh.s marschierten französische Truppen unter der Führung von Napoleon Bonaparte in Italien ein und der Kirchenstaat musste große Gebietsverluste hinnehmen (Frieden von Tolentino 1797). Zwei Jahre später erklärte Bonaparte den Kirchenstaat für aufgelöst und rief die "Römische Republik" aus. Papst Pius VI. wurde inhaftiert und nach Frankreich gebracht. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege bestätigte der Wiener Kongress 1815 die Restauration des Kirchenstaates.

    Nach der Gründung eines italienischen Königreiches 1861 wurde der päpstliche Kirchenstaat stufenweise in das Königreich eingegliedert. 1870 war der Kirchenstaat aufgelöst und verfügte über kein Territorium mehr.

    Der Vatikan seit 1929

    Papst Pius XI. handelte Ende der 20er Jahre des 20. Jh.s mit dem faschistischen Diktator Benito Mussolini (Italiens Ministerpräsident) die so genannten Lateranverträge aus, durch die der Vatikan als völkerrechtlich anerkannter und souveräner Staat mit eigenem Staatsterritorium entstand. Als Entschädigung für die Auflösung des Kirchenstaates zwischen 1870 und 1929 erhielt der Vatikan von Italien eine Summe von rund 1,75 Milliarden Lire, die in Aktien, Firmenbeteiligungen und Edelmetallen angelegt wurden. Weiter wurde in den Lateranverträgen die katholische Religion als Staatsreligion festgehalten, im Gegenzug erkannte der Papst Rom als Hauptstadt Italiens an. Noch im gleichen Jahr wurde das Grundgesetz des Vatikanstaates erlassen.

    1962 begann in Rom das Zweite Vatikanische Konzil (bis 1965), das eine innere Reform und Modernisierung der Kirche anlässlich der veränderten gesellschaftlichen Umstände beschloss (das Erste Vatikanische Konzil hatte 1869/70 stattgefunden). Unter anderem wurde in den Beschlüssen des Konzils das Lateinische als einzige zulässige Sprache der Messe zugunsten der Landessprachen abgeschafft.

    1978 wurde der polnische Kardinal Karol Wojtyla vom Kardinalskollegium zum neuen Papst Johannes Paul II. gewählt. Nach 455 Jahren wurde damit erstmals wieder ein Nicht-Italiener zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. 1984 wurden die Lateranverträge inhaltlich erneuert und im wesentlichen bestätigt.

    1996 erkannte der Papst die auf Charles Darwin zurückgehende Evolutionstheorie an und erklärte sie als "mit dem christlichen Glauben vereinbar". Aktive Empfängnisverhütung lehnte das Oberhaupt der katholischen Kirche weiterhin kategorisch ab. Das Ponitifkat von Papst Johannes Paul II., der an der Parkinsonschen Krankheit litt, war vor allem durch seine zahlreichen Auslandsreisen gekennzeichnet. Einen Rücktritt aus Krankheitsgründen lehnte der Papst entschieden ab. Im Staat der Vatikanstadt wurde 2002 der Euro als Währung eingeführt

    Nach dem Tod von Johannes Paul II. wurde Kardinal Joseph Ratzinger 2005 zum neuen Papst gewählt und nannte sich Benedikt XVI. Er suchte den Dialog mit dem Islam und versuchte außerdem, das Verhältnis zur Volksrepublik China zu verbessern. 2007 wurden diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgenommen.

    Im Jahr 2009 wurde die katholische Kirche von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Nachdem immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch von katholischen Geistlichen an Kindern bekannt wurden, entschuldigte sich Papst Benedikt XVI mehrfach bei den Betroffenen und bat um Vergebung. Neben Deutschland traf der Skandal unter anderem Irland, Belgien und die Niederlande. Im April veröffentlichte der Vatikan interne Regeln zum Umgang mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.

    Nach dem Amtsverzicht von Benedikt XVI. aus Altersgründen im Februar 2013 wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum 266. Papst gewählt. Er ist seit März 2013 im Amt und nennt sich Franziskus. Franziskus ist der erste Lateinamerikaner und der erste Jesuit im Papstamt.